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Nur ein Wunder kann die russische Wissenschaft retten (Teil 1)
20:13 | 08/ 02/ 2010
http://de.rian.ru/analysis/20100208/125023813.html
MOSKAU, 08. Februar (RIA Novosti). Ohne sofortige Maßnahmen zur Nachwuchsförderung wird Russland zum "Schlusslicht" in der Wissenschaft.
Dabei geht es darum, den russischen Forschern einen würdigen Lebensstandard zu bieten und die Finanzierung der Forschung zu reformieren. Davon sind russische Wissenschaftler überzeugt.
In Russland wird am heutigen Montag der Tag der russischen Wissenschaft begangen, der im Jahr 1999 eingeführt wurde. Im Vorfeld des Feiertags hat RIA Novosti mehrere Forscher nach ihren Einschätzungen zur aktuellen Situation in der russischen Wissenschaft gefragt.
Die Experten aus unterschiedlichen Gebieten und Generationen haben ihre Meinungen zur Lage in der einheimischen Wissenschaft allgemein und in ihren Bereichen geschildert sowie ihre Prognosen zur künftigen Entwicklung gemacht.
Darüber hinaus äußerten sich die Wissenschaftler zu den Maßnahmen, die die Regierung zur Besserung der Situation ergreifen sollte.
Vom Pessimismus zur Verzweiflung
Niemand der Befragten hat Illusionen in Bezug auf den Zustand der russischen Wissenschaft. "Ich sehe die Situation sehr pessimistisch. Die Zerstörung der Reste der Wissenschaft geht sehr schnell vor sich, vor allem dank den 'Bemühungen' der Behörden, die höchstwahrscheinlich keine Ahnung haben, was sie tun", sagte der stellvertretende Direktor des Instituts für theoretische Physik "Lew Landau", Michail Feigelman.
Nach seinen Worten ist das "Feedback"-System zwischen den beruflichen Wissenschaftlern und den für Entscheidungen zuständigen Personen "längst ruiniert worden", weshalb auch sinnvolle Initiativen der Regierung oft sinn- und zwecklos werden.
Das "Blickfeld" der russischen Wissenschaft sei in den seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangenen Jahren katastrophal kleiner geworden, stellte seinerseits der Leiter des Labors für angewandte Hydrochemie beim Staatlichen Institut für Meereskunde, Professor Anton Syrojeschkin, fest.
"Der aktuelle Zustand der wissenschaftlichen Forschungen in Russland lässt sich mit einzelnen Inseln eines Archipels vergleichen, auf denen zerstreute Reste von Wissenschaftlern arbeiten, die einst auf einem gemeinsamen Festland zusammengewirkt hatten. Viele Forschungsrichtungen wurden gar vernachlässigt oder sind nur durch einsame Forscher vertreten", betonte er.
Keine Menschen, keine Wissenschaft
Astronom Juri Pidoprygora, der derzeit in den Niederlanden arbeitet, bezeichnete den Zustand der russischen Wissenschaft als beklagenswert. "In erster Linie geht es um die Situation, in der sich die Menschen befinden, die in der Wissenschaft tätig sind. Aber die Menschen sind doch das Wichtigste", so der Experte. Er verglich die Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler in Russland und im Ausland und konstatierte, dass die russischen Forscher, die trotz aller Probleme der Wissenschaft treu geblieben sind, ums Überleben kämpfen müssen.
"Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder zehn Nebenjobs zu haben - offiziell und privat zu unterrichten, Übersetzungen machen - oder ausländische Partner zu finden und permanent hin und her pendeln, mehrere Monate im Ausland zu verbringen und mit dem eingenommenen Geld mehrere Monate zu Hause zu leben", so der Astronom.
"Die Effizienz der eigentlichen Forschungsarbeit, die von solchen Wissenschaftlern geleistet wird, ist gleich Null. Man kann nur mit dem Besen gut rumfuchteln, wenn man hundert andere Sorgen hat. Wenn man sich wirklich mit der Wissenschaft befasst, dann darf man sich nicht ablenken", ergänzte er.
