|
Presseschau Kurdistan, 18.09.2004:
IQ: Zur Situation im Irak /
UN/IR: Punktsieg für Iran bei Atomverhandlungen /
TR: Scheitert der EU-Kurs am Ehebruchparagraphen? /
TR: Kurden dürfen doch ins Ausland /
TR: Militärs erlitten Schlappe vor Gericht /
TR: Begegnungen im türkischen und syrischen Kurdistan /
DE: Merkels Türkei-Initiative spaltet die Union /
DE: Zum Islamistenkongress /
++++++++++++++++++++
Neue Zürcher Zeitung, 18. September 2004
Neues Licht auf Saddams Waffenpläne
Weitere Schlussfolgerungen der US-Inspektoren
Die Amerikaner haben nach einem Entwurf zum Bericht des
Inspektorenteams im Irak Einrichtungen gefunden, die den Schluss
zulassen, dass das Regime Saddam Husseins nach dem Ende der UnoSanktionen
die Produktion von B- und C-Waffen wieder aufnehmen wollte.
Was Atomwaffen betrifft, ist bisher nichts Neues bekannt geworden.
brü. Washington, 17. September
Die amerikanischen Waffeninspektoren, die seit anderthalb Jahren im
Irak nach Massenvernichtungswaffen suchen, haben dabei bisher keinen
Erfolg gehabt. Allerdings sind sie auf geheime Laboratorien gestossen,
die der frühere irakische Geheimdienst betrieben hatte, in denen
chemische und biologische Kampfstoffe in kleinen Mengen produziert
werden konnten. Das geht aus dem Entwurf eines Berichtes hervor, der
gegenwärtig in Washington kursiert und von den Waffeninspektoren unter
Leitung von Charles Duelfer erarbeitet worden ist. Er soll in naher
Zukunft veröffentlicht werden.
Befragungen irakischer Wissenschafter
In dem Bericht, der rund 1500 Seiten umfasst und zum Teil zu ähnlichen
Ergebnissen kommt wie ein erstes Dokument vor elf Monaten, wird der
Schluss gezogen, dass das Regime von Saddam Hussein die klare Absicht
gehabt habe, die Herstellung von Massenvernichtungswaffen nach
Beendigung oder Abschwächung der Sanktionen der Vereinten Nationen
wieder aufzunehmen. Dagegen konnten die Inspektoren keine Anzeichen
dafür finden, dass es solche Waffenprogramme zum Zeitpunkt des
amerikanischen Einmarsches gegeben habe. Die Basis für diese
Erkenntnisse sei in Dokumenten gefunden und durch die Befragungen von
Wissenschaftern und ehemaligen Regierungsbeamten erhärtet worden.
Der Bericht fasst die Ergebnisse von Untersuchungen über einen Zeitraum
von 15 Monaten zusammen, in denen eine Gruppe von 1200 Inspektoren, die
sich aus Militärs und Geheimdienstlern zusammensetzte, zahlreiche
Waffendepots inspizierte, Tausende von Dokumenten studierte und
Hunderte von Befragungen durchführte. Da es dabei nicht gelungen ist,
die im Irak vermuteten Lager von Massenvernichtungswaffen aufzuspüren,
wendet sich der Duelfer-Bericht den möglichen Absichten und Plänen des
früheren Regimes zu. Ohne zu einem endgültigen Urteil zu gelangen, wird
auch die Möglichkeit offen gehalten, dass illegale Waffen über die
Grenzen in andere Länder verschoben worden sein könnten.
Es gilt in Washington als wahrscheinlich, dass die Inspektoren in der
Zukunft weitere Berichte vorlegen werden, zumal es in dem jetzigen
Entwurf heisst, dass erst in jüngster Zeit in einem Versteck 10 000
Kisten mit Dokumenten entdeckt worden seien, die übersetzt und studiert
werden müssten. In einem Interview mit der «Los Angeles Times» im
vergangenen Monat hatte Duelfer gesagt, dass in dem Bericht versucht
werden solle, die Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse über
Massenvernichtungswaffen bis zum Jahr 2003 zu erklären. Dazu sei mehr
erforderlich als eine simple archäologische Untersuchung.
Chemiefabriken für doppelte Nutzung
In einem Bericht, der von dem Vorgänger Duelfers, David Kay, im Oktober
2003 vorgelegt worden war, hatte es bereits geheissen, dass die
Amerikaner auf ein Netz geheimer Labors gestossen seien, in denen
Materialien gefunden worden seien, die für die Erforschung chemischer
und biologischer Waffen geeignet gewesen seien. Duelfer, der im Januar
Kay abgelöst hatte, hatte schon im März vor dem Kongress ausgesagt,
dass es im Irak eine Reihe von Fabriken gebe, in denen sowohl zivile
Produkte wie auch chemische und biologische Waffen hergestellt werden
könnten. Noch bis zum Beginn des Krieges sei an dem Bau weiterer
solcher Produktionsstätten gearbeitet worden. In dem Bericht werden
jedoch keine schlüssigen Beweise dafür vorgelegt, dass in diesen
Fabriken Waffen produziert werden sollten.
In Bezug auf Atomwaffen hatten die Amerikaner bereits vor einiger Zeit
festgestellt, dass es keine Anzeichen dafür gebe, dass der Irak sein
Atomwaffenprogramm, das er nach dem ersten Golfkrieg 1991 hatte
aufgeben müssen, wieder aufgenommen habe. Zurzeit ist noch nicht
bekannt, was im Duelfer-Bericht zu diesem Thema ausgeführt wird.
++++++++++++++++++++
Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
Nato-Pläne für Irak gestoppt
Frankreich und Belgien haben Einwände gegen Trainingszentrum
Auf ihrem Weg nach Irak ist die Nato ins Stocken geraten. Frankreich
und Belgien legen sich aus Misstrauen gegen US-amerikanische Pläne
vorerst quer.
VON MARTIN WINTER
Noorrdwijk · 17.September · Am Rande des Treffens der EU-
Verteidigungsminister musste Jaap de Hoop Scheffer, der neue
Generalsekretär der Allianz, am Freitagmittag im niederländischen
Noordwijk einräumen, dass Paris fristgerecht Einspruch gegen seine
Beschlussvorlage für ein Nato-Trainingszentrum in Irak erhoben hat. Ein
Schritt, dem sich aus dem Kreis der vier bis fünf Hauptkritiker des
Irak-Kriegs auch Belgien anschloss.
Damit muss der Nordatlantikrat am Montag seine Beratungen wieder
aufnehmen, wie der Beschluss des Nato-Gipfels von Ende Juni in die Tat
umzusetzen ist, Irak bei der Ausbildung seiner neuen Armee zu helfen.
Dem Vernehmen nach lehnen Frankreich und Belgien ein Trainingszentrum
nicht grundsätzlich ab. Doch das von Scheffer am vergangenen Mittwoch
vorgelegte Papier kritisierten sie schon damals als einen
"Blankoscheck" für einen sich langsam ausweitenden Nato-Einsatz.
Trotz deutlichen Missbehagens mehrerer Länder erhob Scheffer sein
Papier formell zu einer Beschlussvorlage, die als angenommen gegolten
hätte, wenn keines der 26 Mitgliedsländer bis Freitagmittag Widerspruch
erhoben hätte.
Mängel und Unklarheiten
Die französische und die belgische Kritik bezieht sich vor allem auf
Mängel und Unklarheiten etwa bei der Frage, wie der Einsatz finanziert
oder wer ausgebildet werden soll. So ist offen, ob nur Armeeoffiziere
oder auch Grenztruppen und Kräfte der inneren Sicherheit trainiert
werden sollen. Unklar ist auch, wie der Gesamtumfang des Unternehmens
sein wird. Und letztlich wollen einige Länder auch klare Festlegungen,
wie die Nato-Mission geschützt werden kann.
In einem Brief an Scheffer hat Berlin zwar keinen Widerspruch
eingelegt, aber eine Präzisierung der Pläne verlangt. Vordergründig
handelt es sich dabei um technische Probleme. Paris, Berlin und andere
bestehen auf klaren Festlegungen.
Dahinter steht die Furcht einiger Länder, dass der Beschluss bewusst
vage gehalten wurde, um den Einsatz später Schritt für Schritt
auszuweiten. Besonders die USA werden diesbezüglich verdächtigt. Nun
wird sich der Nordatlantikrat erneut mit der Irak-Mission beschäftigen
müssen. Nach Schätzung von Nato-Diplomaten dauert ein neuer Anlauf für
die Entscheidung mindestens eine Woche. Damit wird die Zeit für die USA
knapp, die am Mittwoch nachdrücklich ein schnelles Verfahren gefordert
hatten, um das Trainingszentrum noch im Oktober in Bagdad eröffnen zu
können.
Am Rande des Treffens teilte der spanische Verteidigungsminister José
Bono Martinez mit, dass Madrid, nachdem es seine Truppen im Frühsommer
aus Irak abgezogen hatte, genau wie Deutschland und Frankreich keine
Soldaten für das Nato-Trainigszentrum zur Verfügung stellen werde.
++++++++++++++++++++
Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
Zahlreiche Todesopfer bei US-Luftangriffen auf Falludscha
US-Militärs sprechen von "Präzisionsschlag" gegen Aufständische /
Autobombenexplosion in Bagdad / Wahlen im Januar gefährdet
Bei Bombardierungen durch die US-Luftwaffe sind am Freitag in der
irakischen Stadt Falludscha und den umliegenden Dörfern offenbar über
hundert Menschen ums Leben gekommen. Derweil mehren sich die Stimmen,
wonach der Wahltermin für Januar nicht gehalten werden könne.
Bagdad · 17. September · pn/rtr/dpa/ap · Die US-Streitkräfte flogen am
Freitag zahlreiche Angriffe auf die westlich von Bagdad gelegene Stadt
Falludscha und auf die umliegende Dörfer. Das Militär sprach dabei von
einem "Präzisionsschlag" gegen ein Lager von Anhängern des MoslemExtremisten
Abu Mussab Sarkawi, dem Verbindungen zu Al-Qaeda nachgesagt
werden. Zum Zeitpunkt des Angriffs hielten sich nach US-Angaben etwa 90
ausländische Kämpfer in dem Lager auf. Etwa 60 Aufständische seien ums
Leben gekommen.
Klinikärzte betonten dagegen, die Opfer seien vor allem Frauen und
Kinder gewesen. Arabische Kämpfer seien nicht darunter. Nach Angaben
des irakischen Gesundheitsministeriums wurden 45 Zivilisten bei den
Angriffen getötet. Reuters-TV zeigte Bilder von blutüberströmten
Leichen in einem Hospital, darunter Frauen und Kinder.
Nach Angaben des Sprechers einer Bürgerdelegation in Falludscha wurde
mittlerweile ein Waffenstillstand geschlossen. Für Sicherheit in der
Stadt sollten demnach künftig irakische Polizisten und einheimische
Nationalgardisten sorgen.
In den vergangenen Wochen flogen US-Streitkräfte rund ein Dutzend
Angriffe auf Falludscha. Das Militär erklärte, vor den für Januar
geplanten Wahlen alle von Rebellen gehaltenen Widerstandsnester
zurückerobern zu wollen. US-Außenminister Colin Powell räumte ein, dass
der Wahl-Termin nicht zu halten sei, sollte die Sicherheitslage
unverändert bleiben.
Großbritannien will zusätzliche Soldaten zur Sicherung der Wahlen nach
Irak entsenden. Aber auch in London wachsen die Zweifel. Oberst a. D.
Tim Collins, einer der Kriegskommandeure in Irak, warf Premierminister
Tony Blair und US-Präsident George W. Bush vor, sie hätten keine
Vorbereitungen für die Nachkriegszeit getroffen. Es habe sich um einen
"zynischen Krieg" gehandelt, bei dem die "Konsequenzen für das
irakische Volk keine Rolle gespielt hätten". Zusätzlicher Druck auf die
Blair-Regierung entstand durch die Kritik des UN-Generalsekretärs Kofi
Annan, wonach die Invasion Iraks "illegal" gewesen sei. Annan hat sich
hinsichtlich des Wahltermins ebenfalls skeptisch geäußert.
Bei einer Autobombenexplosion im Zentrum von Bagdad starben am Freitag
nach Behördenangaben bis zu 13 Iraker, die meisten von ihnen
Polizisten. Der Selbstmordattentäter hatte sich mit seinem Auto in
einen Konvoi der irakischen Polizei gedrängt und dann die Bombe
gezündet. An einem Kontrollpunkt der US-Armee in Bagdad war bereits am
frühen Morgen eine Autobombe explodiert. Die zwei Insassen wurden dabei
getötet.
Ein am Vortag im Nordirak entführter syrischer Lastwagenfahrer wurde am
Freitag nach Polizeiangaben freigelassen. Am Vortag hatte sich eine
islamistische Extremistengruppe im Internet zur Ermordung dreier
irakischer Geiseln bekannt. Die am Montag entführten Lastwagenfahrer
hätten Waren zu einer US-Militärbasis bringen sollen.
++++++++++++++++++++
Die Welt, Samstag, 18. September 2004
Schwerer Anschlag auf die irakische Polizei in Bagdad
Nato streitet über Schulung der Sicherheitskräfte
Budapest/Noordwijk - Weil die Zahlen sich wiederholen, vermögen sie
kaum noch zu schockieren. 60 Tote, 100 Tote, 40 Tote - solche
Opferzahlen sind in den letzten Wochen und Monaten zur Norm geworden in
einem Irak, der zunehmend in Gewalt versinkt. Am Freitag starben wieder
mehr als 70 Menschen - 60 bei US-Luftangriffen auf Falludscha und
Ramadi, 13 bei der Explosion einer Autobombe an einem PolizeiCheckpoint
in Bagdad. In den sechs Tagen von Sonntag bis Freitag fielen
im Irak mindestens 300 Menschen den Kämpfen und Attentaten zum Opfer.
Die meisten von ihnen waren Polizisten und Zivilisten. Seit April
sterben jeden Monat deutlich mehr als Tausend Iraker; der neue Irak
kostet somit jährlich gut 20 000 seiner Bürger das Leben. Auch bei den
Koalitionstruppen steigen die Verluste. Seit April sind die
amerikanischen Verluste nie wieder auf jenes Niveau von 40 Toten pro
Monat zurückgefallen, die ein Jahr lang als Norm galten. Der
Durchschnitt liegt seither bei 60.
Diese Dynamik spiegelt sich in einem Bericht der Geheimdienste für USPr
äsident Bush, in dem offenbar ein außerordentlich pessimistisches
Bild gezeichnet wird. Der Irak drohe, in einen Bürgerkrieg
abzurutschen. Das Land werde instabil und ein Hort des Terrors bleiben,
so schildern US-Medien den Inhalt des Berichts. Das Weiße Hause
widersprach: Der Irak befinde sich vielmehr auf einem "Marsch in die
Freiheit". Auch die britische Regierung trägt der zunehmend ausweglosen
Sicherheitslage Rechnung. Um die für Januar geplanten Wahlen zu
ermöglichen, will London offenbar seine Truppen verstärken. Deutlicher
noch wird der Fatalismus darin, dass Verteidigungsminister Hoon ein
früheres Argument der Koalition auf den Kopf gedreht hat: Wahlen waren
im Frühjahr als unmöglich bezeichnet worden, weil die Sicherheitslage
dies nicht erlaube. Nun sagt Hoon, es sei genau umgekehrt. Nicht
Sicherheit werde Wahlen ermöglichen, sondern die Wahlen würden später
zu mehr Sicherheit führen.
In Washington gab es derweil eine Erinnerung an die Frage, weshalb man
eigentlich in den Krieg gezogen war. Die "Iraq Survey Group" bereitet
ihren Abschlussbericht über die lange Suche nach Saddam Husseins
Massenvernichtungswaffen vor. Fazit laut Insidern: Er hatte keine.
