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Nicht besser als Monsanto: Auch Bayer, BASF und KWS arbeiten mit dubiosen Methoden

Kein Stück besser als Monsanto

Gentechnik in Deutschland: Auch Bayer, BASF und KWS arbeiten mit dubiosen Methoden

Wenn es um Gentechnik geht, denken die meisten zuerst an Monsanto. Kritische Bücher und Filme zu diesem rücksichtslosen Konzern erzielen Einschalt- und Auflagenrekorde, Veranstaltungen füllen ganze Hallen. Zum Inbegriff alles Bösen wurde auch der Name der Pflanze: MON810. Wo diese gentechnisch veränderte Maissorte gepflanzt wird, kommt es zu Protesten von BürgerInnen und Umweltverbänden. Niemand will die unkontrollierbare Saat in der Nähe haben. Selbst der deutsche Umweltminister nicht mehr: "Ich kann den gesellschaftlichen Mehrwert der Genprodukte von Monsanto nicht erkennen", gab Sigmar Gabriel am 2. März zum Besten und fügte hinzu: "Man stelle sich vor, diese Debatte um Gentechnik-Produkte gäbe es in den USA, und die einzige Firma, die ein Interesse daran hätte, dieses Präparat dorthin zu verkaufen, wäre eine europäische: Ich möchte einmal wissen, ob der amerikanische Kongress sich derart ins Zeug legen würde zur Verfolgung europäischer Wirtschaftsinteressen eines einzelnen Unternehmens, wie es jetzt die EU-Kommission zur Verfolgung der Wirtschaftsinteressen eines amerikanischen Unternehmens tut."

Das klingt gerade so, als würden BASF oder Bayer gar nicht existieren. Viel ruhiger geht es nämlich zu, wenn deutsche Firmen und Institute gentechnisch veränderte Sorten entwickeln und ausbringen. Mancherorts geht gar nichts: Als die Universität Gießen 2006 transgene Gerste aussäte, votierten alle Parteien im Stadtparlament für das riskante Experiment. Auch die Grünen - sonst mit verbalradikaler Gentechnikkritik immer auf WählerInnenfang. Ist die deutsche Gentechnik besser? Ja - scheint zumindest Umweltminister Gabriel zu finden. Nur wenige Tage nach der beißenden Kritik an Monsanto besuchte er die deutsche Gentechnikfirma KWS Saat AG im niedersächsischen Einbeck. "Wir wollen gentechnisch veränderte Pflanzenzucht auf jeden Fall zulassen", so der Minister, "aber nicht mit Kollateralschäden in der Natur." Forschung in diesem Bereich sei unabdingbar. Denn den Herausforderungen, die die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung und ihr Energiehunger stelle, könne man anders kaum beikommen.

Bei Monsantos Produkten sieht Gabriel also "keinen gesellschaftlichen Mehrwert", bei der KWS Saat AG dient das Gleiche der Ernährung und der Energieversorgung. Doch seltsam: KWS entwickelt fast alle Gentech-Produkte zusammen mit Monsanto und ist der wichtigste Versorger mit dem MON810-Mais (Markenname YieldGard) für Mittel- und Osteuropa. Bei Gabriel ist folglich dieselbe Genpflanze plötzlich gut, wenn sie von einer deutschen Firma stammt.

Filz, wohin das Auge blickt

Gabriels Zweiteilung einer schlechten amerikanischen und einer guten deutschen Gentechnik ist nicht nur gefährlich, weil sie nationalistische und antiamerikanische Gefühle bedient. Sie ist auch völlig ungerechtfertigt. Denn was der Film "Mit Gift und Genen" [1] über die Seilschaften zwischen Genehmigungsbehörden und Konzernen in den USA aufgedeckt hat, ist in Europa und in Deutschland nicht anders: Die Politik "ist umschlungen von einem fast undurchdringbaren Geflecht von Experten, Consulting-Firmen, Spezialagenturen, Arbeitsgruppen, Initiativen und den vielfältigen Aktivitäten ihrer Beamten, die gemeinsam mit der Industrie sowohl die Risikobewertung als auch die Risikokommunikation organisieren und dabei Politik und Öffentlichkeit zu ihrem Spielball machen", schreiben Antje Lorch und Christoph Then in einer 2008 erschienenen Studie [2] - über die deutsche Gentechnik. "Im Zentrum des Geflechts findet man dabei selten die großen Firmen selbst, sondern eher ,Spezialagenturen' mit exzellenten Kontakten zu Behörden, Politik, Medien und Konzernen", fanden Lorch und Then heraus. "Sie arbeiten als Tarnkappenstrategen der Industrie, finanziert sowohl durch die öffentliche Hand als auch durch die Wirtschaft, sie haben Netzwerke, Seilschaften und Klüngelrunden auf allen relevanten Ebenen organisiert, die Institutionen der EU-Mitgliedsstaaten infiltriert und eine weitgehende Definitionsmacht errungen."