Syrojeschkin zufolge könnte man die Situation in den Griff bekommen, wenn man die Wissenschaftler von ihren permanenten Alltagssorgen im Überlebenskampf befreien würde. Der Verfall der einheimischen Wissenschaft lässt sich nach seiner Auffassung im Laufe von wenigen Jahren verhindern, und zwar durch die Verlegung der Schwerpunkte, so dass nicht die Finanzierung von Ausschreibungen, sondern die Gehaltsauszahlung im Mittelpunkt stehen würde.
"Um zugunsten des Vaterlandes effektiv zu arbeiten, muss ein Wissenschaftler sicher sein, dass sein Gehalt im Laufe von fünf Jahren (so lange bekleidet üblicherweise ein Mitarbeiter seine Stelle nach einer Ausschreibung) stabil bei mindestens 2000 Euro liegen wird", so der Wissenschaftler. "Als Aspirant muss man wissen, dass er nach der Promotion in ein staatliches Forschungsinstitut oder eine Universität kommt und dass seine Familie dann drei Jahre lang in einer ihm zur Verfügung gestellten Wohnung wohnen kann."
Brain Drain lässt nach - zwangsweise
Der Braindrain aus Russland, der von vielen als einer der Gründe des Verfalls der einheimischen Wissenschaft betrachtet wird, kann bald ein Ende nehmen: das Bildungsniveau der russischen Experten kann so schrumpfen, dass nichts mehr bleibt, was weggehen könnte.
"Nach dem Zerfall des sowjetischen Systems wimmelte es in ausländischen Universitäten und Forschungszentren von russischen Studenten und Aspiranten. Anfang der 2000er Jahre verlor aber dieser Strom an Intensität", stellte Pidoprygora fest. Jetzt könne man nur sehr selten russische Studenten und Aspiranten im Ausland sehen: "Der Bildungsstand ist sehr niedrig geworden. Unsere Jugendlichen sind nicht mehr konkurrenzfähig."
Die alte Generation der Forscher trete allmählich in den Ruhestand, und es gebe keine vollwertige Nachfolge, bedauerte er. "Noch 20 Jahre - und man kann die russische Wissenschaft vergessen. Selbst wenn der Forschungs- und Bildungsbereich bis dahin unter einen Goldregen geraten sollte, wird es schon niemanden geben, auf den herabregnen könnte. Oder könnten Laien und Quacksalber davon profitieren, was aber wohl noch schlimmer wäre."
Der Mitarbeiter des astronomischen Forschungsinstituts "Pawel Sternberg", Wladimir Surdin, verwies darauf, dass russische Schüler, die an internationalen naturwissenschaftlichen Olympiaden teilnehmen, allmählich ihre Positionen verlieren. "In fünf oder zehn Jahren werden sie aber das Potenzial unserer Wissenschaft bestimmen", warnte er.
"Zahnlos"
Nach Einschätzung der von RIA Novosti befragten Experten wird die russische Wissenschaft nicht nur alt, sondern auch "zahnlos": die Ausrüstung veraltet, wobei es keine Möglichkeiten für den Kauf von neuen Anlagen gibt.
Soviel ich verstehe, befindet sich unser Forschungsgerätebau in einem schrecklichen Zustand", fuhr Experte Surdin fort. "Jedenfalls müssen wir jetzt Teleskope, die wir vor 40 Jahren selbst bauten, in China bestellen." Die Situation im Gerätebau lasse sich kaum verbessern: die Entwicklung von eigenen High-Tech-Anlagen verlange eine Steigerung des technischen Stands im Lande, der aber in absehbarer Zeit unmöglich sei, bedauerte der Experte.
Deshalb könne Russland ausgerechnet in theoretischen Bereichen, für die in erster Linie intellektueller und nicht finanzieller Aufwand erforderlich sei, immer noch mit der internationalen Wissenschaft Schritt halten, fügte Surdin hinzu.
Nur ein Wunder kann die russische Wissenschaft retten (Teil 2)
20:30 | 09/ 02/ 2010
http://de.rian.ru/analysis/20100209/125043569.html
MOSKAU, 08. Februar (RIA Novosti). Die russische Wissenschaft steht mit dem Rücken zur Wand. Nur sofortige Maßnahmen zur Nachwuchsförderung können Abhilfe schaffen.
Abstieg zum Schlusslicht
Der Mangel an modernen Geräten und die schlechte Personalausbildung können dazu führen, dass die russische Wissenschaft vom Spitzenreiter zum Schlusslicht absteigt.
"In den kommenden 20 Jahren wird es die sowjetische Wissenschaft nicht mehr geben, weil sie ihre Vertreter auf natürliche Weise verliert", sagte der in Russland geborene Mitarbeiter des Goddard-Zentrums der NASA, Leonid Petrow. Dann werde sich ein Teil der Forschergemeinschaft in die internationale Wissenschaft integrieren, dabei aber nur als "jüngerer Partner". Die anderen Forscher werden sich von der Außenwelt abschotten.
"Ich würde eine solche Tätigkeit als 'provinzielle Wissenschaft' bezeichnen. 'Provinziell' nicht wegen der territorialen Abgeschiedenheit, sondern eher weil diese Arbeit zweitrangig, sekundär ist", setzte Petrow fort. Er räumte allerdings ein, dass die "provinzielle Wissenschaft" eine wichtige Funktion erfülle, und zwar "die Aneignung, Verarbeitung und Erfassung" von Kenntnissen, die von der "großen Wissenschaft" generiert werden.
Trotz allem Hoffnung auf Rettung
Manche der befragten Wissenschaftler denken aber, dass die russische Wissenschaft noch zu retten wäre. Sie hoffen, dass sich auch in schweren Zeiten sich Menschen finden lassen, deren Wissenschaftsdrang jegliche Schwierigkeiten überwinden könnte.
"Meines Erachtens haben wir noch ziemlich viele Menschen, für die es interessant ist, was sie machen, unabhängig von ihren Lebensverhältnissen", so Linguistik-Professor Wladimir Plungjan von der Moskauer Staatsuniversität. "Wenn man ihnen wenigstens keine Steine in den Weg legt, dann werden sie nicht alle plötzlich aussterben."
"Unsere Wissenschaft wurde schon öfter begraben, aber immer wieder zu frühzeitig", sagte der Professor vom Paläontologischen Forschungsinstitut an der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Rasnizyn. Natürlich hätten schon Zehntausende das Land verlassen und noch mehr seien in die Wirtschaft abgewandert, in den Ruhestand getreten oder gestorben, räumte er ein. Gleichzeitig konstatierte Rasnizyn, dass viele "kostspielige" Wissenschaftszweige, darunter Biochemie, Bio- und Experimentalphysik und Bodengeologie höchstwahrscheinlich keine Hoffnung mehr hätten.
"Aber manche Zweige suchen nach Überlebensmöglichkeiten, finden sie auch, und können immer noch die erste Geige in der Welt spielen", fuhr der Professor fort. "So ist unsere hohe Theorie der Evolutionsbiologie viel besser als die europäische und die primitive amerikanische entwickelt. Es gibt Bereiche, in denen man uns immer noch auf der Rechnung haben muss, zum Beispiel bei vielen Aspekten in der praktischen Systematik von Tieren und Pflanzen."
"Zu uns kommen Nachwuchsakademiker, obwohl sie wissen, dass sie hier keine Chance auf hohe Gehälter geschweige denn Nebenverdienste haben. Sie kommen zu uns, weil sie sich für diese Ideen und klangvolle Namen interessieren", fügte Rasnizyn hinzu.
Internationale Standards und Expertise
Neben der besseren Finanzierung der Wissenschaft plädieren viele Forscher für eine Reformierung des Geldverteilungs- und Begutachtungssystems, nach dem die Richtigkeit der Forschungen bewertet wird.
"Die Regierung sollte dafür sorgen, dass ein System der unabhängigen qualifizierten wissenschaftlichen Bewertung eingeführt wird, und diesem System vertrauen, ohne die Begutachtung durch ihre eigene Meinung zu ersetzen und ohne 'bequeme' Experten zu selektieren", so der Mitarbeiter des astronomischen Forschungsinstituts "Pawel Sternberg" bei der Moskauer Universität, Sergej Popow.
Sein Astronomiekollege Juri Pidoprygora verwies darauf, dass in Russland die "Forschungsgelder" entweder mit Hilfe von "Verwaltungshebeln" oder durch die offene Expertenbewertung verteilt werden, wobei viele Möglichkeiten für Missbräuche entstehen. "Man müsste schnellstmöglich zu dem in der ganzen Welt angebrachten Peer-review-System übergehen, wenn Gruppen von Experten, die sich auf eng beschränkte Bereiche spezialisieren und oft aus verschiedenen Ländern kommen, anonym über solche Fragen wie Geld- oder Anlagenverteilung, Veröffentlichung von Forschungsergebnissen usw. entscheiden", sagte er.
Das ist nach seiner Auffassung der einzige vernünftige Weg zur Kontrolle und zur Geldverteilung in der Wissenschaft, denn nur ein Profi kann ein schweres Projekt oder die Kompetenz eines Kollegen richtig bewerten, während die Anonymität vor jeglicher persönlicher Befangenheit schützen kann.
Pidoprygora führte als Beispiel das Verfahren zur Verteilung der Beobachtungszeit in vielen Observatorien der Welt an, an die sich jedermann wenden kann, der ein geplantes Forschungsprojekt konkret schildert. "Damit können sogar Schüler den Zutritt zu Millionen Dollar teuren Teleskopen bekommen, wenn ihre Anträge interessanter und wichtiger als die von grauhaarigen Professoren sind", so der Astronom.
Forscher von Kindesbeinen an ausbilden
Wissenschaftler sollten von Kindesbeinen an ausgebildet werden, sonst bleiben die freiwerdenden Stellen in den Laboren leer. "Es sind dringend viele gute wissenschaftliche (populärwissenschaftliche und spezialisierte) Bücher erforderlich. Außerdem sollten die besten Werke, die in der ganzen Welt in den `verlorengegangenen` Jahren geschaffen wurden, ins Russische übersetzt werden. Auch die einheimischen Autoren brauchen Unterstützung", sagte der Mitarbeiter des Zentrums "Pawel Sternberg", Wladimir Surdin.
"Wir brauchen Interessengemeinschaften für Physik, Chemie, technische Disziplinen, die in sozialkulturellen Zentren arbeiten würden und die für Kinder und Jugendliche kostenlos wären. Außerdem sind Technik-Museen und Planetarien, interessante populärwissenschaftliche TV-Sendungen nötig", stellte er fest. "Ohne dies wird es im Land keine qualifizierten Ingenieure und Arbeiter und dementsprechend auch keine Wissenschaft geben, die unter anderem unsere Rüstungsbranche voranbringen könnte."
In Bezug auf die Perspektiven der einheimischen Wissenschaft zeigte sich niemand der befragten Forscher einigermaßen optimistisch. "Demnächst gibt es niemanden, der diese Arbeit fortsetzen könnte", bedauerte Professor Plungjan. "In Forschungsinstituten wird immer nur von Entlassungen geredet. Einen neuen Mitarbeiter anzuheuern, ist genauso 'leicht' wie einen Mondflug zu arrangieren. Was die Gehälter der Mitarbeiter, besonders der jungen Kollegen, angeht, so kann man kein Wort darüber verlieren."
Der Labor-Chef des Instituts für Weltraumforschungen der Russischen Wissenschaftsakademie, Dr. Wladislaw Ismodenow, verwies allerdings auf bestimmte positive Merkmale, zu denen er das Föderale Zielprogramm die Präsidentenzuschüsse und -prämien für Nachwuchsakademiker zählte. "Aber es ist auch offensichtlich, dass diese Unterstützungsmaßnahmen nur provisorisch sind, wobei es keine richtigen positiven Änderungen gibt", räumte er ein. "Das gibt keinen Grund für Optimismus. Es wurde nichts für die Gesundung des Personalausbildungssystems getan."
Der Vizedirektor des Instituts für theoretische Physik, Michail Feigelman, vermutete seinerseits, dass die russische Wissenschaft in absehbarer Zeit vor dem endgültigen Zusammenbruch steht. "Für ein anderes Ende müsste wohl ein wahres Wunder passieren. Man muss einsehen, dass die Situation hoffnungslos ist. Man muss aber trotzdem weiter kämpfen", forderte er auf.
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