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Belarus begegnen
Thema Tschernobyl - Jugendbegegnung von deutschen und belarussischen
Jugendlichen
Wenn der Begriff "Tschernobyl" aufkommt, verbinden die meisten Menschen
damit die Katastrophe am 26. April 1986 und ihre Folgen in den
darauffolgenden Wochen. - Der besorgte Anruf eines Bekannten aus der
Wetterstation, der davor warnt, in den Regen zu gehen, oder vermehrt
auftretende Fehlbildungen bei Kälbern auf dem eigenen Hof in dem Jahr
danach. Doch allen, die nach der Katastrophe geboren wurden, fehlt ein
solcher Bezug. Vielleicht weiß man um die Eckdaten, den Verlauf des Unglücks
und vage Zahlen von erkrankten Menschen in den betroffenen Gebieten. Dem GAU
(Größter Anzunehmender Unfall) haftet ein historischer Charakter an. Hinzu
kommt die starke Polemisierung der öffentlichen, medialen Diskussion um
Atomkraft, welche von der Atomlobby dominiert und weitgehend verharmlost
wird.
Ein Anti-Atom-Austausch
Anfang April fand der erste Teil einer Jugendbegegnung zwischen deutschen
und belarussischen Jugendlichen in Minsk und Gomel statt. In einer Gruppe
von 12 jungen Menschen aus Berlin und Hannover wollten wir uns mit dem Thema
Tschernobyl, dessen Auswirkungen auf die heutige und zukünftige
Lebenssituation der Menschen in Belarus und mit dem für Belarus neu
geplanten Kernkraftwerk beschäftigen.
Eingeladen wurden wir vom Institut für Strahlensicherheit BELRAD in Minsk.
Das nicht-staatliche Institut wurde 1990 vom Atomphysiker und ehemaligen
Leiter des Strahlensicherheitslabors im Institut für Kernenergetik, Prof.
W.B. Nesterenko gegründet und wird seit seinem Tod im Jahr 2008 von seinem
Sohn Alexeij Nesterenko geleitet. Die Arbeit des Instituts besteht in der
Strahlenmessung der Menschen verstrahlter Gebiete, Bildungs- und
Aufklärungsarbeit zum besseren Umgang mit der Strahlenbelastung, sowie dem
Angebot, Lebensmittel in Messstellen auf Strahlung überprüfen zu lassen.
Außerdem verteilt das Institut ein eigens entwickeltes Präparat aus Pektin,
welches im Magen aufquillt und dabei Schwermetalle und Strahlung aufnimmt,
sodass die Strahlenbelastung des Körpers reduziert werden kann.
Leben mit der unsichtbaren Gefahr
70 Prozent des radioaktiven Falldowns nach der Katastrophe von Tschernobyl
kontaminierte 21 Prozent der Fläche von Belarus. Am Rand der radioaktiv
verstrahlten Zonen, welche in vier unterschiedlich stark belastete Bereiche
aufgeteilt sind, passiert man eine Kontrollstelle. Doch hinter den gelben
Warnschildern mit dem Atomzeichen darauf verläuft das Leben weiter in seinen
gewohnten Bahnen. Eine wunderschöne ländliche Idylle mit Birkenwäldern,
Pferdekarren, leuchtend blau-grün geschnitzten Holzzäunen um die Häuser
herum, Störchen und durchwachsenen Graslandschaften täuschen über die Gefahr
hinweg, die sich hier im Boden, in Pflanzen, Tieren und Menschen anreichert.
Die mit über 40 Curie pro Quadratkilometer verstrahlten Gebiete wurden
evakuiert und sind als Sperrzone deklariert. Ortsschilder sind
durchgestrichen, viele Häuser abgerissen und vergraben worden, um
Plünderungen von stark verstrahlten Haushaltsgegenständen oder Baumaterial
zu verhindern. Die anderen stehen noch und werden langsam von Sträuchern,
Bäumen und Wurzeln überwuchert.
In den bis 15 Curie pro Quadratkilometer belasteten Gebieten wird auch heute
Land- und Forstwirtschaft betrieben. Ein Teil der dort erwirtschafteten
Lebensmittel wird zentral mit Lebensmitteln aus nicht oder weniger
belasteten Gebieten vermischt, um so eine gemäßigtere Strahlenbelastung für
die Gesamtbevölkerung zu bekommen, denn 80 Prozent der Strahlung im Körper
wird über die Nahrung aufgenommen. Wer es sich also leisten kann, Essen aus
dem Supermarkt dazuzukaufen, kann schon einiges für seine Gesundheit tun.
Doch gerade die arme Bevölkerung kann sich diesen Luxus nicht leisten. Ihr
und vielen Kleinbauern, die die Skepsis der Konsumenten am meisten zu spüren
bekommen, bleibt meist nur der belastete Ertrag aus dem eigenen Garten, vom
eigenen Feld oder aus dem Wald.
