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Erst Carter, dann Obama? Kommt es zum "Change"?
Das Ende der US-Dominanz und die Perspektiven der Nahost-Politik
Im vergangenen Jahr droehnte ein wuetender Aufschrei durch die
amerikanischen Medien: am 18.4.2008 traf sich der demokratische ExPraesident
Jimmy Carter in Syrien mit dem Hamas-Fuehrer Khaled Meshaal.
Die Bush-Regierung bezichtigte ihn des Verrats an zentralen nationalen
Anliegen. Und Carters Parteigenossin Hillary Clinton trieb ihren
Mitbewerber um die Praesidentschaftskandidatur vor sich her und noetigte
ihn zu erklaeren, dass Carters Besuch unangemessen sei.
Anzunehmen ist, dass sich beide von dem unheiligen Schrecken vor der
rechtsgerichtet-militaristischen Israel-Lobbyoeganisation AIPAC leiten
ließen, die bisher jeden fuehrenden Politiker noetigte, ihre
Versammlungen zu besuchen und ein Bekenntnis zur israelischen Politik
abzulegen.
Es ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass dieses und andere
Ereignisse Obama veranlassten, sich der Palaestina-Problematik mit
aeußerster Vorsicht anzunaehern. Als nicht irrelevant ist auch sie
Bedrohung einzuschaetzen, der er sich als schwarzer Praesident ausgesetzt
sehen muss: von seiten der republikanischen Gegner im Wahlkampf wurde
bereits mehrfach der Hinweis wiederholt, es mache keinen Sinn, Obama zu
waehlen, weil er im Erfolgsfall bald ein toter Praesident sei.
Bedrohungslage
Tatsaechlich besteht in den USA und ihrem Umfeld ein ganzes Spektrum
gewaltbereiter Gruppierungen, mit denen Obama gegebenenfalls zu rechnen
hat und die mehr oder weniger deutliche Verflechtungen aufweisen mit
seinen politischen Gegnern in Washington: die republikanische Kandidatin
Sarah Palin benutzte in ihren Reden Zitate eines faschistoiden
Suedstaatlers, der die Entschlossenheit eines amerikanischen Patrioten
beschwor, das Gehirn des damaligen politischen Gegners auf das Pflaster
einer Stadt im Sueden der USA spritzen zu lassen.
Bedroht waere Obama von denselben Gruppierungen, denen schon Martin
Luther King zum Opfer fiel. Nicht weniger aber auch von denen, die das
Attentat auf den friedensbereiten israelischen Regierungschef Rabin
bejubelten, sollte er sich einer Fortfuehrung der radikalen
neokonservativen Israelpolitik widersetzen.
Die Drohung von republikanisch/neokonservativer Seite, Obama koenne mit
gewisser Wahrscheinlichkeit den Antritt seiner Praesidentschaft nicht
lange ueberleben, muss deshalb ernst genommen werden.
Mit einem Abweichen vom bisherigen Kurs riskiert Obama allemal einen
Spiessrutenlauf: durch seine Partei"freunde", die sich - soweit sie zu
den Fuehrungskadern der Demokraten zaehlen - ueberwiegend auf proisraelischen
Kurs haben einschwoeren lassen, nicht weniger, als durch die
große Zahl der Israelanhaenger in der amerikanischen Elite, die vielfach
unter der Bush-Regierung Karriere im Apparat des Pentagon, der
Geheimdienste, der Justiz oder der Heimatschutzbehoerde machen konnten.
Die Faeden der Loyalitaet, die sie mit einem Praesidenten verbinden, der
nicht den bisherigen Kurs fortsetzt, sind duenn und nicht belastbar.
Selbst viele Monate nach seinem Amtsantritt wird Obama nicht davon
ausgehen koennen, dass er so sicher im Sattel sitzt, dass er sich
erlauben kann, seinen eigenen politischen Vorstellungen, seiner eigenen
Strategie zu folgen: er wuerde schnell zur einsamsten Person in den
Fuehrungsetagen des amerikanischen Politikapparates zaehlen.
Hinzu kommt, dass es nicht zu den Staerken der amerikanischen Liberalen,
der Demokraten zaehlte, einen Prozess des politischen Aufraeumens eines
von den Vorgaengern korrumpierten Apparates durchzufuehren. Von der
politischen Konkurrenz, von republikanischen Regierungen hingegen wurden
solche Saeuberungsprozesse meist gruendlich und rigide durchgesetzt,
nicht selten unter Uebertretung geltenden Rechts und unter Anwendung
saemtlicher verfuegbarer Tricks.