Möglicherweise habe er jedoch gehofft, in der Zukunft wieder daran zu
arbeiten.
In der Nato ist unterdessen erneut ein Streit über den Irak entbrannt.
Frankreich und Belgien meldeten Bedenken gegenüber der geplanten NatoMission
zur Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte an. Diese wird
besonders von den USA vorangetrieben. "Nicht alle der 26 Mitglieder des
Bündnisses sind zufrieden", räumte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop
Scheffer im niederländischen Noordwijk ein, wo er am Treffen der EUVerteidigungsminister
teilnahm. Die Bedenken der beiden Staaten seien
"nicht substanziell", sagte Scheffer.
Belgien wehrt sich gegen das Finanzierungsmodell des "common funding":
Es sei nicht einzusehen, dass diejenigen Staaten, die keine Truppen ins
Land schickten, dennoch für die gesamte Mission zahlen müssten.
Frankreichs Bedenken betreffen den militärischen Schutz der rund 300
Ausbilder, die die Nato in den Irak entsenden will: Dafür soll nach
derzeitiger Planung die US-Besatzungstruppe Sorge tragen. Das Thema
Irak hatte das Bündnis schon einmal gespalten, im Januar 2003, kurz vor
Beginn der Militäroperation.
Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien wollen selbst keine
Soldaten in den Irak schicken. Deutschland hat angeboten, 100 Lkw,
zusammen mit 15 bis 50 Fahrlehrern und Instandsetzungstruppen zum
Training der irakischen Sicherheitskräfte in die benachbarten
Vereinigten Arabischen Emirate zu entsenden, ebenso 50 bis100 Pioniere.
Ferner bietet Deutschland die Ausbildung von Minenräumern an - wegen
der langen Ausbildung wahrscheinlich in Deutschland, wie
Bundesverteidigungsminister Peter Struck in Noordwijk sagte. oky/rid
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Blutiger Freitag im Irak
In Bagdad tötet Autobombe fünf Menschen. Bei Luftangriffen auf
Falludscha sterben bis zu 60 Iraker. Auswärtiges Amt rät dringend von
Reisen ins Zweistromland ab
BAGDAD ap/afp/dpa Die Explosion einer Autobombe hat am Freitag in
Bagdad 5 Menschen getötet und 20 verletzt. Der mit Sprengstoff beladene
Wagen raste nach Polizeiangaben aus der Haifa-Straße in sechs
abgestellte Polizeiautos, die eine Brücke sperrten. In der Haifa-Straße
gingen US-Soldaten und irakische Polizisten gegen mutmaßliche
Extremisten vor. Nach Angaben des Innenministeriums wurden mehr als 63
Verdächtige festgenommen. In der Straße hatte Dienstag eine Autobombe
47 Menschen in den Tod gerissen.
Bei US-Angriffen auf Falludscha wurden nach Angaben des
Gesundheitsministeriums mindestens 44 Menschen getötet und 27 verletzt,
darunter Frauen und Kinder. Das Militär gab dagegen an, etwa 60
Rebellen getötet zu haben. Ziel der Aktion sollten Anhänger des
Extremisten Abu Mussab al-Sarkawi sein. Bei einer US-Offensive in
Ramadi gegen die wenig bekannte Gruppe Daham wurden nach irakischen
Angaben sieben Menschen getötet und fünf verletzt.
Nördlich von Bagdad wurde die Leiche eines Ausländers gefunden. Der
Tote wurde nach Angaben irakischer Polizisten aus dem Tigris gezogen.
Den Tod verursachte offenbar ein Schuss in den Hinterkopf. In Basra
überfielen Bewaffnete zwei Mitarbeiter der britischen Armee. Einer
wurde getötet, der andere verletzt.
Nach vielen Entführungen und Angriffen auf Ausländer hat das Auswärtige
Amt (AA) seine Reisewarnung für den Irak verschärft. Deutschen Bürgern
im Irak werde dringend geraten, das Land zu verlassen, sagte AASprecher
Walter Lindner.
Beim Treffen der EU-Verteidigungsminister haben Frankreich und Belgien
eine Nato-Entscheidung über Ausbildungshilfe für den Irak zunächst
blockiert. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer bestätigte den
Einspruch. Montag will der Nato-Rat erneut darüber beraten.
Verteidigungsminister Peter Struck teilte indes mit, dass Deutschland
irakische Soldaten ausbilden wird. Seit einigen Monaten bilden deutsche
Experten in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) irakische
Kriminalpolizisten aus. Jetzt sollen irakische Soldaten zu Kraftfahrern
und Kfz-Mechanikern sowie zu Pionieren ausgebildet werden, ebenfalls in
den VAE, so Struck.
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
"Sie zu töten ist Pflicht"
Die meisten islamischen Rechtsgelehrten in der arabischen Welt
rechtfertigen Entführungen und Morde an Ausländern und Arabern im Irak
VON KARIM EL-GAWHARY
Die Diskussion findet vor akutem Hintergrund statt: Insgesamt befinden
sich im Irak derzeit mindestens 19 Ausländer aus 12 Ländern in der
Gewalt von politisch motivierten Kidnappern. Die fordern entweder den
Rückzug der jeweiligen Truppen oder verlangen, dass die Firmen, für die
sie arbeiten, ihre Aktivitäten im Irak einstellen.
Was die arabischen Medien als "Widerstand gegen die Besatzung"
beschreiben, findet in der arabischen Öffentlichkeit breite Zustimmung,
und nur wenige Araber empfinden das Töten von US-amerikanischen
"Besatzungssoldaten" als verwerflich. Unter islamischen Rechtsgelehrten
dominiert die Meinung, die den Widerstand gegen die Besatzung als einen
notwendigen Teil des Dschihad ansieht. Dieser stellt für alle Muslime
eine Pflicht dar.
Rechtsgelehrte, die sich dem nicht anschließen, halten sich derzeit
eher zurück. Ein Fatwa gegen den "irakischen Widerstand" per se ist
nirgendwo in der arabischen Welt opportun. "Wenn die Amerikaner kommen,
um unser Land zu besetzen und unser Leben und unsere Häuser zu
zerstören, können wir nicht einfach zusehen", lautet das stets
wiederholte Argument. Doch die Geiselnahmen und die im Internet
verbreiteten Enthauptungsvideos haben nun eine Diskussion entfacht, wo
die Grenzen des Dschihad verlaufen.
Der bekannteste arabische Fernsehscheich Yussuf Al-Karadawi, dessen
regelmäßige Programme sich im Fernsehsender al-Dschasira eines großen
Publikums erfreuen, erklärt, dass "sowohl die Religion als auch die
Logik" die Geiselnahmen verbietet. Derartiges sei laut Scharia
eindeutig verboten, ließ er verlauten und bezeichnetet die Mörder von
zwölf nepalesischen Geiseln als "Männer ohne Religion und ohne Hirn".
Karadawi gehört aber andererseits zu den eindeutigen Befürwortern des
Dschihad im Irak. In einer Rede vor der ägyptischen
Journalistengewerkschaft sanktionierte er das Töten von US-Amerikanern
im Irak - ob Zivilisten oder Soldaten. "Die Amerikaner im Irak sind
alle Kombattanten, und sie zu töten ist eine Pflicht, bis sie den Irak
verlassen", lautet seine Lehrmeinung.
Andere Rechtsgelehrte, wie Abdel Azim al-Maatani, Professor an Kairos
islamischer Al-Azhar-Universität und Mitglied des hohen Rates für
Islamische Angelegenheiten schlossen sich dem schnell an. Die
Amerikaner hätten den Irak angegriffen und dort Verbrechen begangen.
Sie dort anzugreifen sei legitim. Genauso wie das Töten von Arabern,
die mit ihnen zusammenarbeiten und als Verräter angehen werden müssen,
argumentiert er in der saudischen Tageszeitung Scharq Al-Aussaat und
schließt dabei selbst Entführungen der "arabischen Verräter" nicht aus.
Allerdings, so Maatani ausdrücklich, dürften die Amerikaner nur im Irak
angegriffen werden, nicht in den USA.
Der prominente ultrakonservative ägyptische Scheich Abdel Sabur
Schaheen interpretiert das Töten von Zivilisten und die Geiselnahmen
als Teil eines ungleichen Kampfes, in dem die andere Seite mit
Bombenangriffen aus der Luft auch nicht zwischen Kämpfern und
Zivilisten unterscheide. In Zeiten moderner Waffentechnologie müssen
auch die Methoden des Dschihad neu interpretiert werden, um einen
Ausgleich zur technologischen Überlegenheit der US-Armee zu schaffen,
meint er. "Im Irak herrscht ein brutaler Krieg, und da werden alle
Mittel angewendet. Später wird man sich vielleicht darüber unterhalten,
was angebracht war und was nicht".
Auf die Frage, ob es denn nicht gerade die Rolle der islamischen
Rechtsgelehrten sei, in diesem Konflikt Prinzipien festzulegen, winkt
er ab. "Was sollen die Rechtsgelehrten sagen, wenn selbst ihre Moscheen
angegriffen werden", erklärt er, während er sich entspannt in seinem
Sessel in seiner islamischen Bücherei in einem Vorort von Kairo,
tausende Kilometer entfernt von Bagdad, zurücklehnt.
Aber es gibt auch andere Stimmen unter den Rechtsgelehrten, wie Scheich
Abdel Muati Bayumi, Mitglied des einflussreichen Forschungsinstituts
der Azhar-Universität und des Komitees für religiöse Angelegenheiten im
ägyptischen Parlament. Für ihn sind alle Zivilisten im Dschihad tabu.
Er zitiert eine Überlieferung des Propheten, laut der Muhammad vor der
Schlacht seine Kommandeure angewiesen hat, nicht nur Frauen, Kinder und
Alte der Feinde, sondern auch deren Palmen zu verschonen.
++++++++++++++++++++
junge Welt vom 18.09.2004
Rüdiger Göbel / Rainer Rupp
Weißes Haus bloßgestellt
US-Inspekteure: Keine Beweise für ABC-Waffen im Irak. US-Geheimdienste
warnen vor Eskalation
Für das Vorhandensein atomarer, biologischer oder chemischer Waffen im
Irak vor Beginn der US-Invasion im März 2003 fehlt weiterhin jeder
Beweis. Trotz eifriger Suche, unbegrenztem Zugang im besetztem
Zweistromland sowie zahlreicher verhafteter und zur Aussage gepreßter
irakischer Wissenschaftler haben auch die Waffeninspektoren von USPr
äsident George W. Bush bis heute keine Massenvernichtungswaffen
gefunden. Zu diesem Schluß kommt der Abschlußbericht des derzeitigen
US-Chefwaffeninspekteurs Charles Duelfer. Die rund 1 500 Seiten starke
Untersuchung seiner »Iraq Survey Group« soll in den kommenden Wochen
offiziell vorgestellt werden. Einziger Rettungsanker darin für Bush,
der den illegalen Krieg mit der Bedrohung durch irakischen ABC-Waffen
gerechtfertigt hatte: Duelfer glaubt, »Anzeichen« dafür gefunden zu
haben, daß Saddam Hussein über »Pläne für den Bau von ABC-Waffen«
verfügt habe. Statt der von Bush gemußtmaßten großen Arsenale von
Waffen gab es im Irak also, wenn überhaupt, Optionen für deren Bau im
Miniformat. Duelfer wird laut New York Times vom Freitag zudem wohl
kein endgültiges Urteil über das irakische Waffenprogramm fällen und
also auch nicht ausschließen, daß doch noch Massenvernichtungswaffen im
Irak gefunden werden könnten.
Aus einem weiteren, der Presse zugespielten internen Dokument geht
hervor, daß die US-Geheimdienste in Übereinstimmung mit einer
wachsenden Zahl von US-Militärexperten bis zum Ende des nächsten Jahres
von einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitslage im Irak
ausgehen. Die für Bush vorbereitete Einschätzung spricht sogar von der
Möglichkeit eines Abgleitens in einen allgemeinen Bürgerkrieg. Das 50
Seiten umfassende Dokument, ein »National Intelligence Estimate«, das
die kollektive Meinung der verschiedenen US-Dienste zusammenfaßt,
stellt die erste offizielle Gesamteinschätzung der Lage im Irak dar,
die seit zwei Jahren an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Das
Geheimdokument sieht drei mögliche Szenarien: von einer Labilität im
besten Fall über das »politische Auseinanderbrechen« des Irak bis hin
zum Bürgerkrieg im schlimmsten Fall. Da gebe es »nicht viel Platz für
Optimismus«, kommentierte ein namentlich nicht genannter
Regierungsbeamter in Washington die Einschätzung.
Artikelüberschriften in der US-Presse sprechen für sich. Das Wall
Street Journal sah in den zunehmenden Aktionen des irakischen
Widerstandes ein »Zeichen wachsender Koordination« und der Philadelphia
Inquirer warnte, daß dadurch »die amerikanischen Pläne für Irak zum
Scheitern verurteilt werden könnten«. USA Today titelte: »Die
Aufständischen im Irak sind mächtiger denn je.« Und das
Nachrichtenmagazin Newsweek hatte in seiner jüngsten Ausgabe seinen
Irak-Bericht mit: »Es ist schlimmer als Sie glauben« überschrieben.
Viele ehemalige hochrangige US-Militärs haben sich inzwischen zu Wort
gemeldet. Für sie ist im Irak »der schlimmste mögliche Fall
eingetreten«. Auch sehen sie »keinen gangbaren und akzeptablen Ausweg«
mehr. Für General a. D. William Odom, ehemaliger Chef der Nationalen
Sicherheitsagentur, ist die Lage im Irak »weitaus schlimmer als damals
in Vietnam«. Für Präsident Bush ist das aber alles dummes Geschwätz. In
einer Demonstration zunehmenden Realitätsverlustes pries er bei einem
Wahlkampfauftritt am Donnerstag in St. Cloud, Minnesota, den
»umfassenden wirtschaftlichen und politischen Fortschritt« im Irak und
bestand darauf, daß das Zweistromland »auf dem Weg der Demokratie ist«.
++++++++++++++++++++
Freitag - Die Ost-West-Wochenzeitung, 17.09.2004
Piotr Dobrowolski
Neu-Europa wackelt
EX-PRäSIDENT WALESA DRäNGT ZUM RüCKZUG AUS DEM IRAK
Nicht länger mit polnischem Blut für amerikanische Fehler bezahlen
Andrzej Andrzejczak kann sein Unglück nur schwer in Worte fassen: "Die
Armee ist nicht schuld... Aber die Regierung. Sie hat die Jungs in
diesen Krieg geschickt. Was für ein Krieg ist das? Hat denn jemand
Polen angegriffen?" - Immer wieder wischt sich Andrzejczak die Tränen
aus dem Gesicht. Am 21. August ist sein Sohn Krystian als zehnter
polnischer Soldat im Irak ums Leben gekommen. 17 Polen starben
inzwischen zwischen Euphrat und Tigris: 13 Soldaten, zwei Angehörige
der Sondereinheit Grom, die Bodyguards für eine US-Firma stellt, und
zwei TV-Journalisten.
