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Berliner Morgenpost: Israel bedroht sich vor allem selbst -
Leitartikel
Berlin (ots) - Israels Ministerpräsident Netanjahu kann sich
glücklich schätzen, dass die meisten Israelis noch nicht geboren oder
noch keine Bürger des Landes waren, als sich der Staat am Mittelmeer
im Juni 1967 anschickte, seine Nachbarn zu überfallen, weil ihm sonst
die Vernichtung gedroht hätte. Wären sie 1967 schon am Leben und
bewusst denkende Menschen gewesen, so wäre in den letzten Tagen ein
Aufschrei durch das Land gegangen, dessen Schall sämtliche Minister
von ihren Sesseln gefegt hätte.
Israel lebt aber nicht mehr im Krisenjahr 1967. Seine einstigen
Ideale werden kaum noch gepflegt. So kann sich seine Regierung im
Allgemeinen - Außenminister Lieberman und Innenminister Jischai im
Besonderen - weiter so rüpelhaft benehmen als seien Halbstarke am
Werk. Die Umgangsformen sind nebensächlich. Bedrohlich ist: Israel
steckt in einer Lage, die der in den Wochen vor dem Sechstagekrieg
gleicht, und verfügt in dieser dramatischen Situation über eine
Elite, deren Mitglieder zum Teil gegen die Interessen des Landes
arbeiten.
Damals wie heute stand der jüdische Staat vor der Gefahr, ausgelöscht
zu werden. Waren es vor gut 40 Jahren die Ägypter, die mit der
Sperrung der Meerenge von Tiran den israelischen Lebensnerv zu
zerreißen drohten, ist es heute der Iran, der das Land mit seinen
Atomwaffen gefährden wird. Israel verfügte damals über eine Führung,
die in der Lage war, die eigenen Fähigkeiten zu ermessen, um die
wenigen Verbündeten an sich zu binden und nie zu vergessen, dass zwei
Millionen Israelis rund 100 Millionen Arabern gegenüberstanden.
Israel heute leidet dagegen unter einer Führung, die nicht mehr
krisenfähig ist, weil sie ihre Stärken nicht einzuschätzen vermag.
Während die einen (wie der Außenminister) so tun, als sei Israel das
Sowjetimperium auf dem Höhepunkt seiner Macht, kümmern sich die
anderen (wie der Innenminister) nur um ihre nationalreligiösen
Belange. Dazwischen steckt Netanjahu. Er setzt auf die
außenpolitische Schwäche des US-Präsidenten und glaubt tun zu können,
was ihm beliebt. So darf sein Innenminister die USA, den wichtigsten
Verbündeten Israels, vor den Kopf stoßen - und das noch, während
Vizepräsident Biden im Land weilt.
Amerika hätte viele Möglichkeiten, Israel Probleme zu bereiten.
Allein ein amerikanisches Nichtstun würde sich in der mittelöstlichen
Region verheerend auswirken, zumal Teheran derzeit alles versucht,
die Hisbollah im Libanon zu einem Krieg gegen Israel zu bewegen, um
von sich selbst abzulenken.
1967 meisterten Mosche Dajan, Jizchak Rabin und Abba Eban die Krise.
Nach dem Sieg im Sechstagekrieg gab Außenminister Eban seinen
Landsleuten eine Lehre mit auf den Weg: "Dauerhafte Herrschaft über
eine andere Nation lässt sich nur durch eine Ideologie und Rhetorik
der Selbstherrlichkeit und Exklusivität rechtfertigen, die mit dem
moralischen Erbe des prophetischen Judaismus und des klassischen
Zionismus unvereinbar ist." Wo sind die Anhänger dieses Zionismus
heute? Sie wüssten, wie bedroht Israel ist, wenn es so weitermacht.
Originaltext: Berliner Morgenpost
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