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Schicksal Avatar?
Ökokrieg, das Fremde und die Perspektive
Andreas Exner | 3. März 2010
(Schlagworte: Kapital, Kulturindustrie, Militär, Ökologie, Vietnam,
Zivilisation)
Die Macht der Bilder bringt Gewalt zum Ausdruck. Riesenhafte Schaufelbagger,
überwältigende Kraterwunden in der Erde, ein Raumschiff ist im Anflug.
Rundum Tropenwald. Eine idyllische Landschaft umgibt grünwuchernd eine
Militärbasis in Grau und Schwarz. Das Raumschiff entlässt Soldaten auf die
Landebahn. Zuletzt gleitet ein Mann im Rollstuhl hinaus auf Pandora.
So beginnt Avatar. Wir befinden uns auf einem fremden Planeten. Doch wie es
anders gar nicht sein kann: Der Film handelt von der Erde.
Der Avatar ist das Zwischenwesen - halb extraterrestrischer Indigener, halb
Mensch - mit dem eine Handvoll Wissenschafter_innen, die auf der
Militärbasis arbeiten, das Vertrauen der Ureinwohner_innen gewinnen und sie
zur freiwilligen Umsiedelung bewegen wollen. Denn die Menschen tun auf dem
Planeten Pandora genau dasselbe wie hier auf Erden: sie beuten die Natur
nach Strich und Faden aus. Dem stehen die Eingeborenen wehrhaft im Weg.
Als die Avatare ins Bild rücken und unser Handicap-Held, ein Soldat im
Rollstuhl, mit technischer Hilfe in den übergroßen, kraftvoll-eleganten
Avatar schlüpft, von dessen Hinterhaupt ein Asiatenzopf baumelt, verdichtet
sich das Bild der US-Marines im Tropenwald zu einer Assoziation: Vietnam.
Viel deutlicher noch ist allerdings die Anspielung auf die Native Americans,
die den Eingeborenen viele Züge leihen. Freilich entspricht das Militär auf
Pandora - eine Privatarmee im Dienst des business - eher postfordistischer
Kriegführung im Irak als den Hippie-Marines in Vietnam.
Der Held, in real life gelähmt, entdeckt als Avatar an der Seite einer
Eingeborenen die Wunder des Science Fiction-Dschungels. Der Wald wirkt wie
ein Hollywood-Abklatsch vom Paradies: Farbeffekte, unerhört eindrucksvoll,
treten zur fantastischen Formenvielfalt der Computeranimation - ein
Märchenzoo, getaucht in Lichtstimmungen, die zuweilen fast überirdisch
anmuten. Diese Bilder im Kopf wirkt der businessman auf der Militärbasis,
der die geschäftliche Seite des Rohstoffprojekts verkörpert, nachgerade
grotesk, als er einen Stehsatz westlicher Zivilisation, die ihre
segensreichen Früchte von den unbelehrbaren "Wilden" verschmäht sieht, von
sich gibt: "Sollen sie doch in ihrem Dreck verrecken".
Der Held derweil erkennt, dass die Eingeborenen kein gutes Zureden und kein
"Zivilisierungsangebot" dazu bewegen wird ihre Lebensweise aufzugeben - was
sollen sie von uns wollen, sagt er den Militärs: Jeans, alkoholfreies Bier?
Und in der Tat. Nachdem die Strategie der Wissenschafter_innen nicht
aufgeht, das Vertrauen der Eingeborenen zum Zweck von "Herrschaft durch
Konsens" zu gewinnen, kommt die harte Faust der Militärmaschinerie zum
Einsatz. Der Held, anfänglich ein eingeschworener Diplomat, erkennt, dass in
der Logik von Militär und Geschäft eine friedliche Koexistenz mit einer
davon unberührten Kultur unmöglich ist. Während er eine Rede vor den
Eingeborenen schwingt, stellt er fest: Die Angreifer kennen keine Grenzen,
sie werden das machen, was sie auch auf der Erde machten - alles zerstören,
was sich ihrer Logik der Expansion und Ausbeutung in den Weg stellt.
Es wirkt wie ein impliziter Kommentar auf die abgeschmackten NGO-Predigten
der "Win-Win-Situationen" zwischen Umweltschutz und Kapital, als die
Eingeborenen zu den Waffen greifen, ermutigt noch durch einen Erdling, der
seinen Kampfaufruf mit den Worten unterstreicht: Er wisse, wovon er spreche.
