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Ökologie:
Klimawandel: Ein Beitrag zur Debatte
Von Michael Löwy
Der Bericht zum Klimawandel von Daniel Tanuro [1] ist eines der wichtigsten
in den letzten Jahren von unserer Strömung produzierten Dokumente. Er ist
wertvoller Beitrag, um die revolutionären Marxisten zu schulen und in die
Lage zu versetzen, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu
sein.
Die nachstehenden Bemerkungen gliedern sich in zwei Teile: 1) einige
Kritikpunkte zu Detailfragen, die sich als eine Art Ergänzung des Dokuments
verstehen; 2) einige Anmerkungen zumÖkosozialismus, ausgehend von einigen
Fragen, die im Bericht zwar angesprochen, aber nicht ausgeführt sind (und
die man natürlich nicht behandeln kann, ohne sehr ausführlich zu werden). Es
handelt sich also einfach um einen Beitrag zur Debatte
I. KRITISCHE ANMERKUNGEN
[1.] Es scheint mir, dass Formulierungen wie "2100" oder "Ende des
Jahrhunderts" [2] ersetzt werden sollten durch "in den nächsten
Jahrzehnten". Die jüngsten Vorhersagen der Wissenschaftler -- die vom IPCC,
der, worauf der Bericht hinweist, immer etwas zurück liegt, noch nicht
berücksichtigt sind-- erwarten große Katastrophen für die nächsten
Jahrzehnte, wenn man mit dem "business as usual" weitermacht. Das hat
offensichtliche politische Konsequenzen: Wer wird sich darüber beunruhigen,
was 2100 eintreten wird? Sicher, einige Philosophen -- wie Hans Jonas --
haben die Frage "unserer Verantwortung gegenüber den noch nicht geborenen
Generationen" betont, aber das interessiert kaum jemanden. Die Frage ist
doch vor allem, ob es um unsere Generation geht.
Das bezieht sich auch auf die Formulierung der "quasi totalen Aufgabe der
Nutzung fossiler Brennstoffe innerhalb eines Zeitraums von weniger als einem
Jahrhundert" zu, die durch "in den nächsten Jahrzehnten" ersetzt werden
sollte.
[2.] Die Einlagerung von Kohlendioxid: Der Bericht erwähnt den begrenzten
Charakter der Speichermöglichkeiten, aber er scheint sie als "akzeptable
Übergangsmaßnahme" zu sehen. [3] Ich denke, man sollte bei diesem Thema sehr
zurückhaltend sein. Das Verfahren ist alles andere als ausgereift, es gibt
nur wenige Versuchsanlagen, man hat nicht einmal wirkliche
Sicherheitsgarantien (Nachweis, dass das CO2 nicht erneut in die Atmosphäre
entweichen kann). Außerdem werden unter dem Vorwand einer "clean
carbon"-Zukunft Kohlekraftwerke weiter betrieben und sogar neue errichtet,
die nach James Hansen das Rezept für eine baldige Katastrophe sind. Ich
denke, man sollte hier dem Vorschlag von Hansen folgen: solange bis die
Technik wirklich ausgereift ist-- vielleicht zehn Jahre? -- müssen der Bau
von Kohlekraftwerken gestoppt und die bestehenden nach und nach außer
Betrieb genommen werden.
[3.] Die Bewegung gegen den Klimawandel soll von den Regierungen fordern,
"die vorsichtigsten Schlussfolgerungen des IPCC" [4] anzuerkennen. Diese
Formulierung ist zu vage; Was soll "vorsichtig" heißen? Man sollte besser
vom oberen Wert der IPCC-Vorschläge sprechen, also von 40 % bis 2020 und
85 % bis 2050. Man sollte die Formulierung vermeiden, die manchmal im
Bericht erscheint, "eine Reduzierung von 25 % bis 40 %" bis zum Jahre 2020.
Ein Aufruf von Umweltverbänden (Greenpeace u.a.) an Sarkozy spricht von
mindestens 40 % bis 2020. Man kann nicht weniger fordern! Persönlich denke
ich, dass 40 % zu wenig ist und man deutlich betonen sollte, dass es sich um
ein Minimum handelt, das eigentlich nicht ausreicht. Dasselbe gilt für 2050:
Man sollte nicht "Verringerung um 50 % bis 85 %" schreiben, sondern auf dem
oberen Wert bestehen: 85 %.
[4.] Der Fehler von Marx bestand dem Bericht zufolge darin, dass "er nicht
verstanden hat, dass der Übergang vom Holz zur Kohle die Aufgabe eines
erneuerbaren Energiestroms zugunsten einer erschöpflichen Energie
bedeutete". Vor allem habe ich einige Vorbehalte gegenüber dem Begriff
"erneuerbar" für Holz, das als Energiequelle genutzt wird, denn dies könnte
schnell zur Vernichtung der letzten Wälder führen! Was die fossilen Energien
betrifft, sind sie zweifellos "erschöpflich", aber dieses Argument scheint
mir überholt. Es gibt genug Kohle für 200 Jahre, aber lange vorher würde die
globale Erwärmung eine beispiellose Katastrophe auslösen. Der Fehler von
Marx und vor allem von Engels (vgl. den Anti-Dühring) war zu glauben, dass
die Revolution einfach "die Produktionsverhältnisse unterdrückt, die zu
Hindernissen (oder Ketten) geworden sind, die die freie Entwicklung der vom
Kapitalismus geschaffenen Produktivkräfte behindern", als wären letztere
einfach neutral.
Mir scheint, man könnte sich von den Beobachtungen inspirieren lassen, die
Marx bei der Pariser Kommune machte: Die Arbeiter können den alten
kapitalistischen Staatsapparat nicht einfach übernehmen und in ihren Dienst
stellen. Sie sind gezwungen, ihn zu "zerschlagen" und durch eine radikal
andere Form der politischen Macht zu ersetzen: demokratisch und
nichtstaatlich. Derselbe Gedanke gilt, /mutatis mutandis/, für den
Produktionsapparat, der alles andere als "neutral",sondern strukturell von
einer Entwicklung geprägt ist, die die Kapitalakkumulation und die
unbegrenzte Expansion der Märkte begünstigt und in die ökologische
Katastrophe führt.
[5.] Dem Bericht zufolge können die erforderlichen enormen Veränderungen
erst "nach dem Sieg der sozialistischen Revolution auf Weltebene" beginnen.
Mir scheint, dass man nach der Logik der permanenten Revolution mit den
erforderlichen Änderungen auch in nur einem oder wenigen Ländern beginnen
sollte, selbst wenn man weiß, dass man den Prozess nur auf globaler Ebene
vollenden kann.
[6.] Der Entwurf sagt zum Meeresspiegelanstieg: "Die große Mehrheit der
Hunderte Millionen vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Menschenlebt in China
(30 Millionen), Indien (30 Millionen), Bangladesh (15--20 Millionen)...".
Ich bezweifele