Nadeshda
Forum: cl.soziales.arbeit
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>

"Hartz IV" und "Rente mit 67" - aus der sozialdemokratischen und faschistischen Tradition des deutschen Imperialismus

"Hartz IV" und "Rente mit 67" - aus der sozialdemokratischen und faschistischen Tradition des deutschen Imperialismus.

05.02.10

"Leistungsknick" und Heraufsetzung des Leistungsalters der Arbeiter im Faschismus des deutschen Kapitals.

Von Reinhold Schramm

Ein zentraler Angriffspunkt der Gesundheitsführung in den Betrieben zum Zwecke maximaler Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft war der sogenannte "Leistungsknick" - definiert als "... jenes Lebensjahr, mit dem mindestens die Hälfte der schaffenden Volksgenossen zahlreicher Berufe ihren Aufgaben nicht mehr voll genügen kann."

Bei Männern lag er 1937 "um das 40., bei den Frauen schon um das 30. Lebensjahr herum ...".(1) Während das von den Faschisten erhoffte "Fernziel" in der Utopie von der Angleichung der Leistungsperiode an die Lebenszeit bestand, zog es die faschistische Propaganda vor, diese Zielsetzung von 1936 an schrittweise publik zu machen.

Der Forderung nach Heraufsetzung der vollen Leistungsfähigkeit auf das 55. Lebensjahr folgten 1937 das 60. und 70. Lebensjahr, ein Jahr danach das 80. (2) Damit war aber angesichts der Kriegsvorbereitungen die Eskalation des räuberischen Leistungsfanatismus noch längst nicht erschöpft. Am wenigsten betroffen waren davon in den Vorkriegsjahren die Jugendlichen, da die im Interesse der imperialistischen faschistischen Rassen- und Eroberungspolitik des deutschen Kapitals erlassenen Arbeitsschutzgesetze streng zu beachten waren. Bis zu ihrer verstärkten Einbeziehung in die deutsche Rüstungsindustrie als Folge des rüstungsbedingten Arbeitskräftemangels galt dies auch für Frauen.(3) Um so härter traf es die erwachsenen männlichen Arbeiter. Sie waren schon seit 1936 durch eine gesetzliche Verlängerung der Arbeitszeit bei anhaltender Akkordarbeit nicht nur 48, sondern 60 Stunden lang, z. T. noch länger, rücksichtsloser Ausbeutung kapitalistischer Konzerne ausgeliefert.(4) An sie war ein menschenverachtendes Ansinnen gerichtet, als Ersatz für den aus bevölkerungs- und militärpolitischer Berechnung geförderten Frauen- und Jugendschutz einen "Opfergang" zu gehen, - einen "... Opfergang der Älteren ...", die bereit seien, vor der Jugend zu sterben.(5) Für diese in ihrem Leben gefährdeten Arbeiter galt in Bezug auf den Gesundheitszustand besonders, was man als "Minimalfunktionsnorm" im Sinne jenes Zustandes definierte, "... in dem ein Mensch (nach bereits vollzogener Arbeitsleistung) gerade noch fähig war, das nächste Soll zu erfüllen." So verwundert es nicht, dass sich vornehmlich infolge "... häufiger Überbeanspruchung am Arbeitsplatz" und angesichts der "Scheu, die der werktätige Mensch vor dem Arzt" empfand, das "durchschnittliche Leistungsalter ... nicht erhöhte ...".(6) Man propagierte dennoch wenig später voller Zynismus als "... ein erstrebenswertes Ziel für die Gesundheitsführung" jenen Zustand, bei dem "der Zeitpunkt des allmählichen Kräfteschwundes kurz vor dem Eintritt des physiologischen Todes liegt und der endgültige Kräfteverfall mit ihm zusammenfällt."(7) [vorzeitiger Tod und damit Minderung der Sozial- und Rentenleistung] - Damit wurde jenes Verbrechenskapitel an der inneren Front des deutschen Imperialismus eingeleitet, das im Herbst 1942 in den KZ der SS sowie Neben- und Zwangsarbeitslagern für Rüstungskonzerne als Programm zur massenhaften "Vernichtung durch Arbeit" seinen furchtbaren Anfang nahm.