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch das Umweltinstitut München [3] und die AutorInnen des Readers "Organisierte Unverantwortlichkeit" [4], aus dem die folgenden Informationen stammen (die dort ausführlicher und mit Quellenangaben nachzulesen sind).

Verbraucherschutzbehörde? Fehlanzeige ...

Für die Kontrolle und Überwachung von Gentech-Pflanzen sind Regierungsstellen zuständig. Außerdem führen Fachanstalten eigene Versuche durch. Ministerien und beauftragte Institutionen vergeben Fördermittel - für die Agro-Gentechnik in großer Höhe. Schon allein die Gewichtung der ausgegebenen Steuermittel zeigt, dass die herrschende Politik in deutlichem Widerspruch zu den Überzeugungen der meisten Menschen steht. Denn die große Mehrheit ist gegen Gentechnik im Essen. Allerdings sind Ministerien, Behörden und Fachinstitutionen durchsetzt von LobbyistInnen und KonzernvertreterInnen, die sich für die Gentechnik einsetzen.

Zum Beispiel das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Im Gesetz heißt es: "Das BVL nimmt ... die Durchsetzung dieser auf EG-Normen beruhenden Verbraucherschutzgesetze wahr. ... Ziel ist es, Verbraucherrechte im Falle innergemeinschaftlicher Verstöße besser durchzusetzen." Doch davon ist nichts zu sehen. Das BVL hat bislang alle Anträge auf Gentechnikversuche genehmigt, alle Einwendungen von Umweltverbänden, LandwirtInnen oder anderen BürgerInnen zurückgewiesen sowie in vorauseilendem Gehorsam sofortige Vollziehungen verhängt, um die Aussaat zu beschleunigen, ohne dass Betroffene einen Aufschub zur Klärung ihrer Einwände erhielten.

Das ist kein Wunder, denn der Chef der Gentechnikabteilung des BVL, Dr. Hans-Jörg Buhk, hatte schon Ende der 1990er-Jahre klare Vorstellungen von der Gentechnik: "Auf diese Weise können die Lebewesen, die unserer Ernährung als Basis dienen, gezielt mit Eigenschaften ausgestattet werden, die unsere Lebensmittel qualitativ verbessern und sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Vorteile bei der Erzeugung und Verarbeitung erwarten lassen." Damit nicht genug, schoss er auch gleich eine Breitseite gegen die KritikerInnen der Gentechnik ab: "Ich denke, die Ängste vieler deutscher Mitbürger kommen ,aus dem Bauch' und sind oft durch fehlendes Wissen hervorgerufen."

1996/97 unterstützte Buhk mit öffentlichen Auftritten und Schriften die Einführung von Monsantos Gentechnik-Soja in den deutschen Markt. Im Jahr 2000 unterzeichnete er ein Manifest von Gentechnik befürwortenden Wissenschaftlern und Lobbyisten. Darin wurde die Agro-Gentechnik als umweltfreundlich, sicher und präzise verherrlicht. 2002 trat Buhk in dem Werbevideo "Das streitbare Korn" auf, in dem er die ökonomischen Vorteile von Gentech-Mais anpreist, und unterzeichnete - mit Hinweis auf sein Amt im BVL - das "ABIC2004 Manifesto", das die Abschaffung "unnötiger Hürden" für die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen forderte.

Das BVL arbeitet gern ohne Öffentlichkeit und musste sich erst vor Kurzem von einem Gericht sagen lassen, dass es seit Jahren Akteneinsichtsrechte gesetzwidrigerweise verweigert hatte.

