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Alltagsrassismus und Biologismus in der postfaschistischen Klassengesellschaft

Alltagsrassismus und Biologismus in der postfaschistischen Klassengesellschaft

Von Reinhold Schramm

Nach Ansicht von Sarrazin (37-Jahre-SPD) ist Intelligenz "weitgehend erblich", und deshalb sei es auch eine Illusion zu glauben, man könne Menschen oder soziale Schichtungen durch die Schule ändern. "Wer mit 15 Jahren Schulversager sei, komme mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch in seinem weiteren Leben nicht mehr in die Spur", zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. [1]

Es geht hierbei auch um ein noch weitgehend geleugnetes Gesellschaftsproblem des Rassismus und Biologismus in der postfaschistischen Mehrheitsgesellschaft - in der kapitalistischen und imperialistischen Gesellschaftsordnung und Klassengesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Zum Neosozialdarwinismus und Neofaschismus gehören die Versuche, die imperialistische Gesellschaft, ihre Klassen- und Sozialstruktur, als biologisch-genetisch determiniert zu rechtfertigen. Ihre Verfechter nutzen dazu die Tatsache, dass geistige Leistungsfähigkeit der Menschen auch biologische Grundlagen hat, deren Erbkomponenten in der Menschheit unterschiedlich verteilt sind. Sie stützen sich auf Intelligenztests und Begabungserhebungen an Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen und Schichten der kapitalistischen und imperialistischen Gesellschaft, bei denen aufgrund schlechterer sozialer Entwicklungsbedingungen erwartungsgemäß die Kinder der ausgebeuteten Klasse hinter den übrigen zurückbleiben. Hier werden richtige biologische Erkenntnisse, irreführende Behauptungen von einem durchschnittlichen Erbanteil an der menschlichen Intelligenz, einseitige Deutungen gesellschaftlicher Zusammenhänge und der Ergebnisse von Intelligenztests zu der These vermischt, dass in der (Klassen-) Gesellschaft eine Korrelation von sozialer Stellung und Niveau der ererbten Intelligenzgrundlage bestehe. Aus sozial bedingten Unterschieden in der durchschnittlichen Kinderzahl in Familien der verschiedenen Gesellschaftsklassen und Gesellschaftsschichten wird ein "Begabungsschwund" (in der Menschheit) abgeleitet. Vorgeschlagene praktische Konsequenzen münden in Erziehungspessimismus oder führen zu "eugenischen" und menschenzüchterischen Projekten - in der Klassengesellschaft des Imperialismus (- und Faschismus). Die Funktion dieser Variante spätbürgerlicher Ideologie besteht darin, die Klassen- und Sozialstruktur der kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaft und das Bildungsprivileg der herrschenden Klasse zu verteidigen, die "freiwillige" Einordnung der LohnarbeiterInnen, Arbeitslosen und Armen, in die bestehende Gesellschaft zu fördern und den Klassenkampf (für die Überwindung und Aufhebung der herrschenden Verhältnisse) zu lähmen.

Die genetischen Grundlagen des Menschen stellen nur Entwicklungsmöglichkeiten dar, deren teilweise Verwirklichung stets aus einem komplizierten Zusammenhang von Erbgut und inneren und äußeren - im wesentlichen sozialen - Umweltfaktoren resultiert. Jeder Mensch muss sich die spezifisch menschlichen geistigen Fähigkeiten in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt neu aneignen. Dazu gehört die Bewältigung des gesellschaftlichen Erfahrungsschatzes. Dieser Prozess der Aneignung wird nach Inhalt, Art und Weise, Umfang und Tiefe (weitgehend) durch die unmittelbaren sozialen Entwicklungsmöglichkeiten und -bedingungen bestimmt. Die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen ist stets das Ergebnis der jeweils spezifischen (dialektischen) Wechselwirkung zwischen Erbgut, organischen Grundlagen und (vor allem) gesellschaftlichen Faktoren als (notwendige) Entwicklungsbedingungen des Menschen.

Die Unterschiede zwischen den (Test-) Leistungen der Angehörigen verschiedener Klassen und Sozialschichten der deutschen und europäischen Klassengesellschaft spiegeln nicht durchschnittliche Qualitätsunterschiede im "Erbgut", sondern (vor allem) Unterschiede in den sozialen Entwicklungsbedingungen wider. In der Klassengesellschaft bleibt die wirkliche Struktur der Erbgrundlagen für geistig-psychische Leistungsfähigkeit und ihre Verteilung in der Bevölkerung durch soziale Faktoren verdeckt. Der Grundwiderspruch in der (bürgerlichen) Gesellschaft äußert sich auch in der Unterdrückung der (potentiellen) Begabungen, Talente und schöpferischen Qualitäten der Kinder der Lohn-Arbeiterklasse, so auch in der geistig-psychischen Verkrüppelung der Ausgebeuteten und ihrer Kinder - in Deutschland und Europa!

Quelle: [1] "sueddeutsche.de" am 02.03.2010.
Parteiausschlussverfahren: "Berliner SPD-Größen duschen Sarrazin". SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/543/504752/text/

Quelle: scharf-links, 2.3.10
http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=9094&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=b83e5f04b5

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03.03.10    Absender/-in: Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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