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Der Berg rief nicht alle
15.02.10
von Dieter Braeg
"In die Berg bin i gern" singt man gerne lederbehost, wenn Heimatabendzeit ist, in den Alpen, weil sich da das "Gmüat freit" (Gemüt freut) und man ganz unschuldig aus der trachtigen Wäsche schaut, als könne man kein Alpenwässerchen trüben. Da wird der Gast ausgenommen und zahlt für's Älplerische. Luis Trenker und Leni Riefenstahl spielen ja eine Rolle, wenn es um das Gebirg geht, das zeigt das Jüdische Museum in seiner Ausstellung "Hast Du meine Alpen gesehen" nicht, hier wird ein völlig neuer Blick auf die Geschichte des frühen Alpinismus geboten, dessen Motto dem Satz des Frankfurter Rabbiner Samson R. Hirsch "Wenn ich vor Gott stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast Du meine Alpen gesehen?" folgt.
Auch die Juden zog es in die Bergwelt, sie suchten Zugehörigkeit und da war Bergsteigen für sie ein durchaus integratives Vergnügen. Die Ausstellung zeigt zahlreiche Bilder von Juden in Trachten und Dirndlkleidern. Ja es gibt sogar eine Pippa, bestickt mit Edelweiß, Enzian und Alpenrausch. Es überkommt einen mehr als nur Beklemmung wenn man sieht, wie sehr hier versucht wurde, sich unter den "Einheimischen" einen Platz zu schaffen.
Erstaunlich ist, was diese Ausstellung alles zur Geschichte der Tracht zu berichten weiß.
Zunächst (praktische) Standeskleidung der einheimischen ländlichen Bevölkerung in den Alpen, die dann durch Politik, Kirche und Tourismus vereinnahmt wurde und sich sehr stark auf nationalistische Elemente berief, wurde sie Bestandteil der "Mode". Wer erinnert sich denn noch in München an den jüdischen Textilkaufmann Julius Wallach der im Jahre 1910 den Titel "Königlich-bayerischer Hoflieferant" erhielt und die Tracht samt Dirndl in München und anderen Großstädten etablierte?
Diese Ausstellung erzählt und dokumentiert die Bedeutung jüdischer Bergsteiger, Künstler und Pionieren des Tourismus bei der Erschließung des europäischen Alpenraums.
Die Alpen heute zur Industrie verkommen, in der der Gast/Besucher Bestandteil des Fremdenverkehrs ist und somit jene Verlogenheitswirtschaft am Leben lässt, die sich selbst als Fremdenverkehrsindustrie bezeichnet. Der Fremde als Geldquelle - so waren und sind die Alpen ein Kampfplatz, da wird um "Hoamat" gerungen und wer sich da einmischt, der ist ein Zuagroasta. Die Juden führten diese Auseinandersetzung, aber sie hatten keine Chance. Das zeigt die Geschichte der Alpenvereine. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren fast ein Drittel aller Mitglieder dieser Vereine Juden. Den österreichischen Alpenverein hat der Geologe und Jude Eduard Sueß sogar mit gegründet! Das verwundert umso mehr, denn bereits im Jahre 1921 hat dieser Alpenverein einen Arierparagraphen eingeführt, der alle jüdischen Mitglieder ausschloss. Hier wird diese Ausstellung zur Herausforderung und es ist sehr erfreulich, dass der österreichische Alpenverein an dieser mit gearbeitet hat.
Natürlich wird die unrühmliche Rolle einzelner Persönlichkeiten des Alpinismus nicht verschwiegen und es ist an der Zeit einige Schutzhütten im Alpenbereich endlich mit anderen Namen auszustatten. Die "Arier" erhoben Alleinanspruch auf die Alpenwelt und einer der fanatischsten Antisemiten, Eduard Pichl kämpfte an vorderster Front - bis zum Jahre 2002 trug die Wolayerseehütte im Kärntner Lesachtal seinen Namen.
