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Poonal Nr. 883
Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer
Agenturen vom 15. Februar bis 21. Februar 2010
INHALT
ARGENTINIEN
- DokumentarfilmerInnen wehren sich gegen Uribes Attacken
BRASILIEN
- Parteikongress der PT kürt Dilma Rousseff zur Präsidentschaftskandidatin
HONDURAS
MEXICO
- Gewaltsame Räumungen von zapatistischen Gemeinden
- DemonstrantInnen in Ciudad Juárez fordern Rücktritt von Calderón
PERU - INTERNATIONAL
- Wo die Geschichte von Avatar Wirklichkeit wird
ARGENTINIEN
DokumentarfilmerInnen wehren sich gegen Uribes Attacken
(Fortaleza, 12. Februar 2010, adital-poonal).- Nach der öffentlichen Stellungnahme des kolumbianischen Präsidenten Ãlvaro Uribe, in welcher er die Vorführung des Dokumentarfilms âFarc â der Aufstand des 21. Jahrhundertsâ verurteilt, hat die Argentinische Vereinigung der DokumentarfilmerInnen Doca (Asociación de Documentalistas Argentinos) zu einem Aktionstag für die Meinungsfreiheit in Argentinien aufgerufen. Soziale und politische Organisationen sind aufgefordert, sich am 19. Februar an der Aktion in Buenos Aires zu beteiligen.
Bei dieser Gelegenheit plant man den Dokumentarfilm "Farc - La insurgencia del siglo XXIâ vorzuführen. Der Film war zuvor im November 2009 in der internationalen Sektion der III. Doca-Schau präsentiert worden. Doch vor kurzem sahen sich sowohl der Film als auch die Vereinigung den Attacken des kolumbianischen Präsidenten ausgesetzt.
Der anonym veröffentlichte Dokumentarfilm zeigt Farc-MitgliederInnen bei der Feldarbeit. Bauern, die sich tagsüber um ihre Selbstversorgung bemühen und nachts gegen den Imperialismus kämpfen, so die verharmlosende Darstellung im Film.
Dementsprechend verschnupft fiel Uribes Kommentar zu dem Video aus: "Und jetzt kommen die Farc mit einem Video daher, bei dem ihnen ein paar Ausländer geholfen haben, um eine weitere Lüge in die Welt zu setzen. Sie wollen jetzt als Bauern, Arbeiter durchgehen. Dabei kultivieren sie nicht einmal Koka. Das, was sie machen ist, die Bauern auszubeuten, indem sie diese für die Feldarbeit einsetzen. Sie selbst nehmen sich dann das Geld, das mit der Koka verdient wird."
Beim Aufruf zu ihrem Aktionstag erklärte Doca: âZwei Monate nach der Uraufführung gab es die ersten Angriffe Uribes gegen unsere Vereinigung. Nun geht die Eskalation weiter, in Form eines Aufrufs durch den kolumbianischen Botschafters in Argentinien, Ãlvaro GarcÃa Jiménez. GarcÃa Jiménez ruft über die Medien seine Landsleute dazu auf, in Argentinien zu spionieren und sämtliche Aktivitäten, die mit Propaganda und Veröffentlichungen über die Farc zu tun haben, anzuzeigen."
Die Vereinigung meint, dass die Reaktion der kolumbianischen Regierung nicht nur Doca, sondern auch der Meinungsfreiheit eines ganzen Volkes Schaden zufüge. Denn für die argentinischen DokumentarfilmerInnen ist die Tatsache, dass Uribe die Ausstrahlung des Films verurteilt, eine âinakzeptable fremde Einmischung in die Meinungsfreiheitâ im Land.
âOffensichtlich kann man dies nur aus dem Mund des Repräsentanten eines völkermordenden Staates verstehen, der sich fest dem Imperialismus der Yankees verschrieben hat. In einem Land, in dem gerade Massengräber mit 2.500 Leichen gefunden wurden. Menschliche Ãberreste der insgesamt 25.000 sozialen und politischen Kämpfer, die unter der paramilitärischen Regierung Uribes verschwunden gelassen wurdenâ, so die Vereinigung.
