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Weltkongress 2010:
Resolutionsentwurf "Kapitalistische Klimaveränderung und unsere Aufgaben"
(Version vom 10.11.2009)
Die derzeitige Klimaveränderung ist nicht das Ergebnis der Tätigkeit des
Menschen im Allgemeinen, sondern vor allem der Tatsache, dass das
kapitalistische System, getrieben von der Jagd nach kurzfristigen Profiten
und Superprofiten, seine Entwicklung nicht nur auf die Ausbeutung der
Arbeitskraft, sondern auch die Plünderung der natürlichen Ressourcen,
einschließlich der begrenzten und nicht erneuerbaren Reserven billiger
fossiler Brennstoffe, gestützt hat und weiter stützen wird.
(a) In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und Anfang des
20. Jahrhunderts wurden ausgefeilte Vorschläge für alternative
Energiesysteme auf Grundlage der Nutzung der Sonnenenergie durch die Gesetze
der kapitalistischen Rentabilität verworfen oder unter Druck der
Kohlekonzerne torpediert.
(b) Nach 1945 haben die Monopole der Öl- und der vom Öl abhängigen Branchen,
um ihre Superprofite zu verewigen, viele alternative Techniken erstickt und
bestimmte Arten des Transports, des Verbrauchs und der Siedlungsmuster
durchgesetzt, allein vom Wunsch diktiert, eine ständig wachsende Menge von
Waren zu verkaufen, insbesondere Autos und andere individuelle
Massenverbrauchsgüter.
(c) Während letzten der 40 Jahre wurden die Warnungen der Wissenschaft trotz
vielfältiger immer überzeugenderer Beweise von Regierungen und bürgerlichen
Medien ignoriert. Diese haben stattdessen Desinformationskampagnen der
kapitalistischen Lobbys mitgetragen, während zur gleichen Zeit die
neoliberale Globalisierung von Produktion und Handel die
Treibhausgasemissionen gewaltig ansteigen ließ.
(d) Zu Beginn des 21. Jahrhundert sind die Ursachen der globalen Erwärmung
perfekt dokumentiert, die Gefahr ist bekannt und von allen Regierungen
anerkannt, technische Lösungen sind vorhanden und der Ernst der Lage steigt
mit jedem neuen Bericht der Experten. Aber der Kapitalismus fährt fort,
hauptsächlich fossile Brennstoffe zu nutzen, einschließlich
nicht-konventioneller Quellen (Schweröle, Ölsande und Ölschiefer) und der
enormen billigen Kohlereserven. Auf Basis der Akkumulationslogik hat das
System eine produktivistische Flucht nach vorn eingeleitet, die auf
gefährliche Technologien setzt: Ausbau der Atomenergie, gentechnische
Veränderungen mit dem Ziel der Steigerung der schädlichen Produktion von
Biokraftstoffen, "saubere Kohle" mit der Abscheidung und Einlagerung von
Gigatonnen CO2 in tiefen geologischen Schichten. Für das Kapital sind die
erneuerbaren Energiequellen ein neues Feld für die Wertakkumulation, was
erklärt, dass ihre Nutzung besonders zerstörerische Formen annehmen kann und
die Versorgung aus fossilen Quellen nur ergänzen, sie aber nicht ersetzen
wird.
Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst
(Marx [1]). Der verrückte Wettlauf des Systems, der Reichtum und
Überkonsumtion auf der einen und Armut und Mangel auf der anderen Seite
anhäuft, droht in eine humanitäre und in historischen Zeiträumen
unumkehrbare ökologische Katastrophe zu münden, mit irreparablen Schäden für
die Ökosysteme und insbesondere die Artenvielfalt. Während die
Gefahrengrenze von deutlich unter +2 °C im Vergleich zu vorindustriellen
Zeiten schon in vielen Regionen (Inselstaaten, Andenländer, arktische
Regionen, semi-aride Zonen) erreicht ist, lassen die auf Ebene der
imperialistischen Mächte beschlossenen oder diskutierten Pläne eine
Temperaturerhöhung zwischen +3,2 und +4,9 °C entsprechend eines
Gleichgewichtsmeeresspiegelanstiegs von 60 cm bis 2,9 m (ohne
Berücksichtigung des Abschmelzens der Gletscherkappen) erwarten. Nicht nur
können die Millenniums-Entwicklungsziele, die schon nicht ausreichend sind,
nicht realisiert werden, sondern auch Hunderte von Millionen von Menschen
sind einer schwerwiegenden Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen
ausgesetzt. Die ärmsten von ihnen sind sogar in ihre Existenz selbst
bedroht, vor allem wegen der Gefahr der Küstenüberschwemmungen, der
Verknappung der Süßwasservorräte und des in den Tropen erwarteten Rückgang
der Produktivität der Landwirtschaft.
Dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) zufolge
erfordert die Stabilisierung des Klimas auf einem auf einem Niveau
kleinstmöglicher Gefährdung, dass die Treibhausgasemissionen weltweit bis
2015 ihren Höchststand erreichen und dann bis 2050 um 50% bis 85% gegenüber
dem Jahr 2000 sinken. Wegen des Vorsorgeprinzips ist es zwingend, mindestens
die weitestgehenden Ziele zu übernehmen. Die Klimamodelle berücksichtigen
nicht oder nur sehr unzureichend die sogenannten "nichtlinearen" Phänomene,
insbesondere das Verschwinden der Eiskappen der Arktis und Antarktis und die
Freisetzung des im Permafrostboden gebundenen Methans. Nun besteht aber die
Gefahr, dass diese bereits spürbaren Phänomene die Klimaveränderung
erheblich beschleunigen und die negativen Folgen in den nächsten Jahrzehnten
beträchtlich verstärken können.
Zu diesen physischen Rahmenbedingungen kommen gesellschaftliche, politische
und technische hinzu.
