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Opium ohne Ende: Afghanistan haengt an der Nadel

Opium ohne Ende: Afghanistan hängt an der Nadel

16:33 | 01/ 02/ 2010

http://de.rian.ru/analysis/20100201/124923629.html

MOSKAU, 01. Februar (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). In den vergangenen acht Jahren haben bereits fünf Afghanistan-Konferenzen stattgefunden.

Aber auch bei der sechsten Konferenz vom 28. Januar in London wurde bei der Erörterung der Afghanistan-Lösung nicht über den Opiumanbau gesprochen.

In London wurde ein anderes Thema ausgegeben: Sicherheit, Übergabe der Macht an die afghanischen Behörden und die Reintegration der "guten" Taliban in die Demokratisierung Afghanistans.

Doch unabhängig von den Themen ist eine Diskussion über Afghanistan ohne die Heroin-Frage anzusprechen ungefähr das Gleiche, als wenn man über eine Aussöhnung in Kolumbien sprechen würde, ohne das Thema Kokain auf den Tisch zu bringen. Davon lebt in Kolumbien, wie inzwischen landläufig bekannt ist, die ganze Aufstandsbewegung.

Weder die Amerikaner noch die Briten begrüßen öffentliche, durch den internationalen Konferenzstatus statthaft gemachte Diskussionen über das Thema Heroin. Noch weniger gefällt es ihnen, dass Russland sie zu gemeinsamen großen Vorstößen im Kampf gegen das Heroin in der Region um Afghanistan zu motivieren versucht. Dabei ist der "afghanische Kanal" gegenwärtig für Russland mit seinen völlig ungesicherten Grenzen zu den angrenzenden Postsowjet-Staaten zu einer strategischen Gefahr geworden.

Einerseits ist das möglicherweise berechtigt: Der Kampf gegen die Drogen erfordert viel Umsicht und eine kluge Organisation, die kein großes Trara vertragen. Das ist ein Axiom. Doch andererseits steckt hinter dieser Unlust, sich in die Tiefen der afghanischen Probleme zu begeben, auch ein anderer Grund.

Seit vor acht Jahren die Koalitionstruppen in Afghanistan einzogen, ist die Aufgabe, in der weltgrößten Drogenküche die Heroinproduktion zu stoppen, im Grunde nichts voran gekommen. Nicht, dass dabei überhaupt keine Schritte getan würden, aber sie sind merkwürdig: ein Schritt vorwärts, zwei rückwärts und zwei seitlich.

Dabei behaupten ausnahmslos alle Experten, dass die Regelung, Aussöhnung und Reintegration in Afghanistan nicht zu lösen seien, selbst wenn man in Kabul hunderte Hamid Karsais versammeln würde, die ein Ideal der absoluten Ehrlichkeit wären und eine ebenso ideale Regierung hätten. Zu spät. Die Drogen seien bereits so tief in der afghanischen Gesellschaft verwurzelt, dass dem Land Prophylaxe-Maßnahmen nicht mehr helfen könnten. Hier tut eine schwere und langfristige Dauerbehandlung Not.

Zu einer besseren Erkenntnis des Problems könnten sämtliche afghanischen Drogenstatistiken in drei Teile gegliedert werden. Zum Beispiel einen für Schlafmohn (Anbauflächen des Ausgangsmaterials), einen für Opium (anfängliche Verarbeitung) und einen für Heroin (Endprodukt). Es sei gleich vorausgeschickt, dass bei all diesen Statistiken eine Toleranz von 10 bis 20 Prozent in Kauf zu nehmen ist. Eine genaue Erfassung dessen, wie viel Mohn angebaut, wie viel Opium daraus produziert und wie viel Heroin gewonnen wird, ist in Afghanistan einfach unmöglich.

Da die Konferenz in London stattgefunden hat, wollen wir uns die Statistiken am Beispiel des britischen Verantwortungsbereichs - der südlichen Provinz Gilmend - genauer ansehen. Laut Angaben des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung gingen die Anbauflächen in dieser Provinz im vorigen Jahr (die Angaben werden gewöhnlich im Frühjahr, zur Zeit der Erfassung besagter Flächen, gesammelt) um 33 Prozent zurück. Sie machen etwa 70 000 Hektar aus, also nicht so wenig. Doch immerhin war ein Rückgang zu beobachten. Laut Angaben für ganz Afghanistan schrumpfte die Gesamtfläche der Mohnfelder im vorigen Jahr sogar um 22 Prozent.