Mit jedem Toten hat sich die Stimmung geändert - gaben zu Beginn der
polnischen Irak-Präsenz die Befürworter den Ton an, während die
Mehrheit schwieg, ist es nun fast umgekehrt. Selbst das Warschauer
Establishment, das bislang vorbehaltlos hinter den USA stand, denkt an
Rückzug oder ein eingefrorenes Kontingent. Am weitesten vorgewagt hat
sich bislang die Bauernpartei (PSL/s. Übersicht unten), deren
Vorsitzender Janusz Wojciechowski mit Millionen Unterschriften gegen
die kniefällige Amerika-Politik von Präsident Kwasniewski protestieren
will. Kein unrealistisches Ziel: Laut einer Umfrage des
Meinungsforschungsinstituts CBOS waren Ende August 73 Prozent der Polen
gegen das Irak-Abenteuer. Janusz Wojciechowski kann für sich
beanspruchen, als einer der ersten öffentlich gesagt zu haben, was die
Mehrheit denkt: "Das ist ein schmutziger Krieg, ein Krieg ohne
moralische Berechtigung. Besatzer zu sein - das widerspricht unserer
nationalen Tradition."
In der Warschauer Innenstadt, keine Hochburg der Bauernpartei, fällt
deren Unterschriftenaktion am vergangenen Wochenende auf überraschend
fruchtbaren Boden. Mancher Passant setzt neben seinen Namen einen
zusätzlichen Kommentar. "Schluss mit dem Mord an polnischen Jungs",
"Das ist nicht unser Krieg", "Schluss mit der Unterwürfigkeit". Selbst
in der regierenden Linkskoalition von Marek Belka sind die Stimmen für
einen Rückzug unüberhörbar. Am weitesten vorgewagt hat sich Izabela
Jaruga-Nowacka von der kleinen Union der Arbeit (UP), immerhin ist sie
Vizepremier: "Ich finde, dass die Kampagne der Bauernpartei eine gute
Aktion ist. Wir waren von Beginn an gegen diesen Krieg."
Solche Erklärungen scheinen in diesem Herbst ein modisches Credo unter
Polens Politikern zu werden: Mich hat in Sachen Irak keiner gefragt,
ich war immer schon dagegen. So lässt sich auch Parlamentspräsident
Jozef Oleksy (SLD) vernehmen: "Der Entschluss für den Irak-Einsatz
wurde von der Regierung gefasst - nicht von der Partei!"
Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski, dem das Irak-Kontingent
untersteht, kündigt unisono mit Präsident Kwasniewski eine "bedeutende
Reduktion des polnischen Kontingents" ab 2005 an, um im gleichen
Atemzug anzufügen: "Bündnisverpflichtungen, die wir eingingen, haben
wir zu erfüllen."
Tatsächlich scheint sich die Linkskoalition, die für die
Truppenentsendung in den Irak verantwortlich ist, mit ihrem beflissenen
Gehorsam gegenüber den USA in eine wenig komfortable Lage manövriert zu
haben: Ein "Durchbruch" im Irak ist ebenso ausgeblieben wie das
blühende Geschäft, auf das Polens Wirtschaft am Euphrat spekulierte.
Trotz seines proamerikanischen Engagements hat es Polen nicht
geschafft, für die USA mehr zu sein als ein Alliierter unter vielen.
Weder beim Streit um die polnische Visa-Pflicht bei Einreisen in die
USA noch bei der versprochenen Umrüstung der Armee mit schwerem
Militärgerät zeigten sich die Amerikaner bislang generös - nur zugeben
will das in Warschau niemand. Bis einem Mann der Kragen platzte, der
zwar längst im politischen Ausgedinge ist, aber noch nie um kernige
Formulierungen verlegen war: "Mit Amerikanern muss man amerikanisch
reden", gab jüngst Ex-Präsident Lech Walesa zu Protokoll. "Man muss
ihnen Rechnungen ausstellen. Wir zahlen heute mit polnischem Blut die
Zeche für die Fehler amerikanischer Politiker. Und sie behandeln uns im
Gegenzug wie das fünfte Rad am Wagen. Die Amerikaner achten nur
diejenigen, die reich, klug und stark sind. Polen ist aber immer noch
ein komplexbeladenes dummes Gänschen."
Abgesehen von der SLD, die inzwischen zwar gern ihren Abschied aus der
Irak-Mission nehmen möchte, ohne zu wissen, wie ihr das gelingen
könnte, stehen heute nur noch zwei politische Parteien bedingungslos
hinter dem Militäreinsatz: die rechte Bürgerplattform (PO) und die Lawan
-Order-Partei PiS der Brüder Kaczynski.
Selbst die geschwätzigen Flaneure der Boulevard-Journalismus, die sich
vor Jahrfrist noch in dramatischen Frontepen über "unsere Helden"
ergingen, schreiben inzwischen missvergnügt pessimistische
Betrachtungen - ein untrügliches Zeichen, wie die Stimmung kippt. Ende
August titelte der Super Express, ein Flaggschiff der Yellow-Press:
"Mit Gewalt in den Tod geschickt". Darunter stand die Geschichte eines
im Irak getöteten polnischen Soldaten, der angeblich - um überhaupt
einen Dienstvertrag in der Armee zu bekommen - seine Zustimmung zu
Auslandseinsätzen geben musste, Irak und Afghanistan inklusive.
Kasten: Polen im Irak - eine Chronik
Schulterschluss
29. Januar 2003 - Polens Premier Leszek Miller unterzeichnet mit den
Regierungschefs Spaniens, Portugals, Italiens, Großbritanniens, Ungarns
und Dänemarks die Erklärung "Europa und Amerika müssen zusammenstehen",
mit der die Irak-Kriegsvorbereitungen der USA unterstützt werden.
Mittlerer Süden
3. September 2003 - Beginn der polnischen Irak-Mission. Eine
internationale Einheit unter polnischem Kommando übernimmt von USMarines
die Besatzungszone "Mittlerer Süden".
Entschuldigung bei Chirac
3. November 2003 - Nach Funden polnischer Suchtrupps beschuldigt
Warschau die Regierung in Paris, das Waffenembargo gegen den Irak
verletzt zu haben. Später stellt sich heraus, dass die entdeckten
Raketen vor dem Beginn des Boykotts geliefert wurden.
Verteidigungsminister Szmajdzinski muss sich bei Jacques Chirac
entschuldigen.
Erste Tote
6. November 2003 - im Sejm wird erstmals die Forderung nach einem
Rückzug des polnischen Korps erhoben, nachdem der erste polnische
Soldat im Irak gefallen ist.
Eingekesselt
13. August 2004 - 70 polnische Soldaten werden gemeinsam mit irakischen
Polizisten in der Stadt al Hilla von Kämpfern Muqtada al Sadrs
eingekesselt. Am nächsten Tag gelingt ein Ausbruch ohne Verluste. Ende
August steigt die Zahl der polnischen Opfer im Irak auf 14 - am 7. Mai
war bei Bagdad der Starreporter Witold Milewicz ums Leben gekommen.
Botschaft im Visier
25.August 2004 - Die polnische Botschaft in Bagdad wird Ziel eines
Anschlags. Drei Tage zuvor, nach dem Tod des zehnten polnischen
Soldaten im Irak, erklärt die Bauernpartei (PSL), Unterschriften für
einen Rückzug sammeln zu wollen. Ihr schließen sich an: die Partei
Samoobrona, die katholisch-nationale Liga Polnischer Familien (LPRP)
und Teile der regierenden SLD.
Keine Antwort
6. September 2004 - In einem Gespräch mit der New York Times kritisiert
Präsident Kwasniewski erstmals die Supermacht-Politik der USA. Eine
Antwort auf die Frage, ob er die Truppenentsendung in den Irak bereue,
verweigert er jedoch.
Gefecht bei al Hilla
12. September 2004 - eine polnische Patrouille gerät bei al Hilla
erneut in ein heftiges Gefecht mit Aufständischen, dabei werden drei
Soldaten getötet.
++++++++++++++++++++
Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
Europäer bremsen USA
Resolutionsentwurf zu Irans Atompolitik entschärft
Die USA haben sich bei den Verhandlungen über das umstrittene iranische
Atomprogramm nicht mit ihrem harten Kurs gegenüber Teheran
durchgesetzt.
Wien · 17. September · ap /dpa· Der Resolutionsentwurf der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) vom Freitag verlangt
einerseits, dass Iran sämtliche Aktivitäten zur Anreicherung von Uran
aufgibt, einschließlich des Baus von Zentrifugen. Andererseits erkennt
er das Recht aller Länder auf die friedliche Nutzung der Kernenergie
an, verlautete aus diplomatischen Kreisen am Sitz der IAEO in Wien.
Ein europäischer Diplomat sagte, die USA hätten sich der Opposition der
Europäer beugen müssen. Auch Russland, China und andere Länder hätten
sich für die Formulierung im Hinblick auf die friedliche Atomnutzung
stark gemacht. Der iranische Delegationsleiter Hossein Mussawian
folgerte daraus, sein Land könne die Urananreicherung jederzeit wieder
aufnehmen. Jede Verlängerung des derzeitigen Moratoriums werde sich
außerdem nur auf die Produktion von angereichertem Uran beziehen, nicht
aber auf verwandte Aktivitäten.
In dem Resolutionsentwurf, den das IAEO-Direktorium am Freitag erörtert
wollte, ist auch nicht mehr die Rede von einem Ultimatum an Teheran,
alle Vorgaben der IAEO bis zum 31. Oktober zu erfüllen. Diese Frist
hatten die USA, Kanada und Australien vorgeschlagen. Stattdessen heißt
es, IAEO-Generaldirektor Mohamed el Baradei solle bis November einen
Bericht über die Aktivitäten der vergangenen zwei Jahre im Rahmen des
iranischen Atomprogramms vorlegen. Dann soll die IAEO weitere Schritte
beraten. Gemeint ist, dass dann der UN-Sicherheitsrat über Sanktionen
gegen Iran entscheiden soll.
In Teheran sagte Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani, sollte Iran ein
Ultimatum gesetzt werden, werde es vor den Internationalen Gerichtshof
in Den Haag ziehen.
Die USA werfen Iran vor, geheim am Bau von Atomwaffen zu arbeiten.
Teheran weist dies entschieden zurück, das Atomprogramm diene lediglich
der Stromgewinnung.
++++++++++++++++++++
Die Welt, Samstag, 18. September 2004
EU und USA einig gegenüber Iran
Teheran will auf die Urananreicherung nicht grundsätzlich verzichten
Wien/Berlin - Die USA haben die Ankündigung des Iran, möglicherweise
auf die Wiederaufnahme der umstrittenen Urananreicherung zu verzichten,
als taktischen Trick abgetan. "Das ist so durchsichtig, dass ich nicht
glaube, dass irgendjemand darauf hereinfällt", erklärte USStaatssekret
är John Bolton am Freitag in Wien. Die IAEA berät derzeit
in Wien über das weitere Vorgehen mit dem Iran. Umstritten ist, wie
sichergestellt werden kann, dass das Land nicht in den Besitz von
Atomwaffen kommt. Der iranische Vertreter bei der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEA), Hossein Musawian, hatte zuvor die Aussetzung
des Anreicherungsprogramms für bis zu zwei Monate nicht ausgeschlossen.
Hauptanliegen der iranischen Führung sei allerdings, dass das Recht des
Iran auf Anreicherung im Rahmen der IAEA-Bestimmungen anerkannt werde,
sagte der Iraner.
Die USA und Europa einigten sich auf den Text einer IAEA-Resolution.
Das Ringen um Schritte, mit dem der Iran zur Offenlegung seiner
Atompläne gezwungen werden soll, ging am Freitag im Gouverneursrat der
UN-Behörde in Wien dennoch weiter. In dem Resolutionstext wird der Iran
aufgefordert, "alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der
Urananreicherung, einschließlich Bau oder Einfuhr der dafür notwendigen
Zentrifugen, umgehend einzustellen" und alle noch offenen Fragen zum
Atomprogramm des Landes zu beantworten. Sollte dies bis zur nächsten
Tagung des Gouverneursrates am 25. November nicht zur vollen
Zufriedenheit der IAEA geschehen, würde über weitere Schritte
entschieden. Gemeint ist, dass der Casus Iran dann an den UNSicherheitsrat
überwiesen wird. Das höchste UN-Gremium könnte
anschließend über Sanktionen gegen den Iran entscheiden.
Der 35 Mitglieder umfassende IAEA-Gouverneursrat fällt Beschlüsse nur
im Konsens. Vor allem die USA werfen dem Iran vor, geheim am Bau von
Atomwaffen zu arbeiten. Teheran weist dies entschieden zurück, das
Atomprogramm diene lediglich zu zivilen Zwecken wie der Stromgewinnung.
In Teheran sagte der frühere iranische Präsident Haschemi
Rafsandschani, sollte seinem Land ein Ultimatum gesetzt werden, werde
es vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag ziehen. Falls Europa
dem Iran jetzt das Recht auf die Atomnutzung verweigere, werde es
später um eine Kooperation betteln müssen.
Bei den Verhandlungen der IAEA-Delegierten war es am Donnerstag zum
Streit über den Parchin-Komplex südöstlich von Teheran gekommen. Ein
US-Diplomat erklärte, dort würden hochexplosive Stoffe getestet und
möglicherweise seien auch Bestandteile darunter, die für Atomwaffen
verwendet werden könnten. Der Diplomat warf der IAEA vor, diese
Information in ihren bisherigen Berichten bewusst ausgelassen zu haben.
IAEA-Sprecher Mark Gwozdecky wies dies zurück. DW
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Punktsieg für Iran bei Atomverhandlungen
Die Sitzung der Internationalen Atombehörde IAEA über Iran endet mit
einer abgeschwächten Resolution. Weder wird der UN-Sicherheitsrat
eingeschaltet, noch Teheran ein Ultimatum gesetzt. IAEA erwartet
Klärung bis Ende November
BERLIN taz Aus dem Konflikt um Irans Atomprogramm, über das der
Gouverneursrat der Internationalen Atombehörde IAEA in Wien seit Montag
verhandelte, ist Iran eindeutig als Sieger hervorgegangen. Weder konnte
die IAEA den Nachweis erbringen, dass Iran den Bau von Atombomben
vorbereitet, noch wurde, wie von den USA gewünscht, der Konflikt an den
UN-Sicherheitsrat weitergeleitet. Und dies, obwohl die iranische
Regierung abermals einen Verzicht auf die Urananreicherung und den Bau
von Zentrifugen ablehnte.
Das aber ist der Kernpunkt des Konflikts. Denn die Urananreicherung
sowie der Bau von Zentrifugen können zwar zu friedlicher Nutzung von
Atomenergie verwendet werden, aber auch zum Bau von Nuklearwaffen. Die
USA sind überzeugt, dass Iran den Bau der Atombombe plant. Der
Staatssekretär im US-Außenministerium, John Bolton, sagte vor der IAEATagung,
zwar sei Washington bestrebt, eine "friedliche und
diplomatische Lösung" des Konflikts herbeizuführen. Doch die USA
hielten sich alle Optionen offen, auch den Einsatz von Gewalt. Dieser
Strategie folgend hatten die USA bei der Sitzung des Gouverneursrats
darauf gedrängt, Irans Akte an den UN-Sicherheitsrat weiterzuleiten, um
Sanktionen gegen das Land beschließen zu können.
Die EU-Staaten, insbesondere Deutschland, Großbritannien und Frankreich
lehnten in Übereinstimmung mit Russland und den blockfreien Staaten
eine Anrufung des UN-Sicherheitsrats ab, wollten aber zugleich den
Druck auf Teheran verstärken. Deutschlands Außenminister Joschka
Fischer warnte Teheran vor einer "Fehleinschätzung der Reaktion der
internationalen Gemeinschaft". Iran müsse sich unbedingt an die vor
knapp einem Jahr getroffene Vereinbarung mit der EU halten. Damals
hatte Teheran einer Aussetzung seines Programms zur Anreicherung von
Uran zugestimmt. Die Öffnung des Weges zur Uran- und
Plutoniumwirtschaft sei "inakzeptabel", sagte Fischer. Teheran
behauptet, in der Vereinbarung sei nur eine vorübergehende Aussetzung
der Urananreicherung vorgesehen gewesen. Dem widersprach Fischer. Der
dauerhafte Verzicht sei der entscheidende Punkt gewesen.