(a) Unter Berücksichtigung der differenzierten historischen Verantwortung
der imperialistischen und der beherrschten Länder schätzt der IPCC, dass die
erstgenannten ihre Emissionen zwischen 25 und 40 % bis 2020 und zwischen 80
und 95 % bis 2050 gegenüber 1990 senken müssen; für die letztgenannten
müssten die Emissionen hingegen um 15 bis 30 % gegenüber den Projektionen
fallen, und zwar in allen Regionen im Jahre 2050, in den meisten Regionen
(außer Afrika) ab 2020. Auch hier müssen aus den oben genannten Gründen die
weitestgehenden Ziele als Minimum übernommen werden.
(b) Angesichts ihrer entscheidenden Verantwortung für die Erwärmung muss der
Teil dieser Ziele, der die Industrienationen betrifft, von ihnen selbst
durch inländische Maßnahmen realisiert werden, das heißt durch Verringerung
ihrer eigenen Emissionen Diese Reduktionen können weder durch den Kauf von
Verschmutzungsrechten aus sogenannten "sauberen" Investitionen in den
Entwicklungs- und Transformationsländern, noch durch das Pflanzen von
Bäumen, was keine strukturelle Lösung bietet, noch durch den Schutz der
Böden oder der bestehenden Wälder ersetzt werden - die Erhaltung der Böden
und Wälder ist eine notwendige Aufgabe an sich und sollte nicht anderen
Verschmutzern erlauben, ihre Verschmutzung fortzusetzen.
(c) Im Namen der Klimagerechtigkeit und der Wiedergutmachung ihrer
ökologischen Schuld sind die imperialistischen Länder gehalten, den
beherrschten Ländern Wissen und Technologie zur Verfügung zu stellen, die es
jenen erlauben, sich unter Achtung der physischen Rahmenbedingungen der
Klimastabilisierung zu entwickeln. Sie sind ebenso gehalten, die
Anpassungsmaßnahmen für den unvermeidlichen Teil des Klimawandels zu
finanzieren, dessen Hauptopfer die verarmten Schichten in den armen Ländern,
vor allem die Frauen, sind.
(d) Aus technischer Sicht reichen die erneuerbaren Quellen bei weitem aus,
die künftigen Bedürfnisse der Menschheit zu erfüllen. Allerdings kann wegen
der notwendigen Änderung des Energiesystems der Übergang in den nächsten 40
Jahren nur gelingen, wenn es zu einer deutlichen Senkung des
Energieverbrauchs kommt (50 % oder mehr in den Industrieländern). Dies
erfordert wiederum eine signifikante Reduktion der materiellen Produktion,
wobei das entscheidende Problem ist: Es muss insgesamt weniger produziert
werden, und gleichzeitig müssen die legitimen Forderungen der drei
Milliarden Menschen beantwortet werden, deren zahllose Grundbedürfnisse
unbefriedigt sind. Es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass diese
Bedingungen erfüllt werden könnten, indem dem Kohlendioxid ein Preis
zugeordnet wird, der die Kosten der Schäden durch den Klimawandel
berücksichtigt. Der Wert ist ein rein quantitativer Indikator, der die Menge
abstrakter menschlicher Arbeit ausdrückt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt
der Entwicklung des Kapitals zur Herstellung eingesetzt wird: Er ist per
definitionem nicht in der Lage, Naturschätze oder Bedürfnisse künftiger
Generationen zu berücksichtigen, einen Unterschied zwischen konkreter
nützlicher oder aus Sicht der Menschen unnützer Arbeit zu machen und die
vielen quantitativen und qualitativen Parameter zur Klimastabilisierung
einzubeziehen. Diese Unfähigkeit spiegelt sich in der Praxis in der Tatsache
wider, dass die kapitalistischen Monopole, mit Erfolg, all ihr Gewicht
einsetzen, um zu verhindern, dass ihnen die Kosten der Erwärmung aufgebürdet
werden - so dass sie letztlich Rhythmen und Formen der Politik weiter nach
ihren Interessen bestimmen. Auf sozialer Ebene schließlich würde die
Einführung eines globalen Preises für Kohlenstoff bedeuten, dass die
Rechnung für die Erwärmung von den Werktätigen und den Armen bezahlt wird
und sich gleichzeitig das Gefälle zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb
der Gesellschaften des Nordens und Südens, verstärkt.
Das Kapital ist unfähig, das entscheidende Problem zu lösen, weil es
strukturell unfähig ist, die weltweite materielle Produktion zu verringern
und dabei mehr für die nicht zahlungskräftigen Bedürfnisse zu produzieren.
Dieses legitime Recht auf Entwicklung mit der Einführung eines geplanten,
demokratischen Programms zum weltweiten Übergang zu einem ökonomischen und
effizienten Energiesystem, das, unabhängig von den Kosten, ausschließlich
auf erneuerbaren Quellen basiert, zu kombinieren, ist nur durch Durchführen
radikaler antikapitalistischer Maßnahmen möglich.. Zu diesen Maßnahmen
gehören insbesondere: Enteignung des Energie- und Kreditsektors; massive
Reduktion der Arbeitszeit (hin zur Halbtagsarbeit) bei Senkung der
Arbeitstakte, ohne Lohnverlust und mit entsprechenden Neueinstellungen,
deutliche Belastung der Gewinne der Kapitalisten; größtmögliche Verlagerung
der Produktion, insbesondere der Landwirtschaft durch Unterstützung der
bäuerlichen Landwirtschaft; öffentliche Initiativen in den Bereichen
Wohnungsbau und Verkehr, um das Konsumverhalten zu ändern; Schaffung eines
Weltfonds für Anpassungsmaßnahmen, finanziert aus den Gewinnen der Monopole;
öffentliche Refinanzierung der Forschung, Stopp der Unterordnung unter die
Industrie und kostenloser Transfer sauberer Technologien an die Länder des
Südens; außerdem Mechanismen der demokratischen Mitwirkung und Kontrolle
durch die Bevölkerung und die lokalen Gemeinschaften auf allen Ebenen.