Vor dem Hintergrund dieser ÃuÃerungen ruft Doca zu einer Aktion zur Verteidigung der Meinungsfreiheit auf. Gleichzeitig beklagt die Vereinigung die Untätigkeit der argentinischen Führungsriege angesichts der kolumbianischen Drohungen. Laut Aussagen der DokumentarfilmerInnen hat sich die argentinische Staatskanzlei bislang noch nicht mit Doca über den Vorfall in Verbindung gesetzt.
Mehr Informationen unter http://www.docacine.com.ar/
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BRASILIEN
Parteikongress der PT kürt Dilma Rousseff zur Präsidentschaftskandidatin
Von Andreas Behn
(Berlin, 20. Februar 2010, npl).- (Rio de Janeiro, 20. Februar 2010).- Offiziell hat der Wahlkampf noch lange nicht begonnen. Erst im Juni sollen die KandidatInnen nominiert werden, im Oktober schlieÃlich wird an den Urnen über die Nachfolge von Präsident Inácio Lula da Silva entschieden. Dieser hat jedoch schon vor langem entschieden, wer sein Projekt eines wirtschaftlich erfolgreichen sowie sozialen Brasiliens fortführen soll: Dilma Rousseff, derzeit Kanzleramtsministerin und als langjährige politische Weggefährtin eine der engsten Vertrauen des scheidenden Präsidenten.
Auf dem 4. Nationalen Kongress der regierenden Arbeiterpartei PT von 18. bis 20. Februar wurde Dilma per Akklamation zur Vorkandidatin für die Präsidentschaft gekürt. Doch ihr Weg in das höchste Staatsamt ist noch weit, denn der trockenen Politikerin aus dem südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul fehlt es an Charisma und politischer Ãberzeugungskraft. Um sie bei den WählerInnen bekannter zu machen, erklärte Lula sie vergangenes Jahr zur Chefin des Wachstums-Beschleunigungs-Programms PAC. Seitdem touren beide gemeinsam durch das Land und weihen neue Schulen, StraÃen und GroÃbauwerke ein.
Die rechte Opposition und ein GroÃteil der Presse bemühen sich derweil, Dilma als konturlosen Schatten Lulas in Misskredit zu bringen. Sie habe kein Profil und kein eigenes Programm, das über die Vorgaben der Regierung Lula hinaus gehe, so der Tenor. Zudem wird der ehemaligen Guerillera unterstellt, die Rolle des Staates in Wirtschaft und Politik ausbauen und das Land weiter nach links rücken zu wollen. PT-Parteichef José Eduardo Dutra kontert: âWir wollen die Staatsbetriebe stärken, wie wir es seit Beginn unserer Regierung tun. Sie (die Opposition) sprechen von chinesischen Komponenten oder dass wir uns an Venezuela orientieren. Kann es sein, dass die Opposition gegen die Stärkung des (staatlichen Erdölkonzerns) Petrobras ist?â
Auch die Linke in Brasilien ist keineswegs überzeugt von Dilma Rousseff. Im Gegensatz zur Propaganda der Rechten fürchtet sie zurecht, dass sie bis ins Detail die Politik Lulas fortsetzen wird, die auf unbedingte Entwicklung und Wirtschaftswachstum setzt. Also groÃzügige Staatshilfen für die GroÃindustrie, Bevorzugung der Agrobusiness und keinerlei Umweltskrupel, wenn es um umstrittene Staudammprojekte geht.