Strahlenschutz heute
Bei dem Besuch einer der letzten 12 von ehemals 300 Messstationen des
Instituts BELRAD in der verstrahlten Zone erklärt uns die Leiterin der
Strahlenmessstelle, dass die Pilze, welche wir mit ihr messen, eine
Strahlung von 14.000 Becquerel pro Kilogramm besitzen. Der EU-Grenzwert für
Lebensmittel beträgt 600 Becquerel pro Kilogramm. Den Menschen wird geraten,
die stark belasteten Lebensmittel wegzuwerfen oder zu vergraben. Doch noch
heute werden bei manchen Kindern Werte von über 1.100 Becquerel pro
Kilogramm Körpergewicht gemessen. Ab 20 Becquerel pro Kilogramm wird die
Strahlung als gesundheitsschädigend eingestuft.
Wir Menschen haben kein Sinnesorgan für Radioaktivität. Wir können sie nicht
riechen, schmecken, sehen, hören. Das hat uns vor allem verstehen lassen,
dass manche Leute in die gesperrten Gebiete zurückkehren,
Sicherheitsvorkehrungen missachten und das alltägliche Risiko hinnehmen.
Fehlende Hilfe und Unterstützung
Die Situation der Bevölkerung in Belarus ist zudem so prekär, da sie kaum
Unterstützung von Seiten der Regierung bekommt. Der Wunsch nach
Energieautonomie sowie erfolgreiche Bemühungen der Internationalen
Atomenergieagentur (IAEA), eine den Vereinten Nationen verbundene
Organisation zur Förderung und Verbreitung von Kernenergie, ließen den
belarussischen Regierungschef Alexander Lukaschenko den Bau eines neuen
Atomkraftwerks in Belarus beschließen. Offizielle Umfragen sprechen von
Zustimmung in der Bevölkerung, doch die meisten, die wir treffen,
widersprechen dem. Die massive Atom-Propaganda erschwert es den Betroffenen
zusätzlich, dass ihre Krankheiten als Folge der Katastrophe anerkannt
werden. Mittlerweile müssen Beweise erbracht werden, dass eine Erkrankung
die Folge von Radioaktivität ist, um spezielle Hilfsleistungen zu bekommen.
Eine schikanierende Aufgabe ohne große Erfolgsaussichten.
Aber auch auf internationaler Ebene finden die Betroffenen nur schwer Gehör.
Eine 1959 unterzeichnete Resolution zwischen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) und der Internationalen Atomenergieagentur verleiht der
Atomenergieagentur die Hauptverantwortung, den Einsatz und die Erforschung
für nukleare Anwendungen zu leiten. Doch die Atomenergieagentur ist nicht
daran interessiert, die Öffentlichkeit über die steigenden Zahlen von
Krebserkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen oder Erbgutschädigungen zu
informieren, sondern im Gegenteil, die positiven Auswirkungen der
Atomenergie zu propagieren.
Tschernobyl: Eine Bürde für Generationen
Das Ergebnis einer im Jahr 2005 veröffentlichten Studie der
Weltgesundheitsorganisation und der Atomenergiebehörde zur Katastrophe von
Tschernobyl lautet: 50 Tote, 4.000 behandelbare Schilddrüsenerkrankte und
maximal 4.000 weitere Menschen mit verkürzter Lebensdauer. Armut und ein
geringer Lebensstandard würden ein größeres Problem darstellen; der Fall
Tschernobyl könne ad acta gelegt werden.
Dem stehen Ärzte, Wissenschaftler, lokale Behörden,
Nicht-Regierungsorganisationen und Studien, die nicht in der IAEA/WHO-Studie
berücksichtigt wurden, gegenüber. Laut verschiedener Angaben ukrainischer
Behörden sind bisher 25.000 bis 50.000 Liquidatoren, wie man die bei den
Aufräumarbeiten in Tschernobyl eingesetzten Arbeiter nennt, gestorben;
Professor E. Lengfelder vom Otto-Hug-Strahleninstitut in München warnt vor
einem Anstieg von Schilddrüsenkrebs auf bis zu 100.000 Fälle, und es
herrscht internationaler Konsens, dass Radioaktivität das Erbgut schädigt.
Somit werden auch die kommenden Generationen massiv an den Folgen von
Tschernobyl zu leiden haben, sagen Strahlenschutzexperten voraus. Die
Katastrophe wird weitervererbt.
Die Jugendbegegnung in Belarus hat uns viel neues Wissen über Atomkraft und
ihre Folgen vermittelt, ein eindrückliches Bild von der Zerstörungskraft der
Katastrophe gezeichnet und alle motiviert, weiter gegen die Nutzung von
Kernenergie zu protestieren.
Zeigen wir Solidarität mit den Atomkraft-Gegnern in Belarus und den Opfern
der Tschernobyl-Katastrophe.
Fiona Schmidt
Infos zur Jugendbegegnung:
belarus09.blogspot.com
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