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Keine Erleuchtung durch Biogas in der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr
2010
Ambitioniertes Kunstprojekt gescheitert
Peter Fend ist ein Künstler und Visionär. Im Mittelpunkt des
künstlerischen Schaffens des 1950 in Ohio geborenen US-Amerikaners steht
die natürliche Umwelt und dabei alles, was mit Wasser zu tun hat. Die
Europäische Kulturhauptstadt Ruhr muss allerdings 2010 auf seinen Beitrag
verzichten.
Schon im April 2009 hatte er ein Projekt »Feuer und Flamme für Flüsse«
vorgestellt: Biogas sollte aus dem Aufwuchs von drei Gewässern im
Ruhrgebiet gewonnen werden. Fend wollte damit zeigen, dass »es nicht nur
möglich ist, Biomasse aus der Natur zu entnehmen, ohne diese zu schädigen,
sondern, dass die Natur dadurch sogar gestärkt werden kann.« Er stellte
einen Bezug zum Rhein-Herne-Kanal her, der im Jahr 1914 fertiggestellt
wurde. Den dann folgenden Krieg hatte Fend bereits 1992 in seinem Beitrag
zur Dokumenta als Krieg um fossilen Kohlenstoff als Energieträger
interpretiert. Er wollte 2010 zeigen, dass es jenseits der begrenzten
Vorräte, um die Ölgesellschaften Kriege führen lassen, einen
unerschöpflichen Rohstoff aus der Natur gibt, und das sogar in einer dicht
besiedelten Industrielandschaft. Als integraler Teil einer Kunstaktion
sollten die Besucher selbst beim Ernten der Biomasse Hand anlegen.
Das Projekt im Ruhrgebiet steht in der Tradition der »Ocean Earth
Construction and Development Corporation«, die 1980 Fends Ruhm begündet hat
und von der New York Times als »Mischung zwischen Konzeptkunst, Aktivismus
und Unternehmergeist« gefeiert wurde. Es benenne brennende Umweltprobleme
duch den Einsatz von Kunst als Design.
Florian Matzner, Kurator der EMSCHERKUNST.2010, war begeistert von Peter
Fends Konzept und auch die Emschergenossenschaft reagierte zunächst
positiv. Die Energie aus dem Biogas sollte in einer Art Teehaus mit dem
Titel »Erneuerbar« visualisiert werden. Die Biogasanlagen sollten teils
fahrbar, teils auf Schwimmkörpern montiert sein und zwischen den Stellen,
an denen Wasserpflanzen geerntet werden und dem Ort der Biogasnutzung
pendeln. Ein Kunstprojekt, dessen Realisierbarkeit im Auftrag von Peter
Fend mit Experten und Praktikern aus dem Bereich der anaeroben Vergärung
abgeklopft worden war. Zum wissenschaftliche Stab gehörten unter anderem
Shane Carter vom Clean Energy Centre in Neuseeland, der dort in
verschiedenen Forschungseinrichtungen tätig war und eine nationale
Biogaskonferenz organsiert hatte, und Dr. Carl Henderson, ein erfahrener
Biochemiker aus der Industrie.
Doch EMSCHERKUNST.2010 traute diesem Sachverstand nicht und damit begann
ein Drama, dass den Künstler schließlich zum Rückzug aus einem Projekt
nötigte, dessen Vorbereitungen er monatelang aus eigener Tasche
vorfinanziert hatte. Dr. Simone Timmerhaus als Vertreterin der
Emschergenossenschaft begann an der »Machbarkeit« zu zweifeln und so wurde
das Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen eingeschaltet, das um eine
Beurteilung gebeten wurde. Obwohl Fend immer wieder betonte, dass es
wichtig sei, den Sommer 2009 zum Anlegen eines Vorrats an Biomasse zu
nutzen, bewegte sich nichts.
Dabei entwickelte sich gerade im Sommer 2009 die Wasserpest im Baldeneysee
zur Plage. Zusammen mit dem Filmemacher Saschko Frey, der das
EMSCHERKUNST.2010-Projekt seit 2008 dokumentiert, produzierte Fend ein
Video. Es zeigt, wie er mit in kurzer Zeit und einfachen Mitteln große
Mengen an aquatischer Biomasse abschöpfen konnte. Derweil schwieg sich das
Fraunhofer-Institut darüber aus, welche Pflanzen geerntet werden könnten
und wie die Vorbehandlung und Hydrolyse gestaltet werden müsste.