Lula hingegen ist sich seiner Sache sicher. Nach wie vor erfreut sich seine Politik im Inland unglaublicher Beliebtheitswerte, im Ausland gilt er als der groÃe Macher. Die Kandidatin der Kontinuität, so sein Kalkül, kann nur verlieren, wenn sie sich richtig groÃe Patzer erlaubt. Uneingeschränkte Unterstützung kommt von der verarmten Mehrheit der BrasilianerInnen, vor allem im Norden und Nordosten, denen seine Sozialprogramme ein etwas angenehmeres leben beschert haben. Und auch die UnternehmerInnen wie die Finanzwelt stehen seiner Politik wohlwollend gegenüber, da sie ihnen in den vergangenen Jahren Stabilität und groÃe Gewinne gebracht hat.
Selbstbewusst setzt der Präsident darauf, die kommenden Wahlen in ein Plebiszit zu verwandeln: Seine Politik gegen die seiner Vorgänger, oder das Modell Lula gegen das Modell von Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso von der rechten PSDB. Seit Wochen wetteifern die beiden darum, wessen Regierung erfolgreicher gewesen ist, wer mehr gebaut hat, wer einfach recht hat â Lulas Kapitalismus mit starkem Staat oder Cardosos Neoliberalismus.
Für die PSDB wird voraussichtlich Cardosos Ex-Gesundheitsminister José Serra zum Duell antreten. Die anderen VorkandidatInnen haben kaum eine Chance, die Stichwahl zu erreichen. Auch nicht die beliebte Marina Silva, die nach Jahren an der Spitze des Umweltministeriums der Lula-Regierung vergangenes Jahr den Rücken kehrte, just weil Dilmas PAC-Politik ihr jeden politischen Spielraum genommen hatte.
Dennoch gab es für die PT-StrategInnen auf dem Parteikongress noch Herausforderungen. Vor allem muss die breite Bündnispolitik â das Erfolgsrezept der zweiten Legislaturperiode Lulas â gegen Regionalinteressen in einigen Bundesstaaten durchgesetzt werden. Ohne das breite Bündnis, das rechte wie linke Parteien und korrupte wie integere PolitikerInnen aller Couleur umfasst, könnte Dilma Rousseff keine stabile Regierung bilden. Wichtigster Koalitionspartner wird die Mitte-Rechts-Partei PMDB bleiben, so der Konsens der Parteikongresses.
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HONDURAS
Selektive Repression
Von Tobias Lambert
(Darmstadt, 19. Februar 2010, amerika21.de).- Tegucigalpa. Menschenrechtsorganisationen und die Widerstandsbewegung in Honduras verzeichnen weiterhin eine hohe Anzahl selektiver politischer Verbrechen in dem mittelamerikanischen Land. So kamen dieses Jahr bereits mindestens zehn MitgliederInnen des Widerstandes gewaltsam ums Leben. Seit der Amtsübergabe an Porfirio Lobo am 27. Januar wurden mit Vanessa Zepeda und Julio Fúnez BenÃtez zwei GewerkschaftsmitgliederInnen gezielt getötet. Ein weiterer Gewerkschafter, Porfirio Ponce, wurde Mitte Februar in seinem Haus überfallen. Dabei entwendeten die Eindringlinge seinen Computer und beschmierten das Innere des Wohnhauses mit Blut.
Auf dem Land sehen sich Kleinbauern einer verstärkten Repression ausgesetzt. Polizei, Militär und private Sicherheitskräfte von GroÃgrundbesitzern machen erhobene Ansprüche auf Land verstärkt gewaltsam geltend. Zudem häufen sich kurzzeitige Entführungen und Folterungen von MitgliederInnen oder SympathisantInnen der Widerstandsbewegung. Die Menschenrechtsorganisation Cofadeh spricht in diesem Zusammenhang von einem Wandel der Repression. Diese werde zunehmend als gewöhnliche Kriminalität in Form von Entführungen, Ãberfällen und Einbrüchen dargestellt.