Damit ergab sich ueber die Jahrzehnte eine deutliche Drift des
amerikanischen Systems nach rechts, in die neokonservative Ausrichtung,
die auch eine groeßere Zahl von Anhaengern unter den Demokraten hat. Eine
Sozialpolitik, wie sie noch unter den demokratischen Praesidenten
Roosevelt oder Johnson selbstverstaendlich war, im Sinn einer Teilhabe
breiter Bevoelkerungsschichten am gesellschaftlichen Reichtum, wuerde
heute von vielen demokratischen Politikern als kommunistisch
gebrandmarkt.
Die aktuelle Information ueber seine Verhandlungsbereitschaft mit der
palaestinensischen Hamas ist gegebenenfalls bereits geeignet, im
neokonservativen Lager, das den ueberwiegenden Teil der USMainstreammedien
kontrolliert, saemtliche Alarmglocken schrillen zu
lassen.
Bemerkenswerterweise wurde von diesen Absichten in den amerikanischen
Medien praktisch nichts berichtet. Dies blieb europaeischen Medien, wie
dem britischen "Guardian" vorbehalten.
Obama 's europaeische Option
Der Kolumnist der "Vanity Fair", Michael Wolff, hat sich mit der Frage
befasst, warum die Annoncierung der Oeffnung der US-Aussenpolitik durch
Obama fuer die europaeische Presse ein Thema ist, jedoch nicht fuer die
amerikanische.
Der amerikanische Medien-Mainstream sei ueber lange Jahre einzementiert
in eine konventionell pro-israelische Haltung.
Jede Abweichung von dieser Einstellung wuerde unmittelbar geahndet als
unverzeihlicher Tabubruch und deshalb außerordentlich heikel.
Aus diesem Grund sei eine Verlautbarung deutlicher politischer
Abweichungen in der Palaestinafrage in den US-Medien nicht angezeigt, und
man habe deshalb eine Aeußerung im englischen "Guardian" vorgezogen.
Wolff weist außerdem darauf hin, dass es Hillary Clinton waere, die eine
Politik der Verhandlungen umzusetzen haette und er stellt fest, dass
verschiedene personelle Verknuepfungen zwischen Clinton und dem Guardian
bestehen.
http://www.huffingtonpost.com/michael-wolff/hi-hamas-its-hillb156564.html
Sollte sie tatsaechlich kongenial eine Politik des Ausgleichs zwischen
den Konfliktparteien in Palaestina unterstuetzen, waere sie ohne Frage
eine ideale Besetzung: Clinton kann aufbauen auf einem Ruf als
außenpolitische Hardlinerin, die den Neokonservativen nur wenig
nachsteht. Vor diesem Hintergrund koennte sie leichter ein Entgegenkommen
riskieren und umsetzen, als Obama selbst, dem in diesem Fall
Unerfahrenheit und Nachgiebigkeit zur Last gelegt wuerde. Waehrend ihres
Wahlkampfes genoss sie außerdem die Unterstuetzung der New York Times.
In den Kontext einer Kurswende im Nahen Osten passt das Treffen der USEx
-Praesidenten im Weissen Haus am Mittwoch, dem 7.1. mit Obama:
beteiligt waren neben Bush sr. und jr. dabei Jimmy Carter und Bill
Clinton.
Es ist geradezu unvorstellbar, dass in einer Situation der blutigen
Ereignisse in Gaza, die eine spezielle Herausforderung fuer den neuen
Praesidenten bedeuten, von Obama die Gelegenheit versaeumt worden waere,
diese Frage nicht mit den beiden demokratischen Ex-Praesidenten, Bill
Clinton und Jimmy Carter, zu diskutieren. Jimmy Carter duerfte einen
solchen Anlass genutzt haben, seine Einschaetzung der
Gespraechsbereitschaft auf seiten der Hamas zur Kenntnis zu bringen.
Dass das (inoffizielle) Statement von Obamas Seite, mit dem er sein
bisheriges Schweigen zum Gaza-Konflikt beendete, einen Tag darauf
erfolgte, duerfte somit nicht allzu sehr verwundern.
Deutliche Kritik an Israel kam vorher bereits vom langjaehrigen
aussenpolitischen Strategen Zbigniew Bzezinsky. Der israelische Angriff
sei eine voellig ueberzogene, exzessive Reaktion und ausgesprochen
destruktiv fuer die politischen Bezehungen im Nahen Osten.