Nach tagelangen Verhandlungen haben die USA nachgegeben. Auch die
Europäer haben ihren Entwurf abgeschwächt. Statt Iran ein Ultimatum zu
setzen, heißt es in der Resolution, es sei "zwingend erforderlich",
dass Iran die offenen Fragen" der IAEA "vor dem nächsten Treffen des
Gremiums am 25. November" klärt und "unverzüglich alle Aktivitäten im
Zusammenhang mit der Urananreicherung" einstellt.
Damit hat Iran mehr als zwei Monate Zeit herausgeschlagen. Man darf auf
den nächsten Abschnitt des Spiel Irans mit der Atombehörde sowie auf
die innenpolitischen Folgen dieses außenpolitischen Erfolgs gespannt
sein. BAHMAN NIRUMAND
++++++++++++++++++++
Süddeutsche Zeitung, 18.9.2004
Trotz Einigung zwischen USA und Europa
Iran-Resolution verschoben
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat ihre abschließenden
Beratungen über das iranische Atomprogramm am Freitag verschoben und
ringt weiter um eine gemeinsame Linie.
Wien/Teheran (dpa/AP/AFP) – Zur Begründung sagte ein Sprecher der in
Wien ansässigen Behörde, die IAEA-Mitglieder würden noch über einen
Entschließungsentwurf diskutieren.
Der Tagesordnungspunkt werde „hoffentlich in den kommenden Tagen“
besprochen werden. Ein westlicher Diplomat sagte, wenn der IAEAGouverneursrat
sich nicht bis Samstag auf die Resolution einigen könne,
wäre dies „ein logistischer Alptraum“.
Zuvor hatten sich die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien,
Kanada und Australien auf den Text einer Resolution geeinigt. Den
blockfreien Staaten gehe der Text jedoch zu weit, hieß es im Umfeld der
IAEA.
Der Resolutionsentwurf verlangt, dass Iran alle Aktivitäten zur
Anreicherung von Uran aufgibt, „einschließlich Bau oder Einfuhr der
dafür notwendigen Zentrifugen“. Allerdings erkennt er das Recht aller
Länder auf die friedliche Nutzung der Kernenergie an.
Der iranische Delegationsleiter Hossein Mussawian folgerte daraus, sein
Land könne die Urananreicherung jederzeit wieder aufnehmen. Laut
Resolutionsentwurf soll Iran alle noch offenen Fragen zum Atomprogramm
des Landes bis zur Tagung des IAEA-Gouverneursrates am 25.November
beantworten.
Die Gegner des Resolutionsentwurfs stoßen sich an der Frist bis Ende
November, die als Ultimatum aufgefasst würde. Zudem räumen einige
Länder Iran das Recht ein, Uran zur Stromerzeugung zu nutzen.
Auch der als gemäßigt geltende frühere iranische Präsident Akbar
Haschemi Rafsandschani lehnte am Freitag eine Frist als illegal ab. Die
IAEA habe kein Recht, ein Ultimatum zu stellen, sagte er in Teheran.
Das frühere Staatsoberhaupt ist weiter einer der einflussreichsten
Politiker im iranischen Staat.
Der IAEA-Gouverneursrat, dem 35Mitglieder angehören, fällt Beschlüsse
nur im Konsens. Vor allem die USA werfen Iran vor, geheim am Bau von
Atomwaffen zu arbeiten.
Eine Ankündigung Irans, möglicherweise auf die Wiederaufnahme der
Urananreicherung zu verzichten, werteten die USA als taktischen Trick.
„Das ist so durchsichtig, dass ich nicht glaube, dass irgendjemand
darauf hereinfällt“, erklärte US-Staatssekretär John Bolton.
+ + +
Süddeutsche Zeitung, 18.9.2004
Kommentar
Spielraum für Teheran
Die Möglichkeiten der USA sind begrenzt, Iran wegen des Atom-Programms
unter Druck zu setzen.
Von Rudolph Chimelli
Wenn die Europäer mit einer Stimme sprechen, was selten genug vorkommt,
können sie tatsächlich etwas erreichen.
Im Disput um das iranische Atom-Potenzial haben sie bei der Wiener
Kontroll-Agentur IAEA abermals einen Kompromissvorschlag zu Stande
gebracht: Die USA verzichten auf „automatische Überweisung“ des Falles
an den UN-Sicherheitsrat, falls nicht bis November alle Fragen geklärt
sind.
Stattdessen werden dann erst „weitere Schritte“ geprüft. Die Iraner
wiederum werden die Aussetzung der Uran-Anreicherung voraussichtlich
noch eine Weile verlängern.
Nicht nur das Gewicht der EU war wirksam. Die Chancen für eine härtere
Resolution standen schlecht. Ungewöhnlich offen hatten die Chinesen mit
ihrem Veto im Sicherheitsrat gedroht.
Schon Kriegsgrund im Irak
Auch die Russen und die Blockfreien zogen nicht mit. Dass die
Amerikaner in letzter Stunde Satelliten-Photos einer gerade entdeckten
möglichen Produktionsstätte für Atomwaffen in Partschin bei Teheran aus
der Schublade holten, machte keinen starken Eindruck:
Massenvernichtungswaffen, die es dann nicht gab, hatten schon als
Kriegsgrund gegen den Irak herhalten müssen.
Wie die nächsten Schritte aussehen sollen, wenn Sanktionen im
Sicherheitsrat nicht durchsetzbar wären, muss jetzt nicht erwogen
werden.
Einen militärischen Alleingang, wieder an den UN vorbei, wird
Washington sich angesichts des Debakels im Irak selber nicht wünschen.
Das Risiko eines Angriffs auf Iran wäre die Schaffung eines beinahe
geschlossenen Unruhegebietes von Palästina bis nach Afghanistan.
Ein Schritt auf dem Weg zum neuen demokratischen Nahen Osten wäre es
mit Sicherheit nicht.
Falls die Israelis mit Luftangriffen auf iranische Ziele als
Erfüllungsgehilfen der Amerikaner tätig würden, wäre der politische
Schaden nicht geringer.
Militärische Nutzen ungewiss
Dabei wäre nicht einmal der militärische Nutzen gewiss. Im Jahre 1981
hatte die israelische Luftwaffe den irakischen Reaktor Osirak bei
Bagdad zerstört.
Dieser war als Einzelziel relativ leicht auszuschalten. Die iranische
Atomwirtschaft besteht hingegen aus Anlagen, die sich an vielen Stellen
befinden, teilweise unterirdisch arbeiten, teilweise inmitten von
Städten.
Das weithin sichtbare Atomkraftwerk von Buschehr am Golf, an dem die
Russen bauen, ist nicht zur Produktion von Atomwaffen geeignet.
Im neu entdeckten Partschin, etwa 40 Kilometer südöstlich von Teheran,
befindet sich seit den Dreißigerjahren eine große Munitions- und
Sprengstoff-Fabrik.
Erstmals hatte Ende letzten Jahres ein Reform-Abgeordneter im
iranischen Parlament beklagt, dass dort sowie in den Bergen zwischen
Karadsch und Kaswin, nordwestlich der Hauptstadt, unterirdische
Atomanlagen entstünden, während viele Kinder nicht genug zu essen
hätten.
Angeblich hat die Wiener Agentur kürzlich den Wunsch nach Inspektionen
in Partschin angemeldet, die von Teheran aber noch nicht genehmigt
seien. Die Iraner bezeichnen dies als „Lüge“.
++++++++++++++++++++
Neue Zürcher Zeitung, 18. September 2004
Erdogan im Trotz gegen die EU
Scheitert der EU-Kurs am Ehebruchparagraphen?
In einer Trotzreaktion hat der türkische Regierungschef Erdogan die
Beratungen über das neue Strafrecht - und damit über den umstrittenen
Ehebruchparagraphen - gestoppt und sich Einmischung aus Europa
verbeten. In der Türkei herrscht Bestürzung.
Kee. Istanbul, 17. September
Wegen eines auch in der Türkei umstrittenen Ehebruchparagraphen
gefährdet die Regierung in Ankara die Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Am 6. Oktober will
die EU-Kommission einen Bericht über die Erfüllung der politischen
Beitrittskriterien durch die Türkei veröffentlichen. Der Bericht wird
massgebliche Bedeutung für die Entscheidung darüber haben, ob
Beitrittsverhandlungen demnächst beginnen. Kurz vorher wollte die
Türkei noch mit einem neuen Strafrecht Modernität beweisen und hätte
dies in einigen Punkten auch sicher getan, wäre nicht der auch von
türkischen Frauenorganisationen heftig kritisierte Ehebruchparagraph
auf die Tagesordnung gekommen.
Einmischung in innere Angelegenheiten
Nach deutlicher Kritik europäischer Politiker verschwand der
Ehebruchparagraph wieder von der Tagesordnung. Doch dann kam
Ministerpräsident Erdogan von einer Auslandreise zurück und
veranlasste, dass der Straftatbestand Ehebruch unter der Bezeichnung
«sexuelle Untreue» wieder auf die Tagesordnung kam. Die Opposition
drohte mit dem Auszug aus dem Parlament. Aussenminister Gül und
Justizminister Cicek gaben nach. Der strittige Paragraph wurde zunächst
nicht vorgelegt. Einige Stunden später griff Erdogan erneut ein und
stoppte den ganzen Gesetzgebungsvorgang. Damit endete auch die
Sondersitzungsperiode des Parlamentes, das voraussichtlich erst am 1.
Oktober wieder zusammenkommen wird.
Erdogan gibt sich kämpferisch. Die Regierung nehme Rücksicht auf die
Empfindlichkeiten der Türkei und bleibe ihren Überzeugungen treu,
erklärte der Regierungschef und warf der EU Einmischung in die inneren
Angelegenheiten der Türkei vor. Die EU könne nicht die Tagesordnung des
türkischen Parlamentes bestimmen. Der Oppositionsführer Deniz Baykal
hingegen warf ihm vor, wegen der Interessen eines Teiles seiner
Klientel die Interessen der gesamten Türkei aufs Spiel zu setzen. Die
Istanbuler Börse antwortete noch während Erdogans Rede mit einem
Kurssturz von 4 Prozent.
Emotionen um die Frauenrechte
Das Kopfschütteln bei vielen Beobachtern in der Türkei ist gross. «Ist
der Ehebruchparagraph so wichtig?», lautet die Frage. Den alten, aus
Mussolinis Strafrecht abgeschriebenen Ehebruchparagraphen hatte das
türkische Verfassungsgericht wegen seiner für Männer und Frauen stark
abweichenden Formulierungen vor acht Jahren aufgehoben. Während dieser
acht Jahre hat niemand nach einem neuen Ehebruchparagraphen geschrien.
Die ganze Diskussion begann erst vor drei Wochen, als die
Regierungspartei dem seit über einem Jahr vorbereiteten Entwurf für das
neue Strafrecht überraschend wieder einen Ehebruchparagraphen
hinzufügen wollte.
Die Massenzeitung «Milliyet» (Die Nation) warf der Regierung bereits am
Freitagmorgen, noch ehe Erdogan sich geäussert hatte, Unaufrichtigkeit
in Bezug auf die Reformen vor. Erdogans islamisch-konservative Partei
für Gerechtigkeit und Fortschritt betreibe «taqqiye», die Muslimen in
Notlagen erlaubte Verleugnung des wahren Glaubens. Viele Türken trauen
der Wandlung der aus Erbakans islamistischer Bewegung hervorgegangenen
Partei nicht ganz über den Weg und fühlen sich durch den plötzlichen
Abweg vom Reformpfad bestätigt. Das Misstrauen mag übertrieben sein,
aber man kann sich schon wundern, warum Erdogan, der sich fast zwei
Jahre lang mit voller Energie und Erfolg für die Annäherung an die EU
eingesetzt hat, nun kurz vor dem Ziel aus den Geleisen springt.
Offenbar werden bei der Frauenpolitik tief liegende Emotionen getroffen
- der Streit ums Kopftuch gehört auch in diesen Zusammenhang.
Noch eine Chance
Der Sprecher der EU-Kommission, Jean Christophe Flori, erklärte am
Freitag im Nachrichtensender CNN Türk, die Kommission werde jede
Reform, die die Türkei vor dem 6. Oktober verabschiedet habe, bewerten.
Damit hätte die Türkei noch die Chance, nach der Eröffnung des
Parlaments am 1. Oktober das Versäumte nachzuholen. Doch für die
Verabschiedung eines kompletten Strafrechtes ist die Zeit kurz, und die
Haltung der Regierungspartei zum Ehebruchparagraphen ist noch nicht
geklärt.
++++++++++++++++++++
Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
Erdogan verbittet sich Einmischung der EU
Im Streit um die Rechtsreform samt Strafe für Ehebruch schlägt der
türkische Premier nationalistische Töne an
Mit der Reform des Strafgesetzbuches wollte die türkische Regierung
Hürden auf dem Weg des Landes in die EU ausräumen. Doch angesichts des
Brüsseler Echos auf die geplante Strafbarkeit von Seitensprüngen hat
Ankara das Vorhaben auf Eis gelegt.
VON GERD HÖHLER
Athen · 17. September · Ein EU-Sprecher warnte am Freitag in Brüssel,
ein Scheitern der Strafrechtsänderungen könnte die europäischen
Aussichten der Türkei "verkomplizieren". Daraufhin verbat sich
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in einer flammenden Rede vor
Parteifunktionären jede ausländische Einmischung. Der EU stehe es nicht
zu, Druck auf Ankara auszuüben. "Wir treffen unsere Entscheidungen
selbst", sagte Erdogan und betonte, auch ohne die Strafrechtsreform
habe sein Land alle Bedingungen für EU-Beitrittsverhandlungen erfüllt.
Am Donnerstagabend hatten die Abgeordneten der türkischen
Nationalversammlung bereits fast alle der 346 Paragrafen des
Reformpakets gebilligt, da zog die Regierung die Vorlage überraschend
zurück und verwies sie zurück an den Rechtsausschuss des Parlaments.
Offizielle Begründung: die Strafrechtsreform solle zusammen mit
geplanten Änderungen der Strafprozessordnung und des
Strafvollzugsgesetzes verabschiedet werden. Der wahre Grund aber dürfte
die Kontroverse um den geplanten Ehebruch-Paragrafen sein.
Der Plan der gemäßigt-islamischen Regierung, Ehebruch mit
Gefängnisstrafen zu ahnden, hat nicht nur in Europa Widerspruch
ausgelöst sondern auch in der Türkei für erbitterten Streit gesorgt.
Kritiker befürchten, die Strafbestimmung werde sich in der Praxis
einseitig gegen Frauen richten. Wegen der Kontroverse verständigte sich
die regierende Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) Anfang der
Woche mit der Opposition darauf, den Paragrafen fallen zu lassen -
allerdings, wie türkische Medien jetzt berichten, offenbar ohne Wissen
von Ministerpräsident Erdogan. Am Donnerstagnachmittag erklärte Erdogan
dann, man werde "eine Lösung finden, die den Wünschen der
Öffentlichkeit gerecht wird". Präzise wurde er nicht.
Premier scheut offenbar den Konflikt
Die Rückverweisung des Reformpakets an den Rechtsausschuss scheint aber
darauf hinzudeuten, dass der Premier zu einem späteren Zeitpunkt den
umstrittenen Seitensprung-Paragrafen doch noch zur Abstimmung stellen
will. Mit einem Verzicht auf die geplante Strafbestimmung würde Erdogan
den fundamentalistischen Flügel seiner Partei und Teile der
islamistischen Wählerschaft gegen sich aufbringen. Diesen Konflikt
scheut der Premier offenbar - selbst wenn dadurch die gesamte
Strafrechtsreform scheitern könnte.