Als giftiges Erbe von zweihundert Jahren kapitalistischer Entwicklung ist
die Klimaverschiebung der klarste Ausdruck der globalen Krise des Systems,
dessen Potenzial zur sozialen und ökologischen Zerstörung jetzt seine
Fähigkeit, Bedürfnisse .der Menschen zu identifizieren und zu beantworten,
überwiegt Das Wachstum der Produktivkräfte ist zu einem Wachstum der
Destruktivkräfte geworden, nicht nur weil immer mehr sozial und ökologisch
zerstörerische Technologien zum Einsatz kommen, sondern auch insgesamt, weil
die kapitalistische Logik, indem sie das Klima zerstört, die Menschheit in
eine Vielfalt akuter Probleme führt. Die kapitalistische Produktionsweise
impliziert ein spezifisches Bevölkerungsgesetz, in dem sich der Bedarf einer
ständigen "industriellen Reservearmee" ausdrückt. Nach diesem Gesetz und im
Rahmen der historischen Erschöpfung des Spätkapitalismus droht die
Kombination von Wirtschafts-, Klima- und Ernährungskrise in eine Welle
"kreativer Zerstörung" (Schumpeter) beispiellosen Ausmaßes zu münden, die
nicht nur die massenhafte Beseitigung von Produktivkräften und
unersetzlichen Naturschätzen, sondern auch ein erhöhtes Risiko der
physischen Vernichtung von Hunderten Millionen Menschen beinhaltet. Dieser
Teufelskreis wirkt bereits beim Zusammenwirken der in Agrobusiness, Energie,
Automobil und Erdöl investierenden Teile des Großkapitals, die sich auf die
Aneignung von Böden stürzen, die zur industriellen Nutzung von Biomasse als
Energiequelle geeignet sind, und beschleunigt damit den Ruin von Kleinbauern
und die Landflucht, bedroht indigene Gemeinschaften und erhöht dramatisch
die Zahl der lumpenproletarischen Opfer von chronischem Hunger. Bei Fehlen
einer Gesamtalternative könnte seine interne Dynamik das System immer
stärker auf die abschüssige Bahn einer globalen Krise von historisch
beispielloser Brutalität und Barbarei treiben.
Die Ablehnung von Wachstum an sich stellt weder ein Gesellschaftsprojekt
noch eine Strategie für breite soziale Mobilisierungen zugunsten einer
anderen Gesellschaft dar. Die Reduzierung von Produktion und materiellem
Konsum ist zur Stabilisierung des Klimas unmittelbar notwendig, weil der
Kapitalismus die Menschheit zu weit auf einem Weg geführt hat, der in einer
Sackgasse endet. Aber weder schließt eine solche Reduzierung Möglichkeiten
künftiger Entwicklung aus, nachdem das Klima erst einmal stabilisiert ist;
noch bildet sie nur ein quantitatives Kriterium für den notwendigen Übergang
in eine Ökonomie ohne fossile Brennstoffe. Damit man nicht zu antisozialen
oder gar reaktionären Schlussfolgerungen kommt, muss dieses quantitative
Kriterium von qualitativen begleitet sein, insbesondere Umverteilung des
Reichtums, Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnverlust und Entwicklung des
öffentlichen Sektors. Wenn diesen Kriterien entsprochen wird und die
sinnlose oder gefährliche Produktion abgebaut wird, dann kann die
Reduzierung der materiellen Produktion tatsächlich gleichbedeutend mit einem
Zugewinn an Wohlbefinden und Lebensqualität für die große Mehrheit der
Menschheit sein, wenn Investitionen auf gesellschaftlichen Gebieten, in
verbesserte Raumplanung, kostenlose lebenswichtige Dienstleistungen und in
die Rückgewinnung für Selbstaktivität, Selbstorganisation und
Selbstverwaltung erforderliche freie Zeit erfolgen.
Das kapitalistische System ist untrennbar mit dem Wachstum der Produktion
und des materiellen Konsums verbunden, doch ist das die Wirkung, nicht die
Ursache. Es ist die Produktion von Werten in ihrer abstrakten Form als
Tauschwert, die zur permanenten Tendenz einer unbeschränkten Akkumulation
von Reichtum auf der einen Seite und gleichzeitig einer Akkumulation von
Armut auf der anderen Seite führt. Eine Klimapolitik, die diese doppelte
Realität nicht ins Auge fasst, wäre zum Scheitern verurteilt. Entscheidender
Punkt und Hebel für eine antikapitalistische Alternative bleibt daher
grundsätzlich das, was das sozialistische Projekt benannt hat: Die
Mobilisierung der Ausgebeuteten und Unterdrückten gegen ein System, das auf
Wettrennen um Profite, Privateigentum an Produktionsmitteln,
Warenproduktion, Konkurrenz und dem Lohnsystem beruht. Doch dieser
entscheidende Punkt und Hebel ist nicht länger ausreichend, um eine
Alternative zu definieren. Die Sättigung des Kohlenstoffkreislaufs stellt
die offensichtlichste und umfassendste Demonstration der Tatsache dar, dass
-- anders als in der Vergangenheit -- die Emanzipation der arbeitenden
Klasse nicht mehr ins Auge gefasst werden kann, ohne die wesentlichen
natürlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen: Die Begrenztheit der
Ressourcen, die im historischen Maßstab nicht erneuert werden können, die
Geschwindigkeit des Wiederaufbaus erneuerbarer Ressourcen, die Gesetze der
Energieumwandlung, die Funktionsweise der Ökosysteme und der biologischen
Kreisläufe mit ihren Rhythmen.
Doch es genügt nicht zu bekräftigen, dass der Sozialismus die ökologischen
Fragestellungen integrieren muss. Die wirkliche Aufgabe liegt vor allem in
der Schaffung der Voraussetzungen zur Integration des sozialistischen
Projektes in die globale Ökologie des Super-Ökosystems Erde. Entwicklung
kann nicht nur als Ziel der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gesehen
werden, sondern muss auch das der Nachhaltigkeit im Hinblick auf die Umwelt
verfolgen; dabei muss man angesichts der Komplexität, der unbekannten
Faktoren und des veränderlichen Charakters der Biosphäre einen gewissen Grad
an Unbestimmtheit akzeptieren. Der Begriff der "Herrschaft des Menschen über
die Natur" muss aufgegeben werden. Der einzig wirklich mögliche Sozialismus
ist der, der die wirklichen (vom Warenfetischismus befreiten) menschlichen
Bedürfnisse befriedigt, die von den Menschen selbst demokratisch festgelegt
worden sind, wobei wir uns sorgfältig fragen müssen, welches die
Auswirkungen auf die Umwelt sind, den diese Bedürfnisse und die Art ihrer
Befriedigung zeitigen.