Überall sitzen die gleichen Leute

Ein Blick in Beiräte bei Regierungsstellen, Vorstände von Lobbyverbänden oder die Apparate in Bioparks, Konzernen und Forschungsgemeinschaften zeigt: Dort sitzen überall die gleichen Leute. Eine Grenze zwischen Kontrollbehörden, Geldgebern, ForscherInnen und interessierten Firmen gibt es nicht. Recht neu, aber erfolgreich beim Knüpfen solcher persönlichen Netze sind Prof. Inge Broer und Kerstin Schmidt, die Strateginnen des Gründungszentrums für grüne Gentechnik "AgroBioTechnikum" in Groß Lüsewitz bei Rostock. Über den sich gemeinnützig gebenden Verein FINAB initiierten sie den Bau eines teuren Büro- und Laborgebäudes und probierten sich mit Freilandversuchen. Start war ein Rapsfeld von 2004 bis 2006: "Diese Freisetzung dient einerseits der Etablierung von notwendigem Know-how für die Beantragung und Durchführung von Freisetzungen am Standort Groß Lüsewitz, andererseits als politisches Signal und Präsentation des Dienstleistungsangebotes im AgroBioTechnikum." FINAB gab damit selbst zu: Ein wissenschaftliches Ziel bestand gar nicht. Trotzdem gab es rund eine halbe Million Euro Steuergelder allein für den Versuch. Insgesamt wurde das AgroBioTechnikum mit etlichen Millionen von Bund, Land und Kommune hochgepäppelt.

Systematisch zogen Broer und Schmidt ein Firmengeflecht auf, in dem in den Folgejahren Hunderttausende Euro versickerten - gezahlt für hochriskante Freisetzungsexperimente, deren genauer Sinn aber oft schwer erkennbar war. Immer in Leitungsfunktion: Inge Broer. Überall die Geschäftsführerin: Kerstin Schmidt. Letztere war für die Arbeit vor Ort zuständig, erstere zog die Strippen in vielen Gremien - gleichzeitig bei Geldgebern, Kontrollbehörden, Konzernen und Forschung: Beratung bei Biologischer Bundesanstalt (heute Julius-Kühn-Institut) und EU-Lebensmittelbhörde EFSA, Mitwirkung bei den Firmen KWS, BioOK und Biovativ, Mitarbeit im Lobbyverband BDP, Vorstandsmitglied im Forschungsverbund Mecklenburg-Vorpommern, Lobbying in den Landesministerien für Umwelt und für Landwirtschaft. Zudem hält Broer neun Patente, überwiegend solche der Firma Bayer.

Kerstin Schmidt hingegen ist ausgebildete Mathematikerin und kümmert sich um das Geschäftliche - das aber gleich in vielen Firmen gleichzeitig. Sie ist Geschäftsführerin der Gentechnikfirmen biovativ und Biomath, des Gentechnik-Schaugartens Biotechfarm und des Firmenverbundes BioOK. Durch ihre Hände gehen Hunderttausende an Forschungsgeldern. Gentechnik ist für sie vor allem eine Geldfrage.

Aus Agenda 21 wird Gentech-Großprojekt

Es gibt einige Orte, wo die Gentechnik-Seilschaften ein halbes Dorf erobert haben, um dort mit riesigen Mengen an Steuergeldern äußerst riskante und oft wissenschaftlich dubiose Versuche durchzuführen. Der erste war Gatersleben südlich von Magdeburg mit dem Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK). Dann folgte das AgroBioTechnikum in Groß Lüsewitz bei Rostock. Ganz neu ist die Biotechfarm im westlich von Magdeburg gelegenen Üplingen. Eröffnet im Juli 2008, dient sie mit ihrem Schaugarten nach eigener Darstellung der Beeinflussung des Denkens über Gentechnik. In der Tat: Umweltverbände stellten in einer Einwendung fest, dass es gar keine Labore in der Umgebung gebe. Hier wird also nichts erforscht, sondern Gehirnwäsche betrieben. Die angemeldeten Felder sind überwiegend Zweitstandorte - die Hauptflächen liegen am AgroBioTechnikum in Groß Lüsewitz oder bei Firmen wie KWS und Monsanto. Diese Verbindungen sind kein Zufall: Kerstin Schmidt wurde im April 2008 auch Geschäftsführerin in Üplingen.