Die geplanten Änderungen sind längst überfällig und galten als wichtige
Voraussetzung für eine weitere Annäherung der Türkei an die EU. Sie
sehen unter anderem härtere Strafen für Folter, Sexualverbrechen, so
genannte "Ehrenmorde", Menschen- und Organhandel vor. Am 6. Oktober
will die EU-Kommission ihren Bericht vorlegen, auf dessen Grundlage der
Europäische Rat im Dezember entscheiden soll, ob die Türkei reif ist
für Beitrittsverhandlungen.
++++++++++++++++++++
Die Welt, Samstag, 18. September 2004
Der Streit in der Türkei um ein Ehebruch-Gesetz eskaliert
Ankara zieht überraschend das gesamte Paket zur Justizreform zurück -
Erdogan verbittet sich Einmischung von der EU
von Boris Kalnoky
Budapest - Seit zwei Jahren peitscht eine ursprünglich islamisch
gewähnte Regierung in der Türkei prowestliche Reformen voran, um den
Beginn konkreter Beitrittsverhandlungen mit der EU zu ermöglichen. Das
Tempo und die Reichweite der Reformen waren bislang überraschend und
eindrucksvoll, und Politiker in den Hauptstädten der EU, denen ein
Beitritt der Türkei alles andere als segensreich erscheint, begannen
schon zu verzweifeln, mit welcher Begründung man den Türken
Verhandlungen überhaupt noch verweigern könnte. Am 17. Dezember muss
die EU entscheiden.
Nun, auf der Zielgeraden, gerät der türkische Reformsturmlauf plötzlich
ins Straucheln. Ins jüngste Reformpaket zur Modernisierung des
Strafgesetzbuches wurde ein Passus eingebaut, der Ehebruch zur Straftat
macht. Die EU drohte daraufhin, dies werde die Beitrittschancen des
Landes erheblich beeinträchtigen. Ankara zog den Entwurf am Dienstag
zurück, aber am Mittwoch kündigten Hardliner der mehrheitlich gemäßigt
islamischen Regierungspartei AKP an, sie würden dennoch ein EhebruchGesetz
im Parlament einbringen. Daraufhin hat nun die Regierung das
gesamte Reformpaket zurückgezogen.
Im Streit mit der EU hat sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
jegliche Einmischung verbeten. "Niemand hat das Recht, sich in unsere
inneren Angelegenheiten, in die Arbeit und den Zeitplan unseres
Parlaments einzumischen", sagte Erdogan am Freitag. "Wir sind Türken
und treffen unsere Entscheidungen selbst." EU-Erweiterungskommissar
Günter Verheugen hat sich äußerst besorgt über die in der Türkei erneut
aufgekommene Diskussion über eine Strafbarkeit von Ehebruch gezeigt.
Verheugen sagte, die Entwicklung in der Türkei sei sehr beunruhigend.
Er rief die Türkei auf, ihr neues Strafgesetzbuch zügig zu
verabschieden. Das Strafgesetzbuch sei ein zentrales Kriterium für die
Beurteilung, ob die Türkei ein Rechtsstaat sei.
Das Gesetzespaket soll in der Erdogan-Partei nun neu diskutiert werden,
bevor es wieder zur Abstimmung gelangt. Was all dies bedeutet, ist noch
nicht abzuschätzen. Klar ist, dass der Reformeifer der islamischen AKP
zu erheblichen Spannungen in den eigenen Reihen geführt hat. Und klar
ist auch, dass die Türkei mit den Wirrnissen um die Reform des
Strafgesetzbuches ihren Gegnern in der EU ein unverhofftes Geschenk
macht. Wenn es nicht gelingt, diese Spannungen in der AKP rasch
abzubauen und die Reformen durchzubringen, dann könnte das EU-Projekt
plötzlich implodieren.
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Weiter Streit um Ehebruch
Aufgrund des Drucks religiös-konservativer Kräfte verweist das
türkische Parlament die Strafrechtsreform in den Ausschuss zurück.
Brüssel über Verzögerung besorgt
ISTANBUL taz Nach drei Tagen Beratungen, hat das türkische Parlament
am Donnerstagabend die Reform des Strafgesetzbuches vertagt und in den
Justizausschuss zurückverwiesen. Der Grund für diesen beispiellosen
Abbruch bei der Verabschiedung eines wichtigen Reformwerkes ist das
Chaos in der regierenden AKP im Streit um die Kriminalisierung von
Ehebruch.
Nachdem die Parteiführung in Abwesenheit von Premier Tayyip Erdogan
sich am Dienstag mit der Opposition verständigt hatte, auf den Zusatz
im Strafgesetzbuch zu verzichten, probte am Donnerstag ein Teil der
AKP-Fraktion den Aufstand. Diese, der Milli-Görüs angehörende religiöskonservative
Strömung bestand darauf, im Strafgesetzbuch einen
Paragrafen einzufügen. Dieser sollte "sexuelle Untreue" mit bis zu
einem Jahr Haft oder einer Geldstrafe ahnden.
Dem Aufstand der Milli-Görüs-Leute vorausgegangen waren zwei Treffen
von Vertretern der verschiedenen Strömungen in der AKP mit Premier
Erdogan. Die Religiösen bestanden darauf, dass der im Koran verurteilte
Ehebruch einen Niederschlag im Strafgesetz findet.
Die oppositionelle CHP drohte, das Plenum zu verlassen. Schließlich
hatte man sich vorher geeinigt, das Strafgesetzbuch zügig zu
verabschieden, damit die Reform bei der Formulierung des
Türkeiberichtes der EU-Kommission noch berücksichtigt wird. Da die AKPF
ührung ihre Abgeordneten nicht mehr auf eine Linie verpflichten
konnte, zog sie die Reißleine. Wegen weiterem Beratungsbedarf
beantragte sie die Rückkehr der Reform in den Ausschuss.
Jetzt ist unklar, wie es weitergeht. Letztlich wird Erdogan entscheiden
müssen, ob ihm ein Teil seiner fundamentalistischen Basis wichtiger
ist, als das Einvernehmen mit der Opposition und der Auftritt der
Türkei in Brüssel. Dort löste die Verzögerung der Strafrechtsreform
"große Sorge" aus. Bestimmungen wie die geplante Kriminalisierung des
Ehebruchs würden "sicher" Zweifel an den Reformbemühungen der Türkei
entstehen lassen, sagte der Sprecher der EU-Kommission, Jean-Christophe
Filori. JÜRGEN GOTTSCHLICH
+ + +
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004 (Kommentar)
FÜR DIE TÜRKISCHEN FRAUEN WÄRE EIN NEIN AUS BRÜSSEL FATAL
Konservative in der Identitätskrise
Nach dem Motto "Unsere Frauen gehören uns" hat ein Teil der regierenden
AKP bei der Beratung eines neuen Strafgesetzbuches in der Türkei darauf
bestanden, Ehebruch weiter zu kriminalisieren. Im Reformmarathon der
Türkei auf dem Weg in die EU ist es das erste Mal, dass eine relevante
Gruppe innerhalb der AKP damit demonstrativ Reform-Forderungen aus
Brüssel zurückweist.
Für den konservativsten Teil der AKP ist es eine Sache, wenn die EU
Minderheitenrechte für Kurden, Bestrafung von Folterern oder den
Rückzug des Militärs aus der Politik fordert. Das betrifft den
öffentlichen Raum, und es sind deshalb diskutable Forderungen, die
teilweise durchaus ihre Zustimmung finden. Etwas anderes ist es in den
Augen dieser Religiösen, wenn Brüssel sich in ihre
Familienangelegenheiten einmischen will. Als nichts anderes empfinden
diese "Mullahs" das Ansinnen der EU, die Gleichberechtigung der
Geschlechter voranzutreiben und deshalb zwar einen Straftatbestand
"Vergewaltigung in der Ehe" ins Strafgesetzbuch einzuführen, Ehebruch
aber zu dulden (und nur im Zivilrecht zu behandeln).
Der Streit um die Kriminalisierung von Ehebruch geht weit über die
Frage hinaus, ob eheliche Untreue ein Fall für den Staatsanwalt werden
soll. Es zeigt vielmehr, dass ein Teil der türkischen Gesellschaft sich
in allen Fragen, die unterhalb der Gürtellinie angesiedelt sind, durch
den Reformprozess in ihrer Identität bedroht sieht. Was geht die in
Brüssel an, was ich mit meiner Frau mache, ist die Haltung, die hinter
dem Aufstand innerhalb der AKP steht. Diese Haltung kann auch nicht auf
Anordnung von oben gelöst, sondern höchstens zugedeckt werden. Die
Voraussetzung zu ihrer Überwindung ist die Fortsetzung der Debatte und
die Veränderung der sozialen Realität.
Für die Frauen in der Türkei wäre es deshalb die schlechteste
Entscheidung wenn Brüssel den "Mullahs" die rote Karte zeigt und
Beitrittsverhandlungen ablehnt. Nur die Veränderung der Verhältnisse -
und die ändern sich am nachhaltigsten durch die fortgesetzten
Integrationsanstrengungen - ändern auch das Bewusstsein. JÜRGEN
GOTTSCHLICH
++++++++++++++++++++
Süddeutsche Zeitung, 18.9.2004
Ankara verschiebt Teil der Strafrechts-Novelle
Offener Konflikt zwischen EU und der Türkei
Nachdem Ankara überraschend die Strafrechtsreform gestoppt hatte,
drohte die EU mit Konsequenzen. Erweiterungskommissar Günter Verheugen
zeigte sich "sehr beunruhigt". Der türkische Premierminister Recep
Tayyip Erdogan verbat sich daraufhin eine "Einmischung in innere
Angelegenheiten".
Ankara/Brüssel (SZ) – Drei Wochen vor der Stellungnahme der
Europäischen Kommission zur Türkei hat sich der Streit um eine EUMitgliedschaft
des Landes am Freitag zugespitzt. Der Vorschlag von CDUChefin
Angela Merkel, Ankara eine „privilegierte Partnerschaft“
anzubieten, löste eine Debatte in der Union aus.
Das Parlament werde sich erst in drei bis fünf Monaten wieder mit der
Reform befassen können, berichteten türkische Medien am Freitag. Am
Vorabend hatte die Regierungspartei AKP das Gesetzeswerk kurz vor
seiner Verabschiedung im Parlament gestoppt.
Grund war offenbar ein AKP-interner Streit um die mögliche
Kriminalisierung des Ehebruchs. Die Strafrechtsreform und die
verbundenen Neuerungen wie die Erweiterung der Meinungsfreiheit und die
strenge Bestrafung von Folter können nun nicht vor dem am 6. Oktober
erwarteten Fortschrittsbericht der EU-Kommission in Kraft treten.
In dem Bericht will die EU darlegen, ob die Türkei die politischen
Kriterien für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen erfüllt oder
nicht. Die endgültige Entscheidung treffen die Staats- und
Regierungschefs der EU im Dezember.
„Zügig verabschieden“
Die AKP hatte die Schlussabstimmung im Parlament mit dem Argument
verhindert, dass die Strafrechtsreform gleichzeitig mit zwei anderen
Gesetzeswerken in Kraft treten solle.
Diese liegen derzeit aber noch in den Fachausschüssen des Parlaments.
Bis sie im Plenum behandelt werden können, werden mindestens drei
Monate vergehen. Die Oppositionspartei CHP und die Medien sehen den
wahren Grund für die Verzögerung im Streit um den Ehebruch.
Nachdem die islamisch geprägte AKP Anfang der Woche auf eine Bestrafung
des Ehebruchs verzichtet hatte, startete eine Gruppe ihrer Abgeordneten
am Donnerstag eine neue Initiative zu dem Thema.
Medienberichten zufolge könnte die AKP die Unterbrechung der
Strafrechtsberatungen für einen neuen Ehebruchs-Gesetzentwurf nutzen.
Einige Zeitungen berichteten, Erdogan selbst unterstütze die
Kriminalisierung des Ehebruchs.
Bei der Europäischen Kommission löste die Verzögerung der Reform Kritik
aus. Verheugen sagte im belgischen Leuven, die Entwicklung sei sehr
beunruhigend. Er rief Ankara dazu auf, das neue Strafgesetzbuch zügig
zu verabschieden.
Dies sei ein zentrales Kriterium für die Beurteilung, ob die Türkei ein
Rechtsstaat sei. Verheugen machte deutlich, dass die Kommission ihren
Bericht wegen der neuen Entwicklung nicht verschieben werde.
Verheugens Sprecher Jean-Christophe Filori sagte in Brüssel, mögliche
Bestimmungen wie die Kriminalisierung des Ehebruchs würden „sicherlich“
Zweifel an den Reformbemühungen entstehen lassen.
Die „europäische Orientierung“ Ankaras würde durch derartige Regelungen
in Frage gestellt. Der Ausgang dieser Angelegenheit werde sich in dem
Bericht „vollständig widerspiegeln“.
Der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Ingo Friedrich (CSU),
forderte unterdessen eine Abstimmung des Europäischen Parlaments über
die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen.
„Wir sind die Türkei“
Erdogan wies die Kritik scharf zurück. „Wir sind die Türkei, und wir
sind Türken. Wir treffen im Parlament unsere eigenen Entscheidungen.“
Niemand habe das Recht, „sich in unsere inneren Angelegenheiten, in die
Arbeit und den Zeitplan unseres Parlaments einzumischen“.
Für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen zählten allein die
Kopenhagener Kriterien. Diese habe sein Land bereits erfüllt. Alles
andere sei Sache der Türkei. Die Kopenhagener Kriterien stellen an alle
künftigen Beitrittsländer neben wirtschaftlichen auch politische
Bedingungen, etwa die Einhaltung der Menschenrechte.
Merkel bekam wegen ihrer Initiative gegen eine Vollmitgliedschaft der
Türkei sowohl Unterstützung als auch Widerspruch aus den eigenen
Reihen.
Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses des Bundestages, Matthias
Wissmann und CSU-Landesgruppenchef Michael Glos warnten vor einer
finanziellen und wirtschaftlichen Überforderung der EU.
Dagegen befürwortete der CDU-Außenexperte Ruprecht Polenz und der CDUAbgeordnete
Thomas Kossendey Beitrittsverhandlungen. Der Präsident des
Bundesverbands der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, sagte, die
Wirtschaft profitiere von einer Beitrittsperspektive Ankaras.
+ + +
Süddeutsche Zeitung, 18.9.2004
Kommentar zur Türkei
Das Aufgebot wankt
Die Mehrheit der EU-Mitglieder ist wild entschlossen, mit der Türkei
über die Mitgliedschaft zu verhandeln. Es entsteht schleichend ein Bund
fürs Leben, über dessen Festigkeit ernste Zweifel bestehen müssen.
Von Stefan Kornelius
Das Eheversprechen soll im Dezember gegeben werden, nachdem das
ungleiche Paar so lange und so geduldig gewartet hat.
Die Befürworter – allen voran Erweiterungskommissar Günter Verheugen –
setzen auf eine Art bürokratischen Automatismus: Es wird ein Bericht
geschrieben, es gibt den stillschweigenden Konsens einer Mehrheit der
EU-Mitglieder, und so entsteht schleichend ein Bund fürs Leben, über
dessen Festigkeit ernste Zweifel bestehen müssen.
Die Ironie an diesem Verfahren: Ausgerechnet eine strafrechtliche
Bestimmung über den Ehebruch in der Türkei und damit über ein
gesellschaftspolitisches Schlüsselthema könnte diesen Ehe-Automatismus
stoppen.