An die Verflechtung von sozialer und ökologischer Frage zu denken, bedeutet
erstens, über eine sektoralistische, utilitaristische und lineare Sicht der
Natur als der physischen Plattform, auf der die Menschheit arbeitet, als der
Vorratskammer, aus der sie ihre für die Produktion ihrer gesellschaftlichen
Existenz nötigen Ressourcen bezieht, und als Müllhalde, auf der sie die
Abfälle dieser Aktivität ablädt, hinauszukommen. In Wirklichkeit ist die
Natur gleichzeitig Plattform, Vorratskammer, Müllhalde und die Gesamtheit
aller lebenden Prozesse, die -- dank der von außen kommenden Zufuhr von
Sonnenenergie -- die Materie zwischen diesen Polen zirkulieren lassen und
sie fortwährend neu organisieren. Abfälle und die Art des Umgangs mit ihnen
müssen deshalb sowohl hinsichtlich der Quantität wie der Qualität mit den
Kapazitäten und Rhythmen des Recyclings durch Ökosysteme vereinbar sein,
damit sie das gute Funktionieren der Biosphäre nicht angreifen. Doch dieses
gute Funktionieren hängt von der Zahl und der Vielfalt der biologischen
Akteure ab, aber auch von der Qualität und Komplexität der zahlreichen
Beziehungsketten und dem Gleichgewicht der Zu- und Abflüsse, die letztlich
die Versorgung der Menschheit mit Ressourcen sicherstellen.
An die Verflechtung von sozialer und ökologischer Frage zu denken, bedeutet
zweitens, Lehren aus der Feststellung zu ziehen, dass sich eine
Produktionsweise nicht nur durch die Produktions- und Besitzverhältnisse,
sondern auch durch seine technologischen Verfahren definiert, die durch ihre
energiepolitischen Entscheidungen modelliert werden. Der kapitalistische
Klimawandel zeigt deutlich: Die von einer Produktionsweise verwendeten
Energiequellen und die zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse (Nahrung,
Wärme, Bewegung und Licht) eingesetzten Umwandlungsmethoden sind nicht
gesellschaftlich neutral, sondern von einem Klassencharakter geprägt. Das
kapitalistische Energiesystem ist zentralisiert, anarchisch,
verschwenderisch, ineffizient, reich an toter Arbeit, auf nichterneuerbare
Energiequellen gestützt und auf die tendenzielle Überproduktion von
Handelswaren ausgerichtet. Die sozialistische Transformation der
Gesellschaft erfordert, dass es schrittweise zerstört und durch ein
dezentrales, geplantes, sparsames, effizientes und auf lebendige Arbeit
setzendes System ersetzt wird, das ausschließlich auf erneuerbaren Quellen
basiert und auf die Produktion von dauerhaften, recyclebaren und
wiederverwendbaren Gebrauchswerten ausgerichtet ist.
Diese Transformation betrifft nicht nur die "Energieproduktion" im engeren
Sinn, sondern die gesamte Industrie-, Agrar-, Verkehrs-, Erholungs- und
Raumplanung Die Energie- und Klimafrage führt uns dazu, die sozialistische
Revolution nicht nur als Zerstörung der Macht des bürgerlichen Staates,
Schaffung eines proletarischen Staates, der mit seiner Entstehung
abzusterben beginnt, und schrittweise Einführung der Selbstverwaltung der
Massen zu sehen, sondern auch als den Beginn der Zerstörung des alten
bürgerlichen Produktionsapparats und seine Ersetzung durch einen
alternativen Apparat, der andere Technologien und andere industrielle
Verfahren im Dienst der demokratisch bestimmten Ziele einsetzt. Dieser
äußerst tiefe historische Umbruch kann nur nach dem Sieg der sozialistischen
Revolution auf Weltebene beginnen, sobald die Abschaffung der wichtigsten
Ungleichheiten der Entwicklung es ermöglicht haben wird, die grundlegenden
Rechte jedes Menschen auf eine würdige Existenz zu sichern. Er erfordert die
vorherige Erreichung der Autonomie bei Energie und vor allem bei Nahrung in
den verschiedenen Ländern. Er ist alles andere als ein Synonym für das Ende
der menschlichen Entwicklung, sondern bedeutet einen wichtigen Fortschritt
in Wissenschaft und Technik sowie der Fähigkeit der Gesellschaft, diesen
demokratisch mit der aktiven Beteiligung aller umzusetzen, und zwar im
Rahmen einer Kultur des umfassenden Schutzes der Biosphäre, wobei der
Beitrag der indigenen Völker von unschätzbarem Wert sein wird.
Der revolutionäre Marxismus meint, dass -- wenn erst einmal die
grundlegenden menschlichen Bedürfnisse erfüllt sind --, die qualitative
Entwicklung der Menschheit den Vorrang über die quantitative bekommen wird.
Diese Vorstellung stimmt mit der von Marx überein, für den wirklicher
Reichtum freie Zeit, soziale Beziehungen und das Verständnis der Welt
bedeutete. Die Perspektive eines Kommunismus, der ausschließlich
erneuerbare, vor allem solare Energiequellen nutzt, steht in der logischen
Kontinuität mit diesem nicht-produktivistischen Denken, jedoch vertieft sie
es und zieht neue Schlussfolgerungen für die Forderungen, die Aufgaben und
das Programm. Diese Vertiefung rechtfertigt den Gebrauch des neuen Begriffs
"Ökosozialismus". Als konzentriertester Ausdruck des gemeinsamen Kampfes
gegen die Ausbeutung menschlicher Arbeit und der Zerstörung der natürlichen
Ressourcen durch den Kapitalismus, geht der Ökosozialismus nicht von einer
idealistischen und chimärenhaften Sicht der "Harmonie" aus, die zwischen
Natur und Menschen errichtet werden muss, sondern von der materialistischen
Notwendigkeit, den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur zu steuern,
in dem die Spannungen zwischen den Bedürfnissen der Menschen und dem guten
Funktionieren der Ökosysteme bewusst, kollektiv und demokratisch bewältigt
werden.