Dass mehr als 60 "Fremdenverkehrsorte" mit Judenablehnung Werbung machten, gehört zur immer noch verdrängten vergangenen Realität. Der Skipionier Hannes Schneider entwickelte zusammen mit dem Juden Rudolf Gompertz das Gebiet am Arlberg, wo sich heute die feine Gesellschaft ein BussiBussi auf den Brettl'n mit g'führigem Skikanonenschnee gibt, zum Tourismuszentrum. Vor allem der Aufstieg von St. Anton am Arlberg zu einem weltbekannten Wintersportort ist eng mit seinem Namen verbunden. Als Jude wurde er Opfer der nationalsozialistischen Rassenverfolgung. Das Schicksal von Gomperz veranlasste Felix Mitterer das Bühnenstück "Kein schöner Land" zu schreiben (Uraufführung 1987). Es ist die erste bemerkenswerte Auseinandersetzung über Verfolgung in der NS-Zeit in der Tiroler Literatur. Gomberz wurde im KZ Misnsk ermordet.
In der Nachkriegszeit vergessen die St. Antoner Bürger ihren großen Förderer Ing. Rudolf Gomperz und seine Familie. 1976 schreibt der Oberländer Heimatforscher Hans Thöni eine Artikelserie über das Schicksal von' Gomperz im St. Antoner Gemeindeblatt. Er versucht die Errichtung einer Gedenkstätte für den großen Tiroler Wintersport- und Tourismuspionier zu erreichen. Es scheitert an den Protesten von St. Antoner Bürgern. Erst im Jahre 1995 wird das Denkmal für Ing. Rudolf Gomperz errichtet. Eine Inschrift enthält den Wortlaut: "Er hat den Namen St. Anton in die Welt getragen und wurde Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns". Die Steinskulptur wurde von dem Fließer Künstler Engelbert Gitterle geschaffen.
Der höchstgelegene jüdische Friedhof ist in Davos. Hier liegen auch KZ Opfer und ein Dokument zeigt - Letzter Wohnort: KZ Buchenwald, das steht in den papieren eines Mannes der 1945 in Davos starb.
Skifahren, Skitourismus beides untrennbar verbunden mit Alpen und jener österreichischen Identität die wir nun, nach jedem Sieg bei der Winterolympiade erleben dürfen, hat im Kernstück eine jüdische Geschichte, die in dieser Ausstellung öffentlich wird. Alles was mit dem Gebirge zu tun hat, wurde von Juden mitbegründet, miterfunden. Jüdischer Kryptoalpinismus?!
Im Jahre 1959 schrieb Paul Celan, nachdem der Versuch scheiterte sich mit Adorno in Sils Maria im Engadin zu treffen seinen einzigen Prosatext "Gespräch im Gebirg"
'...es war still im Gebirg, wo sie gingen, der und jener. Still wars also, still dort oben im Gebirg. Nicht lang wars still, denn wenn der Jud daherkommt und begegnet einem zweiten, dann ists bald vorbei mit dem Schweigen, auch im Gebirg .Die Geschwätzigen. Haben sich...etwas zu sagen. Gut, lass sie reden .
Bist gekommen von weit, bist gekommen hierher.
Weiss ich.
Weisst du und willst mich fragen: Und bist gekommen trotzdem, bist, trotzdem, gekommen hierher, warum und wozu?
Warum und wozu.weil ich hab' reden müssen, vielleicht, zu mir oder zu dir .'
In der Ausstellung ist der Film "Gespräch im Gebirg. Bericht eines Lesers" von Mattis Caduff ein wichtiger Beitrag dieser Ausstellung, die, viel zu spät, einen Teil einer Geschichte dokumentiert, zu der sich noch immer viel zu viele nicht bekennen und äußern wollen.
Dieter Braeg
Die Ausstellung "Hast du meine Alpen gesehen?" ist noch bis zum 14.3. 2010 in Wien im Jüdischen Museum (Jüdisches Museum - Palais Eskeles Dorotheergasse 11, A-1010 Wien,
Tel.: +43 (1) 535 04 31-21) und ab 22. 4. 2010 im Alpinen Museum
(Praterinsel 5, 80538 München, Tel..089 211224-0) zu sehen
Quelle: scharf-links, 15.2.10
http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=8857&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=52136a1085
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