Das politische Hochzeitsversprechen – von Paten und Zieheltern
abgegeben – könnte scheitern an der inneren Befindlichkeit von Braut
und Bräutigam.
Die EU verlangt von der Türkei eine expressartige Anpassung ihrer
Normen an die westeuropäischen Standards, aber die türkische
Gesellschaft, vertreten durch ihre Abgeordneten, rebelliert.
Gesellschaften verändern sich nicht auf Befehl.
Die Anpassungszwänge aus Brüssel haben erstmals einen gefährlichen
Überdruck im Kessel entstehen lassen.
Premierminister Erdogan reagiert chauvinistisch-pampig: Niemand dürfe
sich von außen in die Angelegenheiten der Türkei einmischen, sagt er.
Falsch: Bei der EU geht es um nichts anderes als Einmischung in die
nationalen Dinge.
Der Ehebruch-Paragraph im türkischen Strafrecht hat alle Chancen, das
Aufgebot des Landes für das große Hochzeitsspektakel mit der EU zu
vermasseln.
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Kurden dürfen doch ins Ausland
ISTANBUL afp Die türkische Kurdenpolitikerin Leyla Zana und drei
andere Exabgeordnete müssen nun doch nicht mit einem Ausreiseverbot
rechnen. Innenminister Abdülkadir Aksu habe dafür gesorgt, dass die
vier vor kurzem aus der Haft entlassenen Kurdenpolitiker einen
Reisepass erhalten und ins Ausland reisen dürfen, berichtete die
Zeitung Milliyet gestern. Laut dem Bericht kann Zana damit Mitte
Oktober zum EU-Parlament nach Brüssel reisen, wo sie einen
Menschenrechtspreis erhalten soll. Zana war schon 1995 mit dem Preis
ausgezeichnet worden, konnte ihn bisher jedoch nicht entgegennehmen.
Sie war erst im Juni nach zehnjähriger Haft auf freien Fuß gesetzt
worden, nachdem das oberste Berufungsgericht ihre Haftstrafe aufgehoben
hatte. Die Reiseerlaubnis für die Kurdenpolitiker war bisher fraglich,
weil sie Ende Oktober in Ankara erneut vor Gericht stehen werden.
++++++++++++++++++++
junge Welt vom 18.09.2004
Nick Brauns
Militärs erlitten Schlappe vor Gericht
Türkische Lehrergewerkschaft wehrt sich erfolgreich gegen Verbot.
Weitere Kämpfe in kurdischen Gebieten
Der Verbotsantrag gegen die türkische Lehrergewerkschaft Egitim-Sen ist
am Donnerstag vor dem Arbeitsgericht in Ankara abgelehnt worden. Die
Kommandantur der türkischen Armee hatte die Schließung der
Gewerkschaft, die über 200 000 Mitglieder vertritt, beantragt, da die
Satzung von Egitim-Sen den Punkt »Ausbildung in der Muttersprache«
enthält. Dies ist eine Umschreibung für kurdischsprachigen
Ergänzungsunterricht und stellt in den Augen der Militärs einen Angriff
auf die Einheit der Türkei dar. Im Juli hatte das Gericht angesichts
massiver Proteste und aus Furcht vor Kritik der EU das Verbotsverfahren
für 60 Tage ausgesetzt. Unterstützungsplattformen von Egitim-Sen hatten
zudem in den letzten Tagen in vielen Städten der Türkei Protestaktionen
gegen die drohende Schließung organisiert. So führte die Gewerkschaft
des Öffentlichen Dienstes KESK einen Marsch von Ankara nach Istanbul
durch.
Obwohl das Verbot der kurdischen Sprache offiziell aufgehoben wurde und
die staatlichen Sender begonnen haben, einige Stunden kurdischsprachige
Programme zu senden, darf auf politischen Veranstaltungen weiterhin nur
türkisch gesprochen werden. So berichtete die Dicle-Nachrichtenagentur,
daß zwei Politiker der kurdischen Demokratiepartei des Volkes (DEHAP)
in der Stadt Mus zu einem halbem Jahr Haft verurteilt wurden, weil sie
auf einer Wahlkundgebung im November 2002 die Bevölkerung auf kurdisch
begrüßt hatten. Auch gegen die kurdische Presse ging die Polizei erneut
vor. Eine Antiterroreinheit drang am Dienstag in die Istanbuler
Redaktionsräume der Zeitschrift Özgür Halk ein, beschlagnahmte die
Computer und nahm vier Mitarbeiter fest.
Unterdessen gehen die militärischen Auseinandersetzungen in den
kurdischen Gebieten unvermindert weiter. Allein in den letzten zwei
Monaten seien bei Kämpfen 63 Menschen getötet worden, teilte der
Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD von Diyarbakir, Selahattin
Demirtas, jetzt mit. Demirtas zeigte sich in großer Sorge um das Leben
von zwei Ingenieuren und einem Arbeiter, die seit vergangener Woche
vermißt werden. Es gäbe keine Beweise, daß die kurdische Guerilla die
Männer verschleppt hätte, wies Demirtas entsprechende Medienberichte
zurück. In den 90er Jahren hatte die staatliche Konterguerilla Hunderte
Menschen »verschwinden lassen«, um der kurdischen Arbeiterpartei PKK
die Schuld an ihrer Ermordung in die Schuhe zu schieben.
++++++++++++++++++++
junge Welt vom 18.09.2004, Wochenendbeilage
Ulla Jelpke
Entrechtet im eigenen Land
Begegnungen und Impressionen im türkischen und syrischen Kurdistan
Die Reise mit meinen kurdischen Freunden durch den kurdischen Teil der
Türkei und Syriens führte zu ihren seit Jahrzehnten geteilten Familien
im Grenzgebiet bei Nuseybin und Kamischli. Die Kurden sind im
wesentlichen auf vier Länder verteilt, Türkei, Syrien, Irak und Iran.
Mit gewissen Ausnahmen im irakischen Kurdistan versucht man, die Kurden
zu assimilieren oder zu arabisieren. Sie sind ohne Rechte und dürfen
ihre kulturelle Identität nicht leben.
Nach der Ankunft in Mersin an der türkischen Mittelmeerküste lernen wir
die Kurdin Leyla kennen. Nach Mersin und Adana sind während des Krieges
1993 viele Kurden geflüchtet. So auch die Familie von Leyla aus
Nuseybin. Dort war schon ihr Großvater Lkw-Fahrer. 1993, während des
Krieges in Türkisch-Kurdistan, wurden Leylas Vater, der ebenfalls Lkw
Fahrer war, und der älteste Bruder von türkischen Soldaten ermordet.
Sie waren keine Guerillakämpfer, aber aktiv für die PKK, die Kurdische
Arbeiterpartei. Als sie in eine Falle des türkischen Militärs gerieten,
wurden sie einfach von diesen hingerichtet. Der Tod der beiden läßt
auch nach zehn Jahren die Familie nicht los. Nahezu jede kurdische
Familie hat wie Leyla Verwandte als Todesopfer zu beklagen. Der Schmerz
und die Wut über die Repression sitzen tief.
Abends kommen Leylas Brüder Aydin und Emin mit ihren Lkw nach Hause,
Aydin von einer Tour aus Europa, Emin direkt aus dem Irak. Große
Erleichterung bei der Familie! Erst vor ein paar Wochen war Emins Lkw
im Irak beschossen worden. Wir diskutieren: Warum machen Kurden
überhaupt diese existenzgefährdenden Transporte in den Irak für die
Amerikaner? Viele Kollegen, so berichten die beiden Brüder, kamen schon
ohne Lkw zurück, weil er gestohlen oder bei Widerstandsangriffen
zerstört wurde. Nicht wenige Lkw-Fahrer sind dabei bereits ums Leben
gekommen.
Aydin erzählt, daß keiner der Kurden wirklich in den Irak fahren wolle.
»Aber die Firmen, für die wir arbeiten, zwingen uns dazu.« Sonst
bekomme man keine anderen Touren, beispielsweise nach Europa. »Die
Alternative wäre die Arbeitslosigkeit«. Voller Empörung berichten Emin
und Aydin, daß die Amerikaner zwar vorgeben, sie im Konvoi militärisch
zu schützen; aber sobald die Ware abgeliefert ist, verschwinden die
Soldaten oft und überlassen die Fahrer auf dem Rückweg spätestens ab
Mosul ihrem Schicksal.
Daß die Angriffe nicht einfach nur kriminell sind, sondern dem
Widerstand geschuldet sein könnten, ist für sie nur schwer
auseinanderzuhalten. Emin sagt: »Die Amerikaner sind nicht im Irak, um
die Interessen der Kurden zu verteidigen.« Den Irak-Krieg bewerten
beide als Beutezug einer imperialistischen Vormacht. Daß die irakischen
Kurden durch ihr Bündnis mit den USA Teil des Militärpaktes wurden,
sehen Emin und Aydin zwiespältig. »Was sollten sie anderes tun?« Es
gibt unterschiedliche Meinungen bei den Kurden, sagt Aydin: Die einen
sprechen von »Handlangern und Marionetten der Kriegstreiber«, die
anderen erwarten immer noch einen kurdisch-föderalen Staat innerhalb
des Iraks. »Aber die Hoffnung auf diese Utopie schwindet bei uns immer
mehr.«
Mit dem neuen knallroten Lkw von Aydin fahren wir weiter nach Nuseybin.
Auf der Fahrt durch das türkische Kurdistan macht Aydin die Bemerkung:
»Sie bauen immer mehr Moscheen statt Schulen!« Gemeint sind die
kurdischen Gemeinden. Die Stimmung ist gedrückt, denn das nächste Ziel
heißt für Aydin der Irak.
Im Kurdengebiet der Türkei
In Türkisch-Kurdistan herrscht der Ausnahmezustand, und überall ist das
Militär gegenwärtig. Auch wenn wir das Land ohne große militärische
Straßenkontrollen bereisen können, darf das nicht darüber
hinwegtäuschen, daß die Kontrolle perfekt funktioniert. Kaum haben wir
ein Dorf verlassen, wurde von Militärs der Bus angehalten, um zu
fragen: »Sind Ausländer hier drin?« Für den Alltag der Kurden bedeutet
dies permanente Kontrolle durch das Militär. Wenn die Familien im
türkischen Kurdistan aufs Feld gehen wollen, müssen sie sich beim
Militär abmelden. Manchmal dürfen sie nur wenige Stunden ihre Felder
bestellen. »Abends zum Sonnenuntergang müssen wir wieder im Dorf sein,
sonst bringen sie uns um«, mahnt eine junge Kurdin. Erst einen Tag
zuvor hat das Militär über die Lautsprecher der Moschee dies angedroht.
In Nuseybin fragen wir den kurdischen Bürgermeister, der uns von
Besuchen in Deutschland kennt, ob sich das Leben normalisiert hat. »Der
Schein trügt«, lautet seine Antwort. »Die täglichen Kämpfe ums
Überleben sind hart.« Die Armut ist unübersehbar.
Besonders in Dersim, aber auch 200 km entfernt in Van finden
gegenwärtig bewaffnete Kämpfe statt, berichtet der Bürgermeister. »Wir
wollen Frieden, aber durch die alltägliche militärische Präsenz und
Gewalt ist nicht daran zu denken«, sagt er. Angesichts dessen sollen
jetzt wieder verstärkt Demonstrationen organisiert werden, auf denen
die Kurden für ihre Rechte eintreten wollen.
Der Bürgermeister weist Vorstellungen über eine Liberalisierung in der
Türkei zurück. »Es besteht weiterhin ein generelles kurdisches
Sprachverbot. Unterricht in Kurdisch darf weder in den Schulen noch an
den Universitäten gegeben werden. Für die Kurden gibt es keine
Schulpflicht, so daß das Analphabetentum extrem ist, vor allem unter
den Frauen und Mädchen.«
Abends sehen wir im illegalen kurdischen Sender Roj-TV eine Übertragung
der Demonstration aus Diarbakyr. Über den legalen, in Europa gerne als
»kurdisch« propagierten Sender, der von der türkischen Regierung
täglich Propagandasendungen von 15 Minuten bringt, lachen die Kurden
nur. Von der Demonstration kein Wort.
Wer einmal in Kurdistan über die Dörfer gefahren ist, versteht, warum
seit dem Krieg viele vertriebene Kurden trotz schwierigster Bedingungen
zurückkehren. Die Landschaft ist atemberaubend schön und reich an
Früchten. Die türkische Regierung hält diese Gebiete bewußt
unterentwickelt. Als besondere Schikane behalten sich die Soldaten vor,
wann das Wasser oder der Strom willkürlich abgestellt wird. Die Felder
müssen unter mittelalterlichen Bedingungen bewirtschaftet werden.
Im Dorf können fast alle Mädchen und Frauen nicht lesen und schreiben.
Daran trägt das türkische Regime zwar die Hauptschuld, das ist aber
nicht die alleinige Ursache. Die Familienstruktur ist stark
patriarchalisch geprägt. Auch Väter und Onkel verhindern, daß die
Mädchen und Frauen alphabetisiert werden. Evrim ist 21 Jahre alt: »Ich
schäme mich so sehr dafür, daß ich nicht lesen und schreiben kann, aber
mein Vater verbietet es mir, in die Abendschule zu gehen«, erklärt sie
uns. Sie hat sieben Schwestern; die einzige, die in die Schule gehen
darf, ist die jüngste, neun Jahre alt. Ihre sechs Brüder sind alle zur
Schule gegangen. Als wir beim Frühstück mit der Familie darüber eine
Diskussion mit dem Vater führen, bekommt Evrim glänzende Augen: »Mein
Vater ist ein Sturkopf, aber es ist ein Genugtuung für mich, eure
Unterstützung zu haben.« Die Mutter schweigt, obwohl sie dafür ist, daß
ihre Töchter in die Schule gehen. Aber die »Apos« (das ist die
respektvolle Bezeichnung für ältere Herren) lassen es nicht zu. Der
Vater meint dann auch: »Meine Töchter sind zu alt, um noch lesen und
schreiben zu lernen, die heiraten eh bald.« Wir treffen kein kurdisches
Mädchen und keine Frau, die nicht lesen und schreiben lernen will.
Im Kurdengebiet Syriens
Nur mit Paß und Visum kommt man über die syrische Grenze, die mit
Stacheldraht und Wachtürmen dicht an dicht wie eine Festung wirkt. So
etwas wie einen »kleinen Grenzverkehr« als Erleichterung für die
getrennten kurdischen Familien gibt es nicht. Als wir die Grenze
passieren wollen, lassen die türkischen Soldaten uns und andere
Reisende stundenlang in der prallen Sonne stehen – eine reine Schikane,
denn zu 90 Prozent sind es Kurden, die hier die Grenze überqueren. Die
Grenzgänger werden gezwungen, fünf Millionen Lira (etwa drei Euro) zu
bezahlen: »Eine Spende für den Distriktgouverneur«, heißt es zynisch.
Wir werden von den Verwandten freudig empfangen und mit einem Bus nach
Amuda kutschiert. Auch in Syrien herrscht der Ausnahmezustand. Das
syrische Militär kontrolliert die Straßen und Ortseingänge. Ein kleiner
kurdischer Junge sagt: »Kaum sieht man das Militär, dann stinkt es«,
und alle lachen.
Die meisten Kurden sind hier staatenlos und haben somit keine Chance,
auf die türkisch-kurdische Seite zu reisen, um Familienangehörige zu
besuchen. Im März 2004 machten sie einen spontanen Aufstand. Der Sohn
von Hafez Assad hat nach seiner Regierungsübernahme bei den Kurden die
Hoffnung auf Einbürgerung und mehr Rechte geweckt. Geschehen ist
nichts. Bashar Assad setzt das autoritäre Regime seines Vaters fort.