Der Kampf fürs Klima erfordert vor allem den Aufbau eines gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisses. Angesichts der Dringlichkeit und der kriminellen
Politik der kapitalistischen Regierungen arbeiten wir in allen Ländern am
Aufbau einer machtvollen und einheitlichen Massenbewegung mit, die sich
weltweit koordiniert. Diese Bewegung muss als ein Teil des sozialen
Widerstandes, wie er in verschiedenen Bereichen existiert, begriffen werden,
mit koordinierten Aktionen und gelegentlichen pluralistischen
Demonstrationen auf einer gemeinsamen Minimalplattform. Ihr Ziel muss es
sein, die Regierungen zu zwingen, wenigstens die weitestgehenden vom
[Weltklimarat} IPCC vorgeschlagenen Reduktionsziele anzustreben, in
Anerkennung des Prinzips der "gemeinsamen, aber differenzierten
Verantwortung", der sozialen und demokratischen Rechte wie auch des Rechts
aller auf eine menschliche Existenz, die diesen Namen verdient. Der Aufbau
von Massenbewegungen zur Verteidigung des Klimas ist eine schwierige
Aufgabe, vor allem weil Ursachen und Wirkungen sowohl räumlich wie auch
zeitlich auseinander fallen. Eine breit angelegte Informationsarbeit über
die Erwärmung und ihre Auswirkungen ist nötig. Ihre Zielrichtung müssen vor
allem die Aktivengruppen der verschiedenen sozialen Bewegungen und die
politischen Organisationen der Linken sein, da sie eine entscheidende Rolle
bei der Schaffung von Verbindungen zwischen der globalen Klimabedrohung und
den einzelnen sozialen Problemen und der Herausarbeitung von Strategien zur
Verbindung von sozialem und ökologischem Kampf spielen.
Die notwendige Veränderung kann nicht ohne Mobilisierung und aktive
Beteiligung der Ausgebeuteten und Unterdrückten, die die große Mehrheit der
Bevölkerung stellen, erreicht werden. Kapitalistische Klimapolitik macht
diese Beteiligung unmöglich, weil sie sozial völlig inakzeptabel ist. Diese
Politik trägt die Verstärkung der imperialistischen Beherrschung und der
kapitalistischen Konkurrenz und Gewalt in sich, somit also Ausbeutung,
Unterdrückung, soziale Ungleichheit, Konkurrenz zwischen den Arbeitenden und
Verletzung ihrer Rechte sowie private Aneignung von Ressourcen. Insbesondere
gibt diese Politik keine Antwort auf das große Problem der Arbeitsplätze,
der Löhne und der sozialen Sicherheit von Millionen von Arbeitenden, die in
Bereichen arbeiten, die riesige Mengen von Treibhausgasen emittieren. Sie
kann daher nur auf legitimen gesellschaftlichen Widerstand treffen. Die
großen Umwelt-NGOs versuchen, die Klimaziele der Regierungen zu
radikalisieren, und weigern sich zu sehen, dass diese Radikalisierung
gleichzeitig zu einer Verschärfung der antisozialen Angriffe führt. Das ist
eine Sackgasse. Wir verteidigen die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes
für Klima und soziale Gerechtigkeit. Innerhalb der breiten Bewegung arbeiten
wir an der Herausbildung eines linken Pols, der diese beiden Dimensionen
verbindet und der sich daher gegen Vorschläge wendet, die auf
Marktmechanismen, auf Akkumulation, auf neokolonialer Beherrschung oder
technologischer Flucht nach vorn beruhen. Dieser Pol versucht auch, Teile
der Gewerkschaften, Ökologen, Globalisierungsgegner, Feministen, für die
Dritte Welt arbeitende Linke, die "zerbröckelnde" Linke, die Organisationen
der radikalen Linken, kritische Wissenschaftler usw. zusammenzuführen.
Wegen ihres globalen Charakters und des Umfangs der Katastrophen, die sie
auslösen kann, begünstigt die Erwärmung die Entwicklung einer ganzen Reihe
ideologischer Strömungen, die unter dem Deckmantel einer radikalen Ökologie
versuchen, die Thesen von Malthus zu rehabilitieren, indem sie diese in
einen apokalyptischen Diskurs mit stark religiösen Akzenten verpacken.
Diese Strömungen finden Gehör auf höchstem Niveau in einigen Sektoren der
herrschenden Klassen, wo das Verschwinden von Hunderten von Millionen
Menschen leichter vorstellbar ist, als das Verschwinden des Kapitalismus.
Deshalb muss man mit einer potentiell ernsten Gefahr für die Armen im
Allgemeinen und die Frauen im Besonderen rechnen. Der Kampf gegen diese
Strömungen ist eine wichtige Aufgabe, die unsere Organisationen in
Verbindung mit der Frauenbewegung übernehmen müssen. Die
Bevölkerungsentwicklung ist natürlich ein Parameter der Klimaentwicklung,
aber man muss kategorisch die irrige Idee bekämpfen, dass das
Bevölkerungswachstum eine Ursache des Klimawandels sei. Der demografische
Übergang [2] findet in den Entwicklungsländern bereits größtenteils statt,
und er schreitet schneller voran als erwartet. Es ist wünschenswert, dass er
sich fortsetzt, aber dies setzt sozialen Fortschritt und die Entwicklung
sozialer Sicherungssysteme ebenso voraus wie Informationen und das Recht der
Frauen zur Kontrolle ihrer eigenen Fruchtbarkeit (einschließlich des Rechts
auf Abtreibung unter guten Bedingungen). Das ist zwangsweise eine
langfristige Politik. Ohne Rückgriff auf barbarische Mittel kann keine
Politik der Bevölkerungskontrolle die dringende Aufgabe des Klimaschutzes
lösen.