Dem Ziel einer Normalisierung der internationalen Beziehungen Honduras' scheint Porfirio Lobo trotz der anhaltend desolaten Menschenrechtslage jedoch immer näher zu kommen. Die spanische Regierung erkannte ihn Anfang der Woche offiziell als Präsident von Honduras an und gab bekannt, dass Lobo an dem EU-Lateinamerikagipfel Mitte Mai in Madrid teilnehmen werde. Weitere EU-Länder dürften Spanien, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne hat, folgen. Die Europäische Union will zügig die Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit Zentralamerika abschlieÃen. Nach dem Putsch waren die Verhandlungen über das Abkommen, das als Kern einen Freihandelsvertrag beinhaltet, zunächst ausgesetzt worden.
Nach auÃen und gegenüber den politischen Parteien und Institutionen vertritt Lobo einen Kurs der Versöhnung. Obwohl er den Putsch von Beginn an unterstützt hatte, ging er bereits vor seiner Amtsübernahme demonstrativ auf Abstand zu Putschpräsident Roberto Micheletti. MitgliederInnen der kleinen Linkspartei UD (Demokratische Vereinigung) band Lobo in die Regierungsarbeit ein, während er gleichzeitig versucht, die Widerstandsbewegung zu isolieren.
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MEXICO
Gewaltsame Räumungen von zapatistischen Gemeinden
Von Patricia ChandomÃ
(Mexiko-Stadt, 18. Februar 2010, cimac).- Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas (kurz: Frayba) in Chiapas prangerte âeine Strategie der Besitzenteignung, Verdrängung und Diskriminierungâ seitens der Behörden an. Der Darstellung zufolge würden mit der offiziellen Begündung des âUmweltschutzesâ vor allem fundamentale Rechte der Frauen und Kinder verletzt. Betroffen sind bislang die Gemeinden Laguna El Suspiro und Laguna San Pedro, die in der Biosphäre von Montes Azules im Bezirk Ocosingo liegen.
Nach den von Frayba dokumentierten Zeugenaussagen landeten am Morgen des 21. Januar 2010 zwischen drei und fünf Hubschrauber in der Gemeinde Laguna El Suspiro. Heraus stiegen ca. 60 Polizeibeamte, von denen einige schwarze Uniformen, andere Tarnanzüge trugen.
Ohne offizielles Schreiben oder irgendeine Erklärung begannen die Beamten mit einer gewaltsamen Räumung der Gemeinden, die als Sympathisanten der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) gelten.
MarÃa Cortes Pérez und Magdalena GarcÃa Cortes wurden aus ihren Häusern gezerrt und zum Dorfzentrum getrieben. Später zwang man sie in einen Hubschrauber zu steigen, mit dem sie in die Bezirkshauptstadt Palenque gebracht wurden. Einige andere Frauen entkamen in den Urwald.
Die beiden Frauen quartierte man in einer Unterkunft der örtlichen Basis für die Gesamtentwicklung der Familie in Chiapas DIF (Sistema para el Desarrollo Integral de la Familia del Estado de Chiapas) ein. Zur Zeit ist noch nicht genau bekannt, wohin sie gebracht werden sollen.
Einen Tag später, am Freitag den 22. Januar 2010, führten 250 Polizeibeamte in der Gemeinde Laguna San Pedro eine ähnliche Operation durch. Sie informierten die Bevölkerung darüber, die Aktion wäre von staatlicher Seite angeordnet. Hier wurden zwölf Personen im Hubschrauber abtransportiert, darunter Kinder, Frauen und Männer.
Die vertriebenen Familien wurden ebenfalls nach Palenque gebracht, wo einige von ihnen Marcos Minor Flores von der Staatsanwaltschaft im Distrikt Selva vorgeführt wurden.
Regierungsfreundlichen Quellen zufolge sei die Operation vom 21. bis 22. Januar eine koordinierte Aktion von verschiedenen Institutionen gewesen, darunter: eine polizeiliche Spezialeinheit der Generalstaatsanwaltschaft von Chiapas, die Behörde für öffentliche Sicherheit, die Generalstaatsanwaltschaft der Republik, die Bundesstaatsanwaltschaft für Umweltschutz, die Nationale Kommission für Naturschutzgebiete, sowie staatliche MenschenrechtsvertreterInnen.