Bei einem Fußballspiel in Amuda eskaliert die Situation, erzählen uns
Kurden. Plötzlich riefen arabische Fans »Saddam, Saddam!« und die
Kurden »Talabani, Talabani!«. Polizei und syrisches Militär wurden vor
allem gegen die kurdischen Fans eingesetzt. Am Tag danach entwickelte
sich daraus ein Aufstand Tausender Kurden. Sie stürmten in mehreren
Städten die Gerichte und setzten sie in Brand. In Amuda wurde eine
Statue von Assad geköpft. Der Diktator verhängte den Ausnahmezustand.
Hunderte Kurden wurden verhaftet und verschwanden in syrischen
Gefängnissen.
Ein kurdischer Anwalt berichtet: »85 Prozent der politischen Gefangenen
sind Kurden, es gibt keine Anklage, keine Verteidigung. Die
Familienangehörigen werden nicht einmal informiert. Selbst wenn sie von
der Inhaftierung erfahren, trauen sie sich nicht, die Verhafteten zu
besuchen, weil ihnen dann selbst Verhöre und Folter drohen.« Nach dem
Aufstand gab es eine Welle der Einschüchterung vor allem gegenüber
armen Leuten.
Nachts auf den Dächern
An langen Abenden auf den Dächern sitzend berichten Kurden über ihre
Geschichte. Hüssein ist Ingenieur: »In Syrien leben ca. drei Millionen
Kurden. Niemand hat sie bisher gezählt, weil es ja wie in der Türkei
offiziell keine Kurden gibt.«
Alles Kurdische ist verboten, die Parteien, die Sprache, kurdische
Namen; die kurdische Identität muß verleugnet werden. »Wir sind absolut
nicht zufrieden mit unserer Nichtexistenz«, beklagt Hüssein. »Seit den
sechziger Jahren leben wir hier in einem Ausnahmezustand, weit davon
entfernt, anerkannt zu werden.« Die kurdischen Ländereien wurden den
Kurden weggenommen und arabisiert. Kurdische Staatsbeamte wurden
entlassen.
Katastrophal ist die Situation der staatenlosen Kurden in Syrien. Ein
Anwalt: »Die Regierung hat 1962 in der Provinz Hasaka zirka 120 000
Kurden die syrische Staatsangehörigkeit entzogen. Die Kampagne war Teil
der Arabisierung des Landes. Diese bis heute unveränderte Praxis
verstößt gegen internationale Abkommen.« Deutschland ignoriert das.
Inzwischen werden Asylanträge regelmäßig abgelehnt. Dabei sind die
Wirkungen der Staatenlosigkeit für Kurden in Syrien gravierend. Der
Anwalt berichtet weiter: »Wir werden in ›Ausländer‹ und
›Nichtregistrierte‹ aufgeteilt. Ausländer sind die Kurden, denen 1962
die Staatsangehörigkeit entzogen worden ist. Nichtregistrierte sind vor
allem die nach der Volkszählung von 1962 eingereisten Kurden. Sie haben
keine Ausweispapiere und sind nicht im offiziellen Bevölkerungsregister
aufgeführt.« Sie sind völlig rechtlos.
»Wir erhalten nicht einmal eine Behandlung in öffentlichen
Krankenhäusern«, erläutert ein Kurde. »Unsere Kinder sind ebenfalls
staatenlos, selbst wenn ein Elternteil eine Staatsangehörigkeit
besitzt.« Sowohl »Ausländer« als auch »Nichtregistrierte« haben kein
Wahlrecht, kein Recht auf Grundbesitz, kein Erbrecht, kein Recht auf
Anmeldung eines Autos. Sie erhalten keine staatlich subventionierten
Lebensmittel. Für sie existieren Berufsverbote als Ärzte oder
Ingenieure. Sie haben kein Recht auf staatliche Anstellung, was
besonders schwerwiegend ist, da auch viele Unternehmen staatlich oder
halbstaatlich sind. Die Kinder haben keinen Anspruch auf Schulbesuch.
Staatenlose werden bei den sehr häufigen Straßenkontrollen oft grundlos
tagelang festgehalten.« Eine deprimierende Bilanz!
»Wir haben ein Chaos ohne Ende.« Mit dieser resignierenden Äußerung
beschreibt ein syrischer Kurde in Damaskus die Zustände im Land. »Die
Baath-Partei ist allein an der Macht. Es gibt keine legale Opposition.«
Die Kurden sind in zwölf (eigentlich nicht zugelassene) Parteien und
Organisationen zersplittert. Seit dem Aufstand haben sie zwar ein loses
Bündnis miteinander geschlossen, suchen aber noch nach einem
Minimalkonsens. Man versucht, sich an den neuen Vorgaben von Abdullah
Öcalan zu orientieren, der in einem jüngst veröffentlichten Buch die
Demokratisierung als Losung ausgegeben hat. »Wir haben erkannt, daß die
USA den Mittleren Osten nach ihren eigenen Maßstäben ›demokratisieren‹
wollen«, wirft einer der Kurden in die Runde. »Wir setzen auf einen
eigenen Weg. Natürlich ist der Abbau totalitärer, oligarchischer,
religiöser Regime die Voraussetzung für eine Demokratisierung der
Gesellschaft.« Bei dieser Gesprächsrunde in Damaskus werden unsere
Befürchtungen bestätigt, daß eine politische Lösung der Kurdenfrage in
weiter Ferne liegt. Zumal die Berichte von Kurden über Verfolgung,
Verhaftungen und Folter in Syrien und der Türkei nicht enden wollen.
Ermutigend bleiben dennoch die Zusammenkünfte und Gespräche, die tiefe
Eindrücke hinterlassen. Beim Abschied sagt eine Kurdin: »Auch wenn du
spät kommst, ist es besser, als wenn du gar nicht kommst. Wir können
nicht raus, aber ihr könnt kommen. Das kann uns gemeinsam
weiterbringen.«
++++++++++++++++++++
Die Welt, Samstag, 18. September 2004
Merkels Türkei-Initiative spaltet die Union
Frankreichs Konservative begrüßen Vorstoß - EU-Kommissar Verheugen
warnt die Regierung in Ankara
Brüssel/Berlin - Die Initiative von CDU-Chefin Angela Merkel gegen
eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union hat in der
Union für Widerspruch gesorgt. Neben dem früheren Verteidigungsminister
Volker Rühe hat sich jetzt auch Ruprecht Polenz für die Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ausgesprochen: "Falls die Türkei
die Kriterien zur Mitgliedschaft in der EU erfüllt, muss sie eine faire
Chance erhalten." Auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust gilt nach
seiner Reise in die Türkei als Befürworter eines Beitritts. Die
deutsche Industrie befürwortet ebenfalls einen Türkei-Beitritt. Der
Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael
Rogowski, sagte: "Die Aussicht auf einen EU-Beitritt fördert tief
greifende politische und wirtschaftliche Reformen in der Türkei."
Von einer "klaren Abschottungspolitik" sprach der Vorsitzende der
Türkischen Gemeinde in Deutschland, Hakki Keskin.
Rückendeckung erhielt Merkel dagegen nicht nur aus den eigenen Reihen
wie etwa vom Vorsitzenden des Europaausschusses, Matthias Wissmann, und
CSU-Landesgruppenchef Michael Glos. Auch das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken (ZdK) hat sich gegen den EU-Beitritt der Türkei
ausgesprochen. ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer plädiert für das von
Merkel vorgeschlagene Modell der "privilegierten Partnerschaft". Eine
Aufnahme der Türkei "jetzt oder in absehbarer Zukunft" würde die EU "in
ihrem kulturellen Selbstverständnis beschädigen und in ihrer
wirtschaftlichen Leistungskraft überfordern".
Die Türkei habe durch ihre jahrzehntelangen Diskriminierungen
christlicher Minderheiten selbst "den Zusammenhang mit der europäischen
Geschichte weithin zerstört".
Auch unter Europas Sozialdemokraten gibt es kritische Stimmen, die vor
einer übereilten Verhandlungsaufnahme warnen. So fordert der
Fraktionsvorsitzende der sozialdemokratischen Parteien im Europäischen
Parlament, Martin Schulz, dass die Gespräche mit der Türkei erst später
aufgenommen werden sollten, falls der von Erweiterungskommissar Günter
Verheugen am 6. Oktober vorgestellte Fortschrittsbericht "erhebliche
Mängel" feststellt.
Im Gespräch mit der WELT räumt Schulz ein, dass der Beitritt der Türkei
auch in der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion umstritten ist.
Widerstand gebe es in den Reihen der Abgeordneten aus Frankreich, den
Benelux-Staaten und Teilen der deutschen SPD. Allerdings gehe der Trend
in Richtung Ja zur Aufnahme von Verhandlungen. Seiner Ansicht nach kann
die Türkei frühestens Ende des kommenden Jahrzehnts in die EU
aufgenommen werden. Der derzeit genannte Zeitraum von "zehn bis 15
Jahren" sei "zu knapp bemessen", sagte Schulz der WELT. Den Brief von
CDU-Chefin Angela Merkel an die konservativen europäischen
Regierungschefs hält Schulz für ein "rein innenpolitisches Manöver".
Bei der großen Mehrheit der französischen Konservativen rennt Merkel
mit ihrer Mobilmachung gegen einen EU-Beitritt der Türkei dagegen
offene Türen ein. Schon im Mai hatte die Führung der Präsidentenpartei
UMP (Union für eine Volksbewegung) den EU-Ambitionen des Landes am
Bosporus eine klare Absage erteilt. Drahtzieher dieses
Parteibeschlusses, der 71,8 Prozent der Stimmen erhielt, war
Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy, der sich damit gegen
Staatspräsident Jacques Chirac stellte, der wie Bundeskanzler Gerhard
Schröder (SPD) Verhandlungen mit der Türkei wünscht. Inzwischen ist
sogar Chiracs engster Vertrauter, der frühere Premierminister Alain
Juppé, zu den Türkei-Gegnern übergelaufen. In der UMP befürchtet man,
dass die Türkei-Frage auch die Debatte über die EU-Verfassung vergiften
könnte, über die Chirac in einer Volksbefragung abstimmen lassen
möchte. Ungemach droht dem Präsidenten nun auch von François Bayrou,
dem Vorsitzenden des liberal-konservativen Parteienbündnisses UDF.
Bayrou hat Chirac aufgefordert, vor seiner Zustimmung zur Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen die National- versammlung formell über die
Türkei-Frage abstimmen zu lassen. Unmittelbar vor ihrem abschließenden
Urteil über die Türkei hat die EU-Kommission die Regierung von Recep
Tayyip Erdogan eindringlich davor gewarnt, Ehebruch nun doch wieder
unter Strafrecht zu stellen. Er sei "sehr besorgt", sagte EUErweiterungskommissar
Günter Verheugen. Ein solcher Schritt würde
"sicher Zweifel am türkischen Reformeifer" auslösen und "die
europäische Perspektive der Türkei gefährden".
Eine weitere Hürde für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen sind die
immer noch ungeklärten Vorwürfe "systematischer Folter" in der Türkei.
In Ankara sollte gestern eine hochrangige Delegation den Vorwürfen der
Human Rights Foundation nachgehen. Der Chef der größten Fraktion im
Europaparlament, der EVP-Fraktionsvorsitzende Hans-Gert Pöttering,
schließt Beitrittsverhandlungen aus, "sollte es systematische Folter in
den Gefängnissen der Türkei geben". Eine Auffassung, der sich wohl eine
Reihe von Regierungen anschließen dürfte, wie es in Brüssel heißt.
jhe/mdl./usa
++++++++++++++++++++
Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
HINTERGRUND
Das Jein der Union
EU-Beitritt der Türkei - ja oder Nein? Auf diese Frage hat die Union
keine einheitliche Antwort. Aber die Mehrheitsverhältnisse sind klar:
Die Befürworter sind in der Minderheit.
VON THOMAS KRÖTER (BERLIN)
Längst nicht bei allen ihren Ideen und Initiativen kann Angela Merkel
der Unterstützung von Edmund Stoiber gewiss sein. Was etwa die Zukunft
des Gesundheitswesens angeht, liegen Welten zwischen den Vorsitzenden
der Schwesterparteien CDU und CSU. Im Gegensatz zu Merkel kann der
Bayer sich eine Volksabstimmung über die EU-Verfassung vorstellen. Bei
einem anderen europäischen Thema aber passt nicht das sprichwörtliche
Blatt zwischen die beiden: Zur Aufnahme von Verhandlungen über den
Beitritt der Türkei zur Europäischen Union (EU) sagen beide Nein.
Viel spricht dafür, dass die demonstrative Wahrung dieser Eintracht für
Merkels Brief an die Chef-Kollegen in der Europäischen Volkspartei eine
größere Rolle gespielt hat, als die Hoffnung, als deutsche
Oppositionspolitikerin die zum großen Teil regierenden Herrschaften zu
beeinflussen. Die CDU-Chefin weiß: Schon bevor die EU-Kommission am 6.
Oktober ihre Entscheidung bekannt gibt, ist unter den Konservativen in
der EU der Zug zu Verhandlungen abgefahren.
Merkels Signal geht daher nach innen: Schau, Edmund - ich stehe zu
unseren gemeinsamen Überzeugungen und trete dafür ein, auch wenn die
Chancen zu Realisierung eher bescheiden sind! Für die CSU hat die Frage
übrigens durchaus etwas mit jener anderen nach dem europäischen
Referendum zu tun. Ihr Berliner Landesgruppenchef Michael Glos, der
gelegentlich zwischen Preußen und Bayern zu vermitteln hat, sprach es
bisher am deutlichsten aus: Eine Volksabstimmung über die Verfassung
könnte als Präzedenzfall für die am Ende von Beitrittverhandlungen
anstehende Entscheidung über die Aufnahme Ankaras herhalten.
In der CSU insbesondere verspricht man sich da einige
Mobilisierungschancen. Auch in der CDU-Spitze hat man jene Zahlen zur
Kenntnis genommen, die dieser Tage das Institut für Demoskopie in
Allensbach veröffentlicht hat. Da ginge es zwar nicht um die Türkei,
wohl aber um den Islam. Und es zeigt sich, dass die deutschen für die
These von einem "Kampf der Kulturen" durchaus anfällig sind. Für
manchen Hardliner ein hoffnungsfroh stimmender Befund - für Merkel eine
Mahnung, mit welcher Sorgfalt sie ihre Skepsis gen Türkei intonieren
muss, um die Vorurteile zu schüren.
Mit dem Kampf der Kulturen, genauer: dem Ziel, ihn international zu
vermeiden argumentiert auch die kleine aber feine Crew der "Pro-Türken"
in der CDU. Es sind allesamt Außenpolitiker - an der Spitze Volker
Rühe, unter Helmut Kohl Verteidigungsminister, heute Vorsitzender des
Auswärtigen Ausschusses. Seine Argumentation könnte auch aus dem Mund
des grünen Außenministers Joschka Fischer kommen (was sie in CSU-Ohren
besonders misstönend klingen lässt).
In Kurzform: Geostrategisch ist es geboten, die Türkei in die EU zu
integrieren. Dass ausgerechnet der islamische Ministerpräsident Tayyip
Erdogan den Beitritt betreibt, ist ein Glücksfall. Die Türkei könnte so
zum Modell eines demokratischen, gleichwohl islamisch geprägten Landes
aufsteigen. Ihn jetzt vor den Kopf zu stoßen, gleich mit wie weich
gespült Argumenten auch immer, hieße, den frisch zur Mäßigung bekehrten
ins Lager der Radikalen zurückschicken.