Mit der Perspektive einer breiten Mobilisierung, die in bestehenden Kämpfen
verwurzelt ist, handeln wir so, dass die Verteidigung des Klimas ein großes
Thema der sozialen Bewegungen wird und einen konkreten Ausdruck auf allen
Ebenen in den Forderungsplattformen findet. Zum Beispiel:
- Kampf für den Frieden: Produktion und Einsatz von Waffen stellen einen
inakzeptablen Wahnsinn in Bezug auf den Klimawandel dar, der ja selbst ein
zusätzlicher möglicher Grund von Konflikten ist;
- Kampf gegen Armut und für das Recht auf Entwicklung und soziale
Absicherung: Die Fähigkeit der Anpassung an den Klimawandel ist direkt
proportional zum Umfang der Ressourcen und dem Stand der Entwicklung.
Soziale Ungleichheit steigert die Verwundbarkeit und behindert die
Energiewende;
- Kampf der Frauen: Die Anpassung an den Klimawandel verstärkt die Bedeutung
und die Dringlichkeit für besondere Frauenforderungen zum Thema gleiche
Rechte, gesellschaftliche Verantwortung für die Kinder, Doppelbelastung oder
Recht auf Empfängnisverhütung und Abtreibung;
- Kampf um Arbeitsplätze: Radikale Reduzierung des Energieverbrauchs,
Änderung der Siedlungsmuster, Schutz der Artenvielfalt, Entwicklung des
öffentlichen Verkehrs und Ersetzung fossiler Brennstoffe durch erneuerbare
Quellen, was ein riesiges Reservoir an guten Arbeitsplätzen darstellt;
- Kampf um Zugang zu Land, Wasser und natürlichen Ressourcen sowie für eine
bäuerliche Biolandwirtschaft: Ländliche Gemeinschaften, die eine
arbeitsintensive Biolandwirtschaft betreiben, kennen die Mittel, um den
Gehalt der Böden an organischen Substanzen zu steigern und die
Treibhausgasemissionen im Landwirtschaftsbereich zu senken;
- Kampf gegen die Globalisierung und die Liberalisierung der Märkte für
landwirtschaftliche Produkte: Diese Liberalisierung ist einerseits der Grund
für die Ruinierung ländlicher Bevölkerungen, für Hunger, Landflucht und/oder
Plünderung der Ökosysteme, andererseits ist sie eine wichtige Quelle von
direkten (Transport von Exportgütern) und indirekten Emissionen;
- Kampf für das Asylrecht: Angesichts der zunehmenden Zahl von
Umweltflüchtlingen, vor allem wegen des Klimas, ist die Freiheit der
Bewegung wesentlich und stellt die einzige für die Menschheit würdige
Antwort dar;
- Kampf der indigenen Gemeinschaften für ihre Rechte: Durch ihr Wissen und
ihre Art der Nutzung der Ökosysteme, vor allem der Wälder, sind diese
Gemeinschaften am besten befähigt, CO2-Senken zu erhalten und zu entwickeln;
- Kampf gegen die Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeit sowie gegen
die Verlängerung des Arbeitstags: Überlange und flexible Arbeitszeiten und
kapitalistische Kampagnen zugunsten einer höheren Mobilität der
Arbeitskräfte zwingen die Arbeitenden dazu, Autos zu benutzen. Die
"Just-in-time-Produktion" ist eine wichtige Quelle von
Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor. Die Reduzierung der Arbeitszeit
ist eine Vorbedingung für die Entstehung von alternativen Modellen des
Konsums und der Freizeit auf Massenebene;
- Kampf gegen die Privatisierung, für einen hochwertigen öffentlichen Sektor
beim Verkehr, der Energie- und der Wasserversorgung. Nur ein öffentlicher
Sektor mit guten und kostenlosen Verkehrsmitteln kann das Recht aller auf
Mobilität mit dem Ziel der Emissionsminderung in Einklang bringen. Die
Liberalisierung der Stromproduktion verkompliziert ihre Einbringung in ein
Netzwerk intermittierender [nur zeitweise verfügbarer] erneuerbarer
Energiequellen. Nur ein Staatsunternehmen, das nicht um des Profits willen
arbeitet, kann die Herausforderung annehmen, binnen zwei oder drei Dekaden
die Emissionen im Wohnungsbereich vollständig zu beseitigen.
Die Führungen der großen internationalen Gewerkschaftsverbände begleiten die
kapitalistische Klimapolitik, sofern ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird,
über einige Modalitäten verhandeln zu können. Diese Orientierung
konkretisiert sich in den Vorschlägen für einen "Green New Deal", der auf
der Illusion basiert, grüne Technologien würden es ermöglichen, die
Arbeitslosigkeit aufzufangen und könnten als Motor für eine neue lange Welle
kapitalistischer Expansion und Prosperität dienen. Die
Gewerkschaftsbürokratien ordnen sich den Erfordernissen des Produktivismus
und der kapitalistischen Profitabilität unter, genauso wie den Instrumenten
der vorherrschenden Klimapolitik: Staatliche Hilfen für "grüne" Unternehmen,
"ökologische Steuerpolitik", Mechanismus für eine umweltgerechte Entwicklung
(clean development mechanism - CDM), Emissionshandel, ja sogar Hilfen für
die Atomenergie und Biokraftstoffe werden unterstützt. Diese Politik
riskiert, die Gewerkschaftsbewegungen für die Katastrophen mitverantwortlich
zu machen. Sie sät Zwietracht zwischen den Arbeitenden auf internationaler
Ebene oder zwischen verschiedenen Sektoren einzelner Länder. Angesichts der
Bedeutung von Klimaschutz und Energiewende ist es für die gewerkschaftliche
Linke entscheidend, dieses Thema zu einem zentralen Element im Kampf für
einen Kurswechsel zu machen. Dieser Kampf ist schwierig, weil es nicht um
eine "Konjunkturankurbelung" geht, sondern um die Reduzierung des
Energieverbrauchs, die Abschaffung der nutzlosen oder schädlichen Produktion
und die Umsetzung der in diesen Sektoren beschäftigten ArbeiterInnen usw.