In Üplingen gab es übrigens schon eine Infrastruktur, die dann zur Biotechfarm mutierte. Ausgangspunkt war eine PR-Kampagne für Nachhaltigkeit. Das von der UNESCO geförderte Projekt hieß: "Das Dorf Üplingen als Agenda-21-Siedlung und Motor der nachhaltigen Entwicklung im ländlichen Raum". Hauptziel war die Renovierung des Stiftsgutes Üplingen. Hier sollte ein "Leitprojekt für die Integrierte ländliche Entwicklung" entstehen. Doch 2007 - noch verdeckt - und endgültig 2008 griffen die
Gentechnik-Seilschaften zu: Uwe Schrader, Chef der
Gentechnik-Lobbyvereinigung InnoPlanta, Macher des IPK Gatersleben und FDP-Politiker in Sachsen-Anhalt, organisierte Gelder und zog die Fäden über den Mäzen des ehemaligen Nachhaltigkeitsprojektes, den aus Köln stammenden Firmenboss Karlheinz Lichtschläger. Unauffällig wurde die
Projektbeschreibung manipuliert und ein Punkt ausgetauscht. So wurde aus dem Nachhaltigkeitsprojekt die Biotechfarm, das neue Großprojekt in Sachen Agrogentechnik.

Staatlich unterstützte Lobbyverbände

Alles ist steigerbar. Und so gibt es in Deutschland mehrere Verbände, die nichts anderes betreiben als Gehirnwäsche und den Aufbau von Seilschaften für die Gentechnik. Die sind auch gar nicht versteckt: Im wichtigsten Lobbyverband InnoPlanta e.V. sitzen Vertreter gentechnikbefürwortender Parteien und Organisationen einträchtig neben Beamten aus Behörden und Fördermittelvergabestellen, Landräten, aber auch VertreterInnen der großen Konzerne und der kleinen Newcomer der Gentechnik. InnoPlanta ist der lauteste und oft inhaltsleere Marktschreier für die uneingeschränkte Nutzung manipulierter Tiere und Pflanzen im Land. Der Verein bezeichnet sich selbst als "Plattform zur Unterstützung von Landwirten, welche die Vorteile moderner Pflanzenbiotechnologie nutzen wollen". Dass im Vorstand einer solchen Plattform BASF, Bayer und viele kleine Firmen sitzen, die - mit Fördermitteln vollgepumpt - in den letzten Jahren ihr Glück als GentechnikerInnen versuchten, mag wenig überraschen. Was aber machen die Geschäftsführerin der regionalen Wirtschaftsförderung, der Vize des Landesbauernverbandes, ein Mitarbeiter der staatlichen Forschungsstelle Julius-Kühn-Institut und ein Landrat im Vorstand? Warum sitzen im Beirat ein Ex-Landeswirtschaftsminister und ein wichtiger Beamter der
Bundesforschungsanstalt für Lebensmittel? Insgesamt vereinigt Innoplanta rund 60 Partner aus Forschung, Wirtschaft, Finanzen und Politik. Hier wird besonders deutlich: Bei der Gentechnik ist alles mit allem verbunden.

Zusammenfassend muss gesagt werden: Es gibt in diesem Bereich keine unabhängige Kontrolle und es gibt keine Forschung, die nicht von Konzerninteressen geprägt wäre. In Deutschland genausowenig wie in den USA.

Jörg Bergstedt

[1] "Mit Gift und Genen" von Marie-Monique Robin (2007)
www.kurzlink.de/monsanto

[2] Studie: Lorch/Then, "Kontrolle oder Kollaboration?", Download (1 MB): www.kurzlink.de/agrogentech.pdf

[3] Umweltinstitut München: Gentechnik-Verflechtungen in den neuen Bundesländern
www.umweltinstitut.org/genfilz

[4] Reader zum Gentechnik-Filz und viele weitere Informationen: www.biotech-seilschaften.de.vu

03.06.09    Absender/-in: Matthias Bauer <matthias.bauer@grueneliga.de>
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