Dabei lassen die "Geostrategen" durchaus über Merkels "strategische
Partnerschaft" mit sich reden. Jedenfalls bei abgeschaltetem Mikrophon
- aber allenfalls als Übergangsstadium irgendwann zur vollen
Mitgliedschaft, nicht als Sackgasse. CDU und CSU stehen mit ihrem
Konzept auch unter den konservativen Freunden in Europa ziemlich allein
da. Und in Deutschland laufen sie Gefahr sich in einer Frage auch von
hier zu Lande gesellschaftspolitischer Bedeutung von einem wichtigen
verbündeten abzukoppeln - der Wirtschaft. Wie schon in der
Zuwanderungsfrage ist diese auf Regierungskurs. BDI-Präsident Michael
Rogowski gab zu Protokoll: "Die Aussicht auf einen EU-Beitritt fördert
tief greifende politische und wirtschaftliche Reformen in der Türkei."
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Union streitet über türkischen EU-Beitritt
Merkel will die Türkei nicht in der EU haben. Ihre Unionskollegen
Volker Rühe und Ruprecht Polenz finden das ungerecht. Die Türkei dürfe
beitreten, wenn sie die Kriterien erfülle. SPD kritisiert den
"Schlingerkurs" der Union
BERLIN afp Der Vorstoß von Angela Merkel gegen einen EU-Beitritt der
Türkei hat in der Union eine Kontroverse ausgelöst. CDU-Europapolitiker
Matthias Wissmann und CSU-Generalsekretär Markus Söder stellten sich
hinter Merkel. Dagegen plädierte nach dem CDU-Außenpolitiker Volker
Rühe auch der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz für
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, wenn die von der EU festgelegten
Kriterien erfüllt seien. Die SPD warf der Union einen "Schlingerkurs"
vor.
"Wir machen die Europäische Union kaputt, wenn wir sie überdehnen",
warnte hingegen Wissmann. Das Land sei zu weit vom durchschnittlichen
Wohlstandsniveau in der EU entfernt. Wissmann plädierte wie Merkel für
das Konzept einer "privilegierten Partnerschaft" als Alternative zur
EU-Mitgliedschaft.
Dafür sprach sich auch Söder aus. Ein Beitritt der Türkei würde Europa
überfordern, sagte der CSU-Generalsekretär. Merkel hatte sich in einem
Schreiben an konservative Regierungschefs und Parteivorsitzende der EU
gegen Beitrittsverhandlungen gewandt.
Vorsichtig äußerte sich der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei
(EVP), Hans-Gert Pöttering. Er plädierte zwar gleichfalls für das
Partnerschaftsmodell, vermied aber ein Nein zu Beitrittsverhandlungen
mit der Türkei. Eine "privilegierte Partnerschaft" könne auch das
Ergebnis solcher Verhandlungen sein. Klar gegen Beitrittsverhandlungen
sprach sich Pöttering allerdings für den Fall aus, dass in den
Gefängnissen der Türkei systematisch gefoltert würde.
Polenz hingegen plädierte, man müsse der Türkei eine EU-
Vollmitgliedschaft ermöglichen: "Falls die Türkei die Kriterien zur
Mitgliedschaft in der EU erfüllt, muss sie eine faire Chance erhalten."
Eine EU-Mitgliedschaft des Landes könne helfen, die Kluft zwischen der
islamischen Welt und dem Westen zu überwinden. Polenz betonte jedoch,
es gehe "nicht um einen Beitritt im Jahr 2005, sondern erst sehr viel
später". Gegenwärtig sei die Türkei noch nicht beitrittsreif.
Der stellvertretende Vorsitzende der deutsch-türkischen
Parlamentariergruppe, Thomas Kossendey (CDU), verteidigte den Vorstoß
Merkels als Ausdruck großer Verantwortung. Er selbst plädierte aber im
Deutschlandradio Berlin für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen,
sofern der Bericht der EU-Kommission dies empfehle.
Die Aussicht auf einen EU-Beitritt fördere in der Türkei politische und
wirtschaftliche Reformen, sagte der Präsident des Bundesverbandes der
Deutschen Industrie, Michael Rogowski. Er rechne mit positiven Impulsen
auch für die deutsche Industrie.
++++++++++++++++++++
Die Welt, Samstag, 18. September 2004
Regierung will Einreise zu Islamistenkongress unterbinden
Schily lobt Anti-Terror-Allianz mit USA
von Lars-Broder Keil
Berlin - Nach dem Bundesinnenministerium will jetzt auch das
Auswärtige Amt mit seinen Möglichkeiten den geplanten Islam-Kongress in
Berlin verhindern. Wenn die Konferenz "den Status des Internet
verlässt", werde es keine Visa für Teilnehmer geben, sagte
Außenamtssprecher Walter Lindner in Berlin.
Bisher gibt es allerdings noch keine formale Anmeldung der Tagung, wie
Bundesinnenminister Otto Schily nach einem Treffen mit US-
Heimatschutzminister Tom Ridge bestätigte.
Die Internet-Ankündigung des "Ersten Arabischen Islamischen Kongresses
in Europa", der vom 1. bis 3. Oktober in Berlin stattfinden soll, sorgt
seit Tagen für Aufregung. Schily bekräftigte, dass er den Kongress
unter allen Umständen unterbinden will. Allein das Programm zeige, dass
die Tagung nicht stattfinden dürfe. Darin wird unter anderem der
Widerstand gegen "amerikanischen, zionistischen Terror" bejaht. Schily
deutete an, dass es verschiedene Möglichkeiten von Sanktionen gebe.
Nach dem Ausländerrecht könnten Betätigungsverbote ausgesprochen und
Maßnahmen im Bereich der Einreise ergriffen werden, teilte sein
Ministerium mit. Zu diesem Zweck hat das Auswärtige Amt die Konsulate
und Botschaften angewiesen, keine Visa zu erteilen, wenn Antragsteller
als Reisezweck den Besuch der Konferenz angeben würden. Die
Organisatoren ihrerseits kündigten an, jeden ihrer Schritte jetzt
öffentlich zu machen. Für heute sei eine Sitzung aller beteiligten
Organisationen in Berlin geplant, sagte Sprecher Gabriel Daher. Daran
könnten Behörden und Pressevertreter nach Anmeldung teilnehmen. Auch
die Namen aller Teilnehmer sollen den deutschen Behörden genannt
werden.
Kritik am Verhalten der Bundesregierung kommt von der Union. Bislang
werde nur markig geredet, zur Bedächtigkeit gemahnt, geprüft oder
geschwiegen, sagte der innenpolitische Sprecher der
Unionsbundestagsfraktion, Hartmut Koschyk. Er forderte auf, konkrete
Möglichkeiten des Versammlungsverbotes und des Ausländerrechts zu
nutzen, um den Organisatoren ein Verbot oder eine Beschränkung der
politischen Betätigung auszusprechen. Innenministerium, Auswärtiges Amt
und Bundesgrenzschutz müssten zudem vom Verfassungsschutz Listen zu
möglichen Teilnehmern und ihren Reisewegen erhalten.
Auch SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz mahnte eine rasche
Entscheidung über das Verbot des Kongresses an. Wer ein solches Forum
nutze, amerika- und fremdenfeindliche Äußerungen von sich zu geben,
habe in Deutschland nichts zu suchen, unterstützte Wiefelspütz Schilys
Haltung.
Der Bundesinnenminister äußerte sich gestern nach seinem Treffen mit
US-Heimatschutzminister Tom Ridge zufrieden über die Zusammenarbeit im
Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Wie Ridge lobte er
Arbeitsgruppen, die beide zu den Themen biometrische Merkmale in Pässen
und Visa sowie zum Schutz wichtiger Infrastruktur gegen terroristische
Bedrohungen eingesetzt hätten. Sie sollen im Oktober erneut
zusammenkommen.
Schily äußerte Verständnis dafür, dass Prozesse gegen Terroristen in
Deutschland bisweilen erschwert werden, weil die US-Justizbehörden
bestimmte Zeugen nicht oder nicht vollständig aussagen lassen. Es gebe
immer wieder ein Spannungsverhältnis zwischen dem Bedarf an
juristischer Aufklärung und dem Umstand, dass Informationen für
künftige Sicherheitsvorkehrungen von Bedeutung seien.
Die Idee eines europäischen Geheimdienstes wird laut Schily im Kreis
der Innen- und Justizminister der EU nicht mehr erörtert. Er halte das
für eine "verwegene Idee" und habe stattdessen eine Clearingstelle
vorgeschlagen.
++++++++++++++++++++
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004
Kongress für Islamisten - oder Witzbolde
Experten halten Islamkongress für einen Witz. Die Veranstalter seien
"verrückt", heißt es. Das Simon-Wiesenthal-Center fordert indes
moderate Muslime zu einem Gegenkongress auf. Grüne: Verfassungsschutz
hat Informationen zurückgehalten
VON SASCHA TEGTMEIER UND INES KURSCHAT
Die per Internet verbreitete Ankündigung eines "Ersten arabischislamischen
Kongresses Europas" in Berlin bleibt weiter mysteriös. Das
Simon-Wiesenthal-Center (SWC), das die Kongresspläne durch einen Brief
an Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) publik machte, fordert eine
Gegenveranstaltung - falls aus einem Verbot nichts wird.
"Ich rufe die moderaten Muslime dazu auf, einen offenen Kongress als
Gegenpol zu organisieren", sagte Shimon Samuels vom SWC der taz. Der
Zentralrat der Muslime (ZMD) distanziert sich zwar von dem Kongress,
will jedoch keine Gegenveranstaltung. "Es gibt genügend rechtliche
Mittel, um auf die Konferenzpläne zu reagieren", sagte ZMD-Sprecher
Mounir Azzaoui. Zudem seien die Veranstalter Unbekannte. "Das Ganze
könnte eine Luftblase sein", so Azzaoui.
Dieser Meinung sind auch zahlreiche Beobachter der muslimischen Szene.
Der Orientalistikprofessor Holger Preißler etwa: "Hier wird etwas
hochgepuscht, das wohl gar nicht bedeutsam ist", sagte er der taz. Der
libanesische Migrationsexperte Ralph Ghadban geht noch weiter. "Der
Kongress ist ein Witz", sagte er. Ghadban kennt einen der Veranstalter,
Gabriel Daher, "seit der Studentenzeit." "Der ist doch völlig
verrückt", sagt Ghadban.
Daher ist tatsächlich eine skurrile Figur. Nach eigenen Angaben lebt
der Libanese seit 26 Jahren in Berlin, hat Elektrotechnik studiert -
und ist Christ. Ghadban glaubt angesichts solcher Organisatoren nicht,
dass der Kongress überhaupt stattfinden wird. Viele Namen auf der
Unterstützerliste klingen zudem fiktiv, so Ghadban.
Auf der Liste stehen palästinensische Vertreter aus Dänemark und Kuba.
"Keine Ahnung, wer das sein soll", wundert sich Claudia Dantschke vom
Zentrum für Demokratische Kultur. Auch angebliche Unterstützer, die
nachweislich existieren, nehmen von dem Kongress Abstand. Er habe
"absolut nichts damit zu tun", sagt Jamal Karsli der taz.
Ebenfalls als Unterstützer gelistet ist die Vereinigung
Palästinensischer Ärzte in Deutschland. Ihr Präsident Ali Maarouf
betont jedoch, "von Anfang an gegen den Kongress" gewesen zu sein.
Maarouf erwägt nun juristische Schritte gegen die Veranstalter. Die
Unterstützer hätten es sich eben "anders überlegt", erklärt Organisator
Daher lapidar. Am Montag will er im Internet die aktualisierte
Teilnehmerliste veröffentlichen.
Bisher hat der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) "keine
Erkenntnisse darüber", dass der Kongress ein "Sammelbecken für
Terroristen" wäre. Der Fraktionsvorsitzende der Berliner Grünen, Volker
Ratzmann, glaubt hingegen, der Verfassungsschutz wisse mehr, als er
zugibt. "Diese Geheimniskrämerei ist schuld daran, dass sich alle in
Mutmaßungen verstricken", sagte er. Am kommenden Montag werden die
Mitglieder des Sicherheitsausschusses informiert.
Innenminister Otto Schily möchte derweil den Kongress verbieten: "Wenn
es bei dem Programm bleibt, das im Internet steht, dann darf das nicht
stattfinden." Sollten die Beweise für ein Verbot nicht ausreichen,
würde er "andere Möglichkeiten finden, die Veranstaltung zu
unterbinden", sagte Schily gestern.
Das Auswärtige Amt werde Ausländern die Einreise verweigern, die als
Reisezweck den Besuch der Konferenz angeben, so dessen Sprecher Walter
Lindner. Das würde laut Wiesenthal-Center nichts bringen. "Die
Teilnehmer haben längst ihre Visa", sagte er. Zudem würden sie nicht
direkt nach Deutschland einreisen -sondern über ein anderes SchengenLand.
+ + +
taz Nr. 7465 vom 18.9.2004, Seite 1, (Kommentar)
islamistenkongress
Irritierender Eifer
Die jüdische Lobby pfeift und die deutsche Regierung und das
bürgerliche Medienkartell machen brav Männchen. So in etwa stellt sich
der Antisemit gemeinhin die Herrschaftsverhältnisse im Lande vor. Egal,
ob er seine Verschwörungstheorie rechtsextremistisch,
globalisierungskritisch oder islamistisch begründet.
KOMMENTAR VON EBERHARD SEIDEL
Die Debatte rund um einen vermeintlichen "Islamistenkongress", der
Anfang Oktober in Berlin stattfinden soll, scheint den notorischen
Judenfeinden neue Nahrung zu geben. Denn kaum hatte vor knapp einer
Woche, pünktlich zur Wiederkehr des 11.9., das Pariser SimonWiesenthal
-Center die Bundesregierung zum Verbot des Kongresses
aufgefordert, kündigte Innenminister Otto Schily, unterstützt von der
CDU, ein Verbot der Berliner Versammlung an.
Etwas irritierend waren der plötzliche Eifer und die Entschlossenheit
schon. Denn die Vorbereitungen eines möglichen Kongresses in der
Hauptstadt sind dem Verfassungsschutz, dem Innenministerium und
professionellen Beobachtern der panarabischen, antijüdischen und
islamistischen Szene seit Monaten bekannt. Bis zur Intervention des
Simon-Wiesenthal-Centers waren sich die Experten einig: Von dieser
Initiative geht keine unmittelbare Gefahr aus. Warum auch sollte eine
Veranstaltung verboten werden, nur weil auf ihr antiisraelische,
antiamerikanische und antieuropäische Reden zu erwarten sind?
Solange nicht zu Gewalt und Rassenhass aufgerufen wird, ist eine solche
politische Versammlung in einer funktionierenden Demokratie
auszuhalten. Das verlangt der zivilgesellschaftliche Anstand auch
deshalb, weil bis heute unklar ist, was sich in der
Gefahreneinschätzung so plötzlich geändert haben soll, um ein
Versammlungsverbot auszusprechen. Ebenso wenig gibt es Antworten auf
die Frage, auf Grund welcher Erkenntnisse sich gegen wen ein Verbot
denn richten sollte. All dies ließ Schily offen. Aus Mangel an
Informationen? Dies wäre für einen demokratischen Rechtsstaat ein
unerhörter Vorgang.
Bleibt die Frage: Reagierten Politik und ein Teil der Medien deshalb so
übereifrig, weil ein jüdischer Verband Alarm geschlagen hatte? Das wäre
fatal. Antisemitismus nährt man bisweilen auch, indem man die
Interessenpolitik einer jüdischen Lobbygruppe nicht kritisch
hinterfragt und eigenes Recherchieren und Denken aufgibt. So leicht
sollte man es Verschwörungstheoretikern nicht machen.
++++++++++++++++++++
|