Dies stellt ein beträchtliches Hindernis dar, da die LohnempfängerInnen an
die kapitalistische Produktionsweise gekettet sind, von der ihre tagtägliche
Existenz abhängt. Angesichts dieser Herausforderung muss die
Gewerkschaftslinke sich von der engen Sichtweise der Umverteilung von
Reichtum freimachen und den Begriff von Reichtum selbst in Frage stellen
sowie die Art und Weise, wie Reichtum produziert wird, mit anderen Worten
die Grundlagen der bestehenden Produktionsweise. Dieser Ansatz gibt
Forderungen wie der Reduzierung der Arbeitszeit (bei Senkung der
Arbeitstakte, ohne Lohnverlust und mit entsprechenden Neueinstellungen) und
der Arbeiterkontrolle (über die Arbeitsgeschwindigkeit, die Produktion, die
Energie usw.) ein zunehmendes Gewicht.
Die Rettung des Klimas erfordert eine weltweite Teilung von Besitz und
Wissen. Damit sind notwendig verbunden:
- Streichung der Schulden der Dritten Welt und Rückgabe der Vermögen, die
Diktatoren des Südens bei westlichen Banken deponiert haben, an die
jeweilige Bevölkerung;
- Aufhebung des Bankgeheimnisses, Beseitigung der Steueroasen, Besteuerung
von Eigentum und Erbschaften, Besteuerung von spekulativen Kapitalbewegungen
usw.
- eine deutliche Steigerung des Budgets der imperialistischen Länder, das
für öffentliche Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt wird;
- zusätzlich die Schaffung eines weltweiten Fonds für die Anpassung der
Entwicklungsländer an die unvermeidlichen Auswirkungen des Klimawandels und
für den Transfer von sauberen Technologien in die öffentlichen Sektoren
dieser Länder ohne finanzielle Bedingungen;
- die Ressourcen für diesen Fonds sollen durch eine Besteuerung der Profite
und Superprofite der Wirtschaftsbereiche aufgebracht werden, die am meisten
für den Klimawandel verantwortlich sind (insbesondere Erdöl, Kohle, Autos,
Stromproduktion);
- Abschaffung des Patentsystems im Gesundheitswesen und bei Technologien,
die für die Herstellung von Waren des täglichen Konsums und die
Bereitstellung wesentlicher Dienste gebraucht werden (Verkehr,
Leichtindustrie, Wasser und Energie, Kommunikation), so dass die ganze
Weltbevölkerung Zugang zu diesen Basisgütern bekommt;
- ein System des finanziellen Ausgleichs für die Länder des Südens, die die
Ausbeutung ihrer Lagerstätten mit fossilen Brennstoffen beenden.
Der Beitrag der beherrschten Länder zur Stabilisierung des Klimas auf einem
Niveau kleinstmöglicher Gefährdung ist nur durch eine endogene
Entwicklung [3] möglich, die den Bedürfnissen der großen Mehrheit der
Bevölkerung entspricht, und die mit einer Agrarreform zugunsten der
bäuerlichen Landwirtschaft und einer Umorientierung der Produktion für den
Binnenmarkt verbunden ist. Das Recht auf menschliche Entwicklung und die
Stabilisierung des Klimas verlangen somit nach Maßnahmen gegen die vor Ort
herrschenden Klassen, die das Recht auf Entwicklung als einen Vorwand
benutzen, um nichts gegen die Verbrennung von fossiler Energie unternehmen
zu müssen; die die Naturschätze plündern, sich die Wälder aneignen, als
Zwischenhändler für den Verkauf von Verschmutzungsrechten auftreten,
Biokraftstoffe produzieren und billige landwirtschaftliche oder industrielle
Produkte in die Märkte der entwickelten Länder exportieren. Um sie daran zu
hindern, dieses Modell einer gesellschaftlich und ökologisch schädlichen
Entwicklung weiter zu betreiben, müssen die finanziellen und technologischen
Mittel, die sich in den Ländern des Südens befinden, einer demokratischen
Kontrolle der Bevölkerung dieser Länder und der sozialen Bewegungen
unterworfen werden.
Die Geschichte des Kapitalismus ist von Umweltkrisen geprägt, die ohne
ökologische Gesamtsicht durch die Umsetzung von technologischen
Teilantworten, die dem Erhalt der Profitabilität untergeordnet waren,
"gelöst" wurden und deren verhängnisvollen Auswirkungen auf die Umwelt erst
später zu Tage treten. Die Energie- und Klimakrise dadurch lösen zu wollen,
dass man wie ein Zauberlehrling derselben Methode folgt, wird noch
schlimmere Folgen zeitigen, besonders in drei Bereichen: dem steigenden
Einsatz von Atomkraft und gentechnisch veränderten Organismen sowie der
geologischen Speicherung von CO2 im Rahmen einer neuen Welle der
Kohlenutzung. Sich diesen kapitalistischen Antworten in den Weg zu stellen,
ist eine der Hauptaufgaben der Linken. Wir kritisieren sie als Symbole des
unbegrenzten kapitalistischen Wachstums und als absurden Versuch des
Systems, über seinen eigenen Schatten zu springen und um jeden Preis eine
profitschaffende Akkumulation aufrecht zu erhalten. Auf allgemeinere Art und
Weise bringt die Aufgabe des Klimaschutzes alle Umweltfragen zusammen. Die
Antwort muss also alle wesentlichen ökologischen Probleme integrieren,
insbesondere: a) Verteidigung der tropischen Regenwälder (CO2-Senken) bei
Anerkennung der Rechte der indigenen Bevölkerung, die von ihren Ressourcen
leben; b) Verteidigung der Artenvielfalt; c) ein rationales und öffentliches
Management der Wasserressourcen; d) Kampf gegen die Verschmutzung der
Biosphäre mit Hunderttausenden von Molekülen aus der Petrochemie, die es in
der Natur nicht gibt und die in einigen Fällen auch nicht natürlich abgebaut
werden können; e) Eliminierung der Gase, die das Ozon in der Stratosphäre
zerstören und ihre Ersetzung durch Mittel, die keine gefährlichen
ökologischen Folgen haben; f) Kampf gegen die Verschmutzung der Atmosphäre
und ihre Konsequenzen für die menschliche Gesundheit (Asthma,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und für die Ökosysteme (Versauerung, Ozon in
der Troposphäre).
