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Widerstand im Wendland
30 Jahre Anti-Atom-Protest mit Barrikaden und Traktoren
Im niedersächsischen Wendland rund um Gorleben ist der Widerstand gegen
Atomenergie auch in diesem Sommer allgegenwärtig. An den Häusern hängen
Transparente mit Anti-Atom-Parolen und der lachenden Sonne. Viele Leute
haben gelbe Latten zu einem X - Symbol der Castor-Proteste -
zusammengenagelt und in Vorgärten, an Stalltüren oder einfach am Wegesrand
aufgestellt.
Der Anti-Atom-Protest hat hier eine lange Geschichte: Die Bürgerinitiative
(BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg organisierte 1977 eine erste
Demonstration mit 20.000 Teilnehmer/-innen. Der Ministerpräsident von
Niedersachsen Ernst Albrecht (CDU) hatte Gorleben als Standort für ein
Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) benannt. Das Kernstück sollte die
geplante Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) sein. Ausschlaggebend für diese
Standortwahl waren die Abgelegenheit der Region, ihre dünne Besiedlung und
die Nähe zur DDR. Die geologische "Qualität" des Salzstocks wurde als
drittklassig eingeschätzt. Oberirdische Zwischenlager, eine
Brennelementfabrik sowie ein Atommüll-Endlager im Salzstock Gorleben-Rambow
sollten im 12 Quadratkilometer großen NEZ konzentriert werden.
Gorleben-Treck im März 1979
Im März 1979 sollten Flachbohrungen in Gorleben beginnen. Mit ihnen musste
der Baugrund für die Betongebäude untersucht werden. Wenn die Atomindustrie
den Landkreis Lüchow-Dannenberg besetzt, dann wandern dessen Bewohner/-innen
aus. Dieses Bild wollten die Demonstrant/-innen mit dem Anti-Atom-Treck nach
Hannover symbolisieren. Bevor aber das Bild einer protestierenden Region
entstehen konnte, mussten erst einmal Vorurteile untereinander überwunden
werden. Alteingesessene und Neubürger, Bauern und städtisches - auch
kleinstädtisches - Bürgertum waren nicht ohne weiteres bereit, miteinander
zu streiten. Am Ende wünschte auch der Vorsitzende des Kreislandvolks Adolf
Voß dem Treck Erfolg. Gertrud Hempel vom Landfrauenverein forderte zur
Teilnahme auf und eine große Schlachterei überließ ihren Mitarbeitern sogar
Firmenlaster zur Mitfahrt im Protestzug.
Eine Woche lang, vom 25. bis zum 31. März 1979 brachen hunderte Landwirte
aus dem Wendland zum Protest-Treck nach Hannover auf, um der
niedersächsischen Landesregierung den Protest der Region gegen das geplante
Nukleare Entsorgungszentrum zu zeigen. "Bauern und Bürger" stand auf ihren
Transparenten. Der Treck hatte Folgen. Ministerpräsident Ernst Albrecht
(CDU) gab die Planungen für das NEZ in Gorleben auf.
Die niedersächsische Landesregierung hatte ihren Anteil an der
Proteststimmung in Lüchow-Dannenberg. Ihre öffentlich geäußerte Erwartung,
es werde auf eine "Schlacht um Gorleben" hinauslaufen, empörte im Wendland
auch CDU-freundliche Geister. Der Innenminister hatte vorsorglich im Celler
Gefängnis acht Zellen räumen lassen, um sie für Treckteilnehmer/-innen
bereitzuhalten. Diese reagierten: "Bringt Blumen mit", lautete die
Aufforderung der Bürgerinitiative an alle, die zur großen Demo am 31. März
nach Hannover kommen wollten. Der 25. März 1979 war ein nasskalter, grauer
Tag. Bei der Auftaktdemo zum Treck wollten die Teilnehmer/-innen aus der
Region unter sich sein. Darauf hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz bei
der Vorbereitung gegenüber anderen Anti-Atom-Gruppen bestanden. Damit später
niemand sagen konnte, es seien ja ohnehin alles Auswärtige gewesen. Die Zahl
der Demonstrant/-innen übertraf die Erwartungen. Die Häuser des Dorfes
Gedelitz verschwanden hinter den Reihen der Traktoren, die sich dort zum
Demonstrationszug nach Lüchow trafen. Den 350 Treckern folgten 5.000
Menschen, die trotz ständigem Nieselregen über die Landstraße liefen. Der
Protest in Gorleben war damit keine regionale Angelegenheit mehr.