Brzezinsky war im vergangenen Jahr von Obama als aussenpolitischer
Berater hinzugezogen worden.
http://www.huffingtonpost.com/2008/12/30/zbigniew-brzezinski-callsn154211.html
und
http://airamerica.com/content/maddow-zbigniew-brzezinski-breaks-down-fighting-gaza
Es ist insgesamt unwahrscheinlich, dass es zu einer schnellen Aenderung
der amerikanischen Außenpolitik kommt: die Positionen - insbesondere der
pro-israelischen Politik - wurden ueber Jahrzehnte festgezurrt und
zementiert. Auf kurze Sicht wird sich daran auch ein bereitwilliger USPraesident
daran die Zaehne ausbeißen. Der "Tanker" des amerikanischen
politischen Systems wird nicht ohne weiteres gedreht werden koennen.
Besonders auf seiten der demokratischen Partei ist eine Vielzahl von
Bemuehungen erkennbar, Obama zu umstellen mit Politikern, die als
Garanten des "business as usual" gelten koennen, derselben Politik, die
seit Jahrzehnten betrieben wurde.
Zur gleichen Zeit ergibt sich jedoch die Chance, dass sich durch den
globalen Umbruch, den Finanz- und Weltwirtschaftskrise verursachen nun
neue Optionen oeffnen, die fuer konventionelle Analysen und
Interpretationen der politischen Dynamik nicht erkennbar sind.
Das Ende der US-Vorherrschaft ist inzwischen so gut, wie besiegelt.
Finanz-und Wirtschaftsanalysten stellen inzwischen gehaeuft fest, dass
die amerikanische Finanz- und Wirtschaftspolitik inzwischen in einen
Panik-Modus verfallen ist und nur noch wenig unter Kontrolle hat.
Insbesondere wird inzwischen allgemein der Zusammenbruch der
amerikanischen Waehrung erwartet.
Paradigmenwechsel der US-Außenpolitik
Die Chancen der USA, die Wirtschaftskrise zu ueberwinden, werden als
erheblich schlechter eingeschaetzt, als sie sich in den 30er-Jahren
darstellten: damals befand sich die US-Oekonomie in vergleichsweise gutem
Zustand und konnte den Kollaps des Finanzsystems nach und nach verdauen.
Die großen Geschaeftsbanken der Wallstreet, die im vergangenen Jahr
zusammenbrachen, wie Lehman, Morgan Stanley und Bear Stearns hatten
damals die Krise ueberleben koennen.
Die Ausstrahlungskraft des amerikanischen Systems, die das vergangene
Jahrhundert beherrschte und noch bis vor kurzem Investoren weltweit
veranlasste, Kapital in die USA zu pumpen und damit unter anderem die
amerikanischen Kriege zu finanzieren, ist mit dem Abtritt der BushRegierung
unter den Nullpunkt gefallen: die Mehrheit der globalen
Kapitalgeber bemueht sich aktuell, sich von US-Investments zu trennen und
von offizieller chinesischer Seite wurde nun erklaert, es sei an der
Zeit, den Dollar als Weltreservewaehrung auszumustern.
Die Zeiten, in der die amerikanische Politik aus dem Vollen schoepfen
konnte haben sich radikal gewandelt: derzeit gehen ihr die Ressourcen
aus, die es bisher ermoeglichten, die Position der globalen Hegemonie zu
behaupten und der globale Pradigmenwechsel ist weit fortgeschritten.
Die Zeit, in der dies mit politischen und propagandistischen Tricks
ueberspielt werden konnte, ist abgelaufen, und der Kaiser steht nun fuer
alle sichtbar ohne Kleider da.
In dieser Situation destabilisiert die israelische Regierung zu
Wahlkampfzwecken das ohnehin fragile System der amerikanischen
Verbuendeten unter den "moderaten" Araberregimen im Nahen Osten, deren
Position unterminiert wird durch Israels brutales Vorgehen im GazaStreifen.
Der Scherbenhaufen, der von dort nun der neuen Regierung Obama
vor die Fuesse zu fallen droht, koennte sie noetigen, einen radikaleren
Kurswechsel vorzunehmen, als er aktuell vorstellbar scheint.
Gleichzeitig mag sie gute Gruende haben, aktuell mit einer solchen
Perspektive "hinterm Berg zu halten", um nicht in den letzten Tagen der
Bush-Administration deren sabotierende Massnahmen zu provozieren. Fuer
die Bush-Regierung gibt es in diesen Tagen keinen Grund, die Fortsetzung
des Blutbads in Gaza aufzuhalten: ihre Eskalationsstrategie, die das
Geschaeft der Ruestungsindustrie, mit der sie verbandelt ist, foerdert
und dabei gleichzeitig den Oelpreis, der zu kollabieren drohte,
stabilisiert, kommt bei dieser Gelegenheit ein letztes Mal zur Umsetzung.
http://media.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/01/07/AR200901070264
5.html
www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,548397,00.html -
http://www.atimes.com/atimes/Global_Economy/KA09Dj02.html
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