In einer Pressekonferenz am 26. Januar erklärten VertreterInnen der Umweltbehörden des Staates Mexiko und des Landes Chiapas, sie würden einen Plan zur ErschlieÃung touristischer Ziele auf der Mayaroute voran treiben. Das Projekt solle die für Ãkotourismus ausgewiesenen Ortschaften einschlieÃen und verstehe sich als eine Strategie zum Erhalt und zur Entwicklung des lakandonischen Regenwaldes.
MEXICO
DemonstrantInnen in Ciudad Juárez fordern Rücktritt von Calderón
(Buenos Aires, 19. Februar 2010, púlsar).- Zeitgleich mit dem zweiten Besuch des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón in Ciudad Juárez forderten DemonstrantInnen seinen Rücktritt, sowie den Rückzug des Militärs.
Bereits eine Woche zuvor war Calderón in die nordmexikanische Stadt gekommen, um sich bei den Angehörigen der 15 ermordeten Jugendlichen zu entschuldigen, die er zuvor als Bandenmitglieder bezeichnet hatte.
Bei diesem Besuch nun setzte sich der Präsident für neue MaÃnahmen ein, um die anhaltende Gewalt und Unsicherheit in der Grenzregion einzudämmen. Hierbei kündigte er an, dass die Armee in dem Gebiet bleiben werde, um die Verbrechen zu bekämpfen, die gröÃtenteils mit dem Drogenhandel zusammenhängen.
Genau das wollen die DemonstrantInnen jedoch nicht. Sie fordern ein "Ende des verlogenen Krieges gegen das Verbrechen."
Nach Angaben von Julián Contreras, der in der Nationalen Front gegen die Repression (Frente Nacional contra la Represión) aktiv ist, foderten die Demonstrationen in Ciudad Juárez zudem den Rücktritt des Präsidenten, weil "er einen unverantwortlichen Krieg angefangen hat, ohne die BewohnerInnen zu fragen." Seitdem die Armee in die Stadt gekommen ist, so Contreras, "haben die Verbrechen zugenommen."
Zudem sei erneut "Gerechtigkeit und Entschädigung für die Familien der Jugendlichen, die als Bandenmitglieder beschuldigt wurden", gefordert worden.
Die Militärstrategie war 2006 von der mexikanischen Regierung beschlossen worden. In den Jahren 2008 und 2009 wurden 4.250 Menschen in Ciudad Juárez ermordet. In der Stadt lebten 2005 noch 1.300.000 Menschen. Im Januar dieses Jahres wurden bereits 227 Morde im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen verzeichnet.
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PERU - INTERNATIONAL
Wo die Geschichte von Avatar Wirklichkeit wird
Von Susanne Friess*
(Berlin, 19. Februar 2010, npl).- Am Samstag war ich im Kino. Der neue millionenfache Kassenschlager heiÃt âAvatar â Aufbruch nach Pandoraâ. In der Beschreibung steht, es sei ein Science-Fiction-Film. Computeranimierte, faszinierende Bilder aus einer märchenhaften Welt. Eine ergreifende Geschichte, die auf dem fernen Planeten Pandora spielt. NaâTMvi heiÃen die Eingeborenen dieses Planeten, die in enger Verbundenheit und perfekter Harmonie mit der Natur leben und die von bösen, geldgierigen Menschen, die in ihrem vom Planeten Erde gekommen sind, bedroht werden. So weit die Beschreibung. Doch je länger ich im Kino sitze und je tiefer ich mich von der Geschichte davontragen lasse, umso klarer wird mir: das ist keine Science Fiction. Das, was da in knapp drei Stunden erzählt wird, ist über weite Strecken absolut real. Die Geschichte der NaâTMvi auf dem fernen Planeten Pandora wiederholt sich täglich