Am nächsten Tag wurde die Kreisgrenze passiert. Zum ersten Mal änderte der
Landkreis Lüchow-Dannenberg seinen Namen: "Republik Freies Wendland" lautete
die Aufschrift auf Pappschildern, mit denen das Kreisschild verdeckt wurde.
Es sei genau in diesem Augenblick gewesen, erinnern sich Teilnehmer, dass
die Meldung vom Unfall im Atomkraftwerk Three Miles Island in Harrisburg/USA
verbreitetet wurde. Ein großer Atomunfall, der vorher nur möglich erschien,
war jetzt eine realistische Vorstellung.
In den folgenden Tagen änderte sich zwar die Zahl derer, die unterwegs
waren. Nicht jedoch das Wetter. Es blieb nass und kalt. Das Motto des Trecks
wurde ergänzt: "Albrecht, wir kommen - wenn es sein muss, auch geschwommen".
Zeitweilig schmolz der Treck zusammen auf ein kleines Häuflein, das sich
frierend über die Landstraßen schleppte. Unterkunft gab es bei befreundeten
Bürgerinitiativen.
Am letzten Morgen, dem 31. März 1979, regnete es in Strömen. In der Nacht
waren die Trecker aus Lüchow-Dannenberg nachgekommen. Jetzt sollte es von
Burgdorf in die Innenstadt von Hannover gehen. Die Stimmung war am
Tiefpunkt. Das Wetter würde keine große Beteiligung zulassen, so schien es.
Trotzig sollte das Begonnene nur noch zu Ende gebracht werden. Doch dann
füllten sich die Fahrspuren neben den Traktoren mit Bussen aus Hamburg und
Berlin. Aus Wyhl und Lichtenmoor kamen Fahrzeugkolonnen, bis alles dicht
war. Mit rund 100.000 Demonstranten war die Abschlusskundgebung des
Gorleben-Trecks 1979 in Hannover die größte Protestdemonstration, die bis
diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik stattgefunden hatte.
Sechs Wochen später kam die Reaktion der Landesregierung auf einem Treffen
zwischen Bauern und dem Ministerpräsidenten. Albrecht erklärte, die
Wiederaufarbeitungsanlage sei in Gorleben zwar technisch machbar, aber
politisch nicht durchsetzbar. Wenn man das Wichtigste am geplanten Nuklearen
Entsorgungszentrum retten wolle, nämlich das Endlager, dann müsse man auf
die WAA verzichten, schrieb er später an den damaligen Bundeskanzler Helmut
Schmidt (SPD).
Hartnäckiger und lebendiger Protest
Tausende Atomgegner/-innen besetzten im Mai 1980 eine Bohrstelle im
Gorlebener Wald und riefen erneut die "Freie Republik Wendland" aus. Auch
als im Bundesgebiet der Schwung der Anti-Atom-Bewegung erlahmte, blieb der
Widerstand in Gorleben lebendig. 1984 brachten Tieflader Fässer mit
radioaktivem Atommüll ins Wendland, Tausende Bürger/-innen verbarrikadierten
mit Baumstämmen, Autos und ihren Körpern sämtliche Zufahrtsstraßen. Die
Castor-Transporte und der langjährige Protest dagegen hatten begonnen.
Längst sind Bürgerinitiative und Bauern in ihrem Widerstand nicht mehr
allein. Unterstützung kommt zum Beispiel von den Gorleben-Frauen, der
Senioren-Initiative "Graue Zellen", den Schülergruppen und Castor- Komitees.
Weil ihr Protest so hartnäckig ist, gerieten viele Einheimische ins Visier
der Staatsmacht. Polizeibeamte verfolgten Bauern auf dem Weg zu
Kegelabenden, schnitten Telefongespräche mit und leuchteten nachts die
Fenster und Fassaden von Höfen und Kneipen aus. Aber davon lassen sich die
widerständigen Bauern nicht abschrecken. Am 29. August starten sie mit 200
Traktoren den Anti-Atom Treck aus dem Wendland nach Berlin zur bundesweiten
Großdemonstration "Mal richtig Abschalten! - Atomkraft Nein Danke!" am 5.
September. Jochen Mühlbauer
www.bi-luechow-dannenberg.de
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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - August/September 09
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin
www.raberalf.grueneliga-berlin.de
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