Schließlich übergab Dr.-Ing. Eckehard Weidner den Bericht des
Fraunhofer-Instituts UMSICHT, in dem es heißt, dass über die Idee von Peter
Fend zur Gewinnung von Biogas aus Wasserpflanzen der in der
wissenschaftlichen Literatur wenig zu finden gewesen sei und dass das Thema
neu für das Institut sei.
Am 24. November teilte die Emschergenossenschaft mit, dass sie alles, was
mit der Erzeugung von Biogas zu hätte, selber machen könnte. Dem Künstler
wurde ein Vertrag vorgelegt, in dem von diesen essenziellen Aspekten seiner
Kunstaktion keine Rede mehr war und seine Rolle auf den Betrieb eines
Pavillions unter dem Namen »Erneuerbar« reduziert wurde. Die
Emschergenossenschaft wollte auch Besuchern keinen Zugang zu den Stellen
gewähren, an denen Wasserpest geerntet werden konnte. Nicht einmal eine
Begehung der Stelle des geplanten Pavillions wurde dem Künstler gestattet.
Am 1. Dezember 2009 schickte schließlich Dipl.-Ing. Joachim Krassowski vom
Fraunhofer-Institut eine E-Mail, in der er mitteilte, dass es mit der
anaeroben Vergärung von Wasserpest überhaupt keine Erfahrungen gäbe und
noch viel Entwicklungsarbeit erforderlich sei. Allein dafür wurde dann eine
halbe Million Euro angesetzt, mehr als das Doppelte dessen, was Fend für
die gesamte Kunstaktion veranschlagt hatte. Nun hatte Peter Fend engültig
den Eindruck, dass er ausgebootet werden sollte, und stieg aus dem Vertrag
mit EMSCHERKUNST.2010 aus.
Im Nachhinein glaubt Peter Fend auch zu verstehen, wie es noch im
September dazu kam, dass ihn das Fraunhofer-Institut dazu bringen wollte,
statt des von seinen Fachleuten entwickelten Konzepts einen transportablen
Biogas-Mini-Reaktor der Firma PlanET in Gelsenkirchen einzusetzen. Es
könnte damit zu tun haben, dass diese Firma am 9. Juni 2009 von
NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben einen Zuwendungsbescheid über
71.000 Euro für das Projekt »Nachhaltiges Biogas« mit einem Volumen von
450.000 Euro zusammen mit Gelsenwasser und dem Fraunhofer-Institut erhalten
hat. Fend hatte das Ansinnen abgeleht, weil ihm der elektrisch beheizte
Mini-Fermenter absolut ungeeignet für sein ökologisch motiviertes Konzept
erschien, was ihn möglicherweise den Kopf gekostet hat. Sein Vorschlag, den
Fermenter zu kaufen und umzurüsten, wurde abgelehnt.
Wenige Tage später wurde ihm jeder Einfluss auf die Ernte der Biomasse,
die Aufbereitung und die Biogastechnik entzogen.
So muss die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr auf ein Kunstwerk
verzichten, dass in der Tradition von Joseph Beuys (1921-1986) steht, einem
Künstler, der im Ruhrgebiet heimisch war und an der Kunstakademie
Düsseldorf gelehrt hat. Fend bezieht sich konkret auf die Installation
»Fettecke« aus dem Jahr 1982. Fend begreift Methan, den ersten in der Reihe
der Kohlenwasserstoffe. Beuys hatte gesagt: »Alles muss durch die
Fettecke«, und so geht für Fend in einer Ökonomie der geschlossenen
Kohlenstoffkreisläufe alles durch das im Biogas enthaltene Methan.
Eine Erkenntnis, deren Verbreitung in einem spektakulären Kunstprojekt
dank kleinlicher Eifersüchteleien der Forscherzunft an der Ruhr ausgebremst
wurde.
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