hundertfach auf unserem Planeten. Es ist eine Geschichte, der ich in meiner Arbeit ständig begegne. Eine Geschichte, gegen deren grausamen Ausgang wir â Misereor und die Partnerorganisationen in Lateinamerika, Asien und Afrika ständig ankämpfen. Mein Pandora heiÃt Cajamarca. Es liegt im Norden Perus. Meine NaâTMvi sind einfache Bäuerinnen und Bauern, Cajamarquinos, die von gierigen Unternehmen aus fernen Ländern in ihrer Existenz bedroht werden. Die Unternehmen wollen an die kostbaren Rohstoffe auf dem Land der Cajamarquinos. Sie wollen diese Rohstoffe, unbedingt und um jeden Preis. Sie sind bereit, dafür über Leichen zu gehen. Was im Film der heilige Baum der NaâTMvi ist, ist in Cajamarca der Cerro Quilish. Kein Baum, sondern ein Berg. Aber eben nicht irgendein Berg, genauso wenig, wie der heilige Baum im Film âAvatarâ irgendein Baum ist. Es ist ein heiliger Ort. Ein unantastbarer Ort. Ein geweihter Ort. Ein Ort, an dem die Cajamarquinos beten und der Mutter Erde Opfer bringen.
Das us-amerikanische Bergbau-Unternehmen Newmont lässt sich von solch spiritueller Spinnerei kaum beeindrucken. Wie die bösen Menschen im Film Avatar über die göttliche Energie, die der heilige Baum den NaâTMvi verleiht, nur höhnisch lachen können, so wischt auch Newmont das Argument von der Unantastbarkeit des Cerro Quilish mit einem Handstreich vom Tisch. Unter dem Quilish ist Gold. Gold in hohen Konzentrationen. Gold, auf das die gierige Welt wartet. Das ist das einzige was zählt. Das gute Geschäft wird man sich doch nicht von ein paar primitiven Bauerntölpeln verderben lassen! Und so fährt das Unternehmen seine groÃen Geschütze gegen die Bauern auf, rollt mit schwerster Maschinerie an, bringt Polizei, Militär und Waffen mit und kämpft um den Zugriff auf das Gold. Auch die Cajamarquinos in Peru kämpfen: um ihren heiligen Berg. Um den Erhalt ihrer Wasserquellen. Um ihr Land. Um die Bewahrung der gottgegebenen Schöpfung. Die Cajamarquinos haben keine Waffen. Sie gehen zu Fuà oder reiten auf Pferden. Sie haben kein Tränengas, keine Bulldozer und keine Hubschrauber. Sie haben nur eins: ihre Ãberzeugung. Waffen und Macht der zwei Kontrahenten sind sehr ungleich. An vielen, vielen Orten auf diesem, unserem ganz realen Planeten verlieren deshalb täglich Hunderte und Tausende von Bauern und Bäuerinnen diesen ungerechten Kampf. Müssen ihr Land räumen. Ihre heiligen Stätten zurücklassen. Müssen weggehen. Sich eine neue Heimat suchen. Nicht selten in den Armenvierteln der groÃen Städte.
Pandora ist nicht fern von unserem Planeten. Avatar ist nicht Science Fiction. Die Bedrohung, der die NaâTMvi ausgesetzt sind, wiederholt sich täglich tausendfach. All das ist real. Ungewöhnlich erscheint mir nur, dass
Millionen von Menschen sich diesen Film im Kino ansehen, sich berühren lassen, sich mitreiÃen lassen, im Geiste mitfiebern und hoffen, dass die NaâTMvi ihren Lebensraum verteidigen können. Während die Cajamarquinos und viele andere bedrohte Völker in der sogenannten âDritten Weltâ ihren Kampf gegen die groÃen Bergbauunternehmen ohne groÃe Ãffentlichkeit und ohne millionenfache Unterstützung ausfechten müssen.
Susanne Friess ist Beraterin für Bergbau und Entwicklung bei Misereor
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