Der Rest ist Vietnam. Die Eingeborenen schlagen die Übermacht der Erdlinge
im Dschungelkrieg. Dort wo die Gerätschaften der Angreifer versagen,
lukriert die Guerilla ihren Heimvorteil. Die blaugetönten Native Americans
dieses fremden Regenwaldplaneten erfahren eine selbst filmisch seltene
Genugtuung, fast so als hätte der Regisseur den Ausspruch "es ist nie zu
spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben" auf die Geschichte des
amerikanischen Kontinents umlegen wollen: die US-Marines werden geschlagen
und das Korps wird, extraterrestrische Humanität verpflichtet,
feinsäuberlich nach Haus geschickt. Ein Happy End, das, wie bekannt, zur
Realgeschichte in genauem Gegensatz steht. Folgerichtig kommentiert ein
konservativer Filmkritiker: "If you can get a theater full of people in
Kentucky to stand and applaud the defeat of their country in war, then
you've got some amazing special effects" (Quelle: Wikipedia).
Im Showdown zwischen dem in Vietnamfilmtradition halb durchgeknallten
Kommandanten und unserem an den Rollstuhl gefesselten Helden, der nur durch
den Kunstkörper des Avatars, der mit seinem Geist funktioniert, volle
Beweglichkeit erhält, kommt die Ökostory auf den Punkt. Kurz vor seinem Tod
schleudert der Kommandant dem Helden ins Gesicht: Nie hätte er sich gedacht,
dass der Marine die eigene Rasse verraten würde.
So funktioniert der Film wie auf zwei Ebenen: oberflächlich gesehen eine
Kitsch-Geschichte voller Klischees, die in der Tat weitgehend vorhersehbar
abläuft (Lovestory zwischen der amazonenhaften Eingeborenen und dem wie in
einer Comicversion griechischer Tragödie verletzt-verletztlichen US-Soldaten
inklusive). Auf einem Stockwerk tiefer jedoch gibt es Brüche, und zwar
mehrfach. Zum Einen funktioniert der Streifen aus der Perspektive der
Unterdrückten, was angesichts der Vietnam- und Westernfilme herkömmlicher
Bauart ungewöhnlich ist. Zum Anderen erteilt er der Ökodiplomatie eine
Absage, fast so als wäre Avatar eine Parallelerzählung zum Klimagipfel in
Kopenhagen.
Am stärksten aber irritiert der Subtext dort, wo die Lösung der Ökokrise auf
Pandora und die Versöhnung der "Menschen" miteinander und der Natur
impliziert, dass der Held - am Endpunkt des Films - seine bisherige Existenz
aufgibt und buchstäblich zum "Wilden" wird; nicht zum Weißen, der zum
"besseren Wilden" wird, sondern zu genau dem, und zwar mit Haut und Haar,
was Inbegriff des "Alien" ist.
Denn zweierlei ist daraus zu lesen: Eine Alternative zu Kapital und Staat,
zu businessmen und Militär, erfordert, dass wir zu "ganz Anderen" werden,
dass sich die westlich-kapitalistische Scheinzivilisation in das auflöst,
was ihr als das Fremdartigste, Gefährlichste und Verabscheuenswürdigste
überhaupt gilt - oder aber: dass eine Lösung der ökologischen Krise nur im
Traum, in Gestalt eines Science Fiction-Films noch denkbar scheint; als eine
rein halluzinatorische Auflösung des Widerspruchs zwischen Kapital und gutem
Leben, die lediglich die fortgeschrittene Filmtechnik des 21. Jahrhunderts
fiktiv möglich macht.
Avatar erlaubt beiderlei Interpretation. Es bleibt zu hoffen, dass die erste
zutrifft.
Dabei ist der Film selbst eine fast schon monströse Ausgeburt jenes
Widerspruchs, den er implizit kritisiert. Die schier endlose Reihe der
beteiligten Firmen und Personen, die im Nachspann minutenlang über die
Leinwand flimmert, Zeugnis der enorm komplexen Kooperation in den
fortgeschrittensten Bereichen kapitalistischer Produktion, bricht sich an
der bis auf den Gipfel getriebenen Verwertungslogik des kulturindustriellen
Kapitals: Noch nie ist ein Film so sehr auf das Marketing am Spielemarkt
getrimmt worden wie Avatar.
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