Die Anmaßung der Regierungen, die die Leute glauben lassen wollen, ihre
kapitalistische und neoliberale Klimapolitik sei "wissenschaftlich"
fundiert, muss energisch bekämpft werden. Dazu müssen wir die Kluft
aufzeigen, die zwischen den Zielen der Regierungen und den
Schlussfolgerungen liegt, die man nach dem Vorsorgeprinzip aus den
IPCC-Berichten ziehen müsste. Die Anprangerung dieser Kluft bedeutet, dass
wir die wesentlichen Aussagen der wissenschaftlichen ExpertInnen übernehmen,
während wir gleichzeitig die dominierenden ideologischen und sozialen
Annahmen kritisieren, die von der großen Mehrheit der SpezialistInnen
vertreten werden. Die Linke muss Beziehungen zur Wissenschaft aufbauen und
sie einladen, ihre Sachkenntnis in die sozialen Bewegungen einzubringen, sie
auffordern, sich von ihren allgemeinen politischen Meinungen zu lösen, und
sie drängen, sich zu den Widersprüchen zwischen den rationalen globalen
Antworten, die der Kampf gegen die globale Erwärmung erfordert einerseits,
und der übertriebenen Aufsplitterung des Wissens im Dienste der partiellen
Rationalität des Kapitalismus andererseits zu erklären. Angesichts des
Platzes, den die wissenschaftliche Expertise in der Entwicklung der Politik
einnimmt, ist es von großer Wichtigkeit, Beziehungen zwischen den sozialen
Bewegungen und kritischen, humanistischen ForscherInnen aufzubauen. In
diesem Rahmen entwickeln wir eine allgemeinere Sicht der Rolle von
Wissenschaft und Forschung im Kampf für die Stabilisierung des Klimas bei
sozialer Gerechtigkeit. Wir lehnen technologische Lösungen oder Begriffe wie
Entwicklung und Fortschritt nicht per se ab. Nein, wir argumentieren, dass
die wissenschaftliche und technologische Forschung vom Einfluss des Kapitals
befreit werden muss, so dass ihr Potenzial schnell und massiv in den Dienst
einer nachhaltigen Entwicklung von erneuerbaren Energiequellen gestellt
werden kann. Wir verlangen eine massive Erhöhung der öffentlichen
Forschungsmittel, die Beendigung von Verträgen, die Universitäten an die
Industrie oder ans Finanzkapital binden, und eine demokratische Bestimmung
der Forschungsprioritäten im Einklang mit dem Ziel des Übergangs zu einer
Gesellschaft ohne fossile Brennstoffe bei Wahrung der sozialen
Gerechtigkeit.
Die Sündenbock-Diskurse der Regierungen, die die Verantwortung für die
Erwärmung dem individuellen Verhalten des einzelnen zuschieben und die
soziale Ungleichheit und die Verantwortung des Kapitalismus verstecken
wollen, lenken die Aufmerksamkeit von den erforderlichen tiefgreifenden
strukturellen Veränderungen ab und bereiten den Weg für ungerechte Maßnahmen
wie die "CO2-Steuer". Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass das Klima
durch eine Bewegung der "kulturellen Ansteckung" gegen den Konsumwahn
gerettet werden könnte, während die Hälfte der Menschheit in chronischer
Unterkonsumtion lebt. Doch wäre es auch eine Illusion, auf einen
hypothetischen revolutionären wissenschaftlichen Durchbruch zu setzen, um
Überkonsumtion und daraus resultierende individuelle Verhaltensweisen nicht
in Frage stellen zu müssen. Statt Aktionen in der Konsumsphäre strukturellen
Änderungen in der Produktionssphäre gegenüber zu stellen, müssen die
erstgenannten als Mittel begriffen werden, um das Bewusstsein für die
Notwendigkeit der letzteren zu schaffen. Alternative soziale
Verhaltensweisen, demokratische Kampagnen und Mobilisierungen -- auch von
Minderheiten --, die die Produktivitäts- und Konsumlogik in Frage stellen,
können eine positive Rolle bei der Herausbildung eines kollektiven
Bewusstseins spielen, dass strukturelle Veränderungen auch in der
Produktionssphäre nötig sind und dass diese Veränderungen von einer
Steigerung der Lebensqualität begleitet sein können.
Der Klimawandel führt zu einer beträchtlichen Zunahme der Risiken von
Katastrophen, die vor allem die Arbeitenden und die Armen treffen,
insbesondere in Entwicklungsländern. Angesichts dieser Bedrohung müssen wir
vorbereitet sein, mit den sozialen Bewegungen in zwei Bereichen zu
intervenieren: Von den Staaten müssen wir fordern, ihre Verantwortung
wahrzunehmen, und zugleich müssen wir uns in direkter, solidarischer Hilfe
für die einfache Bevölkerung engagieren, wie sie von den Menschen vor Ort
und ihren Organisationen mit Unterstützung eines weltweiten Netzwerks von
Aktivisten übernommen werden kann. Die bei Naturkatastrophen gemachten
Erfahrungen zeigen, dass diese Unterstützung aus der Bevölkerung schneller
kommt, weniger kostet und direkter auf die Armen und die wirklichen
Bedürfnisse zugeschnitten ist. Außerdem begünstigt sie die Entwicklung einer
alternativen Art von sozialen Beziehungen und stellt die etablierte Ordnung
in Frage.
Daniel Tanuro
Aus: Inprekorr (Online-Ausgabe) Nr. 458/459 (Internat.Pressekorrp.)
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[1] MEW, Bd. 25, S. 260
[2] Übergang von hohen zu niedrigen Sterbe- und Geburtenraten -- d. Üb.
[3] Wachstumsmodell, das auf innere Faktoren wie technologische Innovation
und Bildung setzt -- d. Üb.
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