Um ein frühzeitiges Herabsinken der Leistung zu verhindern, orientierte zudem die NS-Ärzteführung die an den Reihenuntersuchungen beteiligten Ärzte auf die sicher auch im Interesse vieler Arbeiter liegende Erkennung von "Frühschäden", die man als ein noch nicht krankhaftes, vor allem durch "funktionelle Schwächezustände" erklärtes "... Absacken der Leistungskraft bzw. Störungen der Leistungsbereitschaft ..." verstand, welche die NS-Ärzte als Ausdruck erfolgreicher Gesundheitsführung zu beheben hatten. (8)

  1. Bartels, F.: Vgl. Anm. 37b. - S. 887. Schon 1927 berichtete z. B. Arnold During, dass das "... durchschnittliche Erwerbsleben des Arbeiters im Betrieb kaum 30Jahre erreicht" und dass die "Frauen mit Ende des vierten Dezenniums, Männer mit längstens Mitte des fünften aus dem Betrieb ausscheiden ..." (During, A.: Die Ermüdung im praktischen Betrieb. - In: Atzler, E. - Vgl. Anm. 20. - S. 601f.).
  2. Vgl. Tagung der .... - Vgl. Anm. 28. - S. 108; Bartels, F.: Vgl. Anm. 37a. - S. 485; R. Ley am 11.9.1937 in Nürnberg (zit. nach Graessner 1980a, S. 6). (Schon) 1935 sprach sich Ley skrupellos dafür aus, dass man "... von Achtzehnjährigen bis meinetwegen Achtzigjährigen" in Anpassung an das "Schwinden der Kräfte ... laufend das Tempo der Arbeit ändert ..." (zit. nach Giersch 1981, S. 261).
  3. Vgl. Neitzel: Der Arbeitsschutz der Jugendlichen und Frauen (einschließlich des Arbeitsschutzes). - In: Zent.-bl. Gewerbehyg. - 23 (1936). - S. 121-126; Hebestreit, H.: Vgl. Anm. 28; Dräger, W.: Der Arbeitsschutz im Kriege. - In: Ebenda. 27 (1940). - S. 161-165; Bauer, Th.: Arbeitszeit und Pausenregelung der Frau im Kriege. - In: Ebenda. - S. 241-246. Vgl. auch Graessner 1982, S. 193; Herbert 1985, S. 47.
  4. Vgl. Dräger, W.: Der Arbeitsschutz der Beschäftigten in gewerblichen Betrieben (mit Ausnahme des Schutzes der Jugendlichen und Frauen). - In: Zent.- bl. Gewerbehyg. - 23 (1936). - S. 1-6; ders.: Die neuen Arbeitsbestimmungen. Für den betrieblichen Gebrauch zusammengestellt. - In: Ebenda. - 26 (1939). - S. 82-90.
  5. Bartels. F.: Vgl. Anm. 37. - S. 488; 890.
  6. Schnazenberg, W.: Vgl. Anm. 49. - S. 49.
  7. Bockhacker, W.: Vgl. Anm. 22. - S. 16.
  8. Wagner, G.: Vgl. Anm. 33. - S. 880; Bartels, F.: Vgl. Anm. 37a. - S. 888f.; ders.: Vgl. Anm. 58. - S. 130f.

Vgl.: Medizin unterm Hakenkreuz, VEB Verlag Volk und Gesundheit 1989. Entstehung und Ausbau des faschistischen Betriebsarztsystems und dessen Funktion bei der Ausbeutung der deutschen Arbeiter und ausländischen Zwangsarbeiter [- im Eroberungs-, Gewinn- und Profitinteresse der faschistischen Bourgeoisie und Administration]. - "Leistungsknick" und Heraufsetzung des Leistungsalters der Arbeiter [im Faschismus des Kapitals].

Quelle: scharf-links, 5.2.10
http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=8709&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=66bcb91e72

Die unter www.scharf-links.de angebotenen Inhalte und Informationen stehen unter einer deutschen Creative Commons Lizenz. Diese Lizenz gestattet es jedem, zu ausschließlich nicht-kommerziellen Zwecken die Inhalte und Informationen von www.scharf-links.de zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen. Hierbei müssen die Autoren und die Quelle genannt werden. Urhebervermerke dürfen nicht verändert werden. Einzelheiten zur Lizenz in allgemeinverständlicher Form finden sich auf der Seite von Creative Commons.

06.02.10    Absender/-in: Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>
Forum: cl.soziales.arbeit