Diese Statistiken könnten sich zu einem wunderbaren und beruhigenden Bild eines stetigen Fortschritts bei der Drogenbekämpfung zusammenfügen. Ja, wenn dem doch wirklich so wäre, wenn die Rauschgiftproduktion und ihre Technologien auf der Stelle treten würden!

Gemäß denselben Statistiken sind die Mohnfelder trotzdem größer als 2006, als die britischen Truppen nach Gilmend verlegt wurden.

Die Anbauflächen wurden (in ganz Afghanistan) um 22 Prozent abgebaut, aber die Rohopiumherstellung ist selbst nach den optimistischsten Schätzungen höchstens um 10 Prozent gesunken. Wie britische Experten festgestellt haben, sind die Bauern in Afghanistan jetzt dabei, aus jeder Mohnkapsel mehr Opiumsaft (Milchsaft des Schlafmohns) zu gewinnen als noch vor einem Jahr. Laut britischen Berechnungen ergibt heute jedes Hektar Mohnfeld 56 Kilogramm Opium. Das sind 15 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Das Opiumgeschäft ist so stark, weil neue "Landwirtschaftstechniken" beim Mohnanbau die Ernteerträge jedes Jahr steigern. Laut UN-Angaben liegt der Umsatz von Afghanistans Drogenindustrie bei 3,6 bis 4,2 Milliarden Dollar.

Heute sind die Taliban, ihre Feldkommandeure und ihre Führung dermaßen mit dem Opiumgeschäft zusammengewachsen, dass sie die gleiche Verwandlung erlebt haben, die in Lateinamerika leider schon zu beobachten war.

In Kolumbien etwa verschafften sich die Partisanen zuerst "Nebeneinkünfte" durch den Schutz des Drogenschmuggels, der Drogenbarone, dann der Drogenproduktion überhaupt, um es schließlich selbst zu kontrollieren: Ohne Zwischenhändler arbeitet es sich leichter und profitabler. Das Beispiel Kolumbien zeigt, wie rasch der Einstieg in den Rauschgifthandel die ideologischen Wurzeln jeder Protestbewegung, jeder Bewegung gegen die Regierung, die Okkupanten usw. transformiert, zerfrisst und auflöst. Was übrig bleibt, sind leere Worte. Parolen.

Es konnte in Afghanistan nicht anders kommen. Glaubt man den britischen Quellen, so geben die meisten gefangen genommenen Taliban-Kämpfer zu, dass ihre Einheiten das Geld für die Verpflegung, die Brennstoffe und Waffen hauptsächlich aus dem Drogenverkauf erhalten. Nach Ansicht der Briten schlagen die Taliban aus dem Drogenhandel jedes Jahr über 100 Millionen Dollar heraus, die "den Bedürfnissen der Bewegung" dienen. Ein Teil davon geht für die Operationen der Al-Qaida drauf.

Der Preis für Rohopium ist jetzt tatsächlich gesunken, und zwar auf 48 Dollar je Kilogramm. Aber selbst das spricht vom völligen Scheitern der Antidrogenpolitik der USA und Englands (die afghanischen Behörden können eine solche einfach nicht verfolgen).

Es ist so, dass die Taliban in den letzten paar Jahren kolossale Opiumvorräte - an die 10 000 Tonnen - angelegt haben. Der alljährliche weltweite Drogenverbrauch beträgt 5000 Tonnen. Das reicht also für zwei Jahre. Folglich werden die Preise und die Anbauflächen abnehmen. Um dann wieder zu wachsen. Marktgesetze eben.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.


Hallo zusammen,

die Veröffentlichung dieser Meldung von RIA Nowosti erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch

Dmitri Tultschinski,
Leiter des Deutschland-Büros
Russische Informationsagentur Nowosti
tel. (030) 226 05 681
fax 814
eMail tulchin ät t-online.de

Sollte jemand den Beitrag übernehmen wollen, informiert doch bitte Herrn Tultschinski davon und schickt ihm einen Beleg - dankeschön !!

Gruß

Sabine

02.02.10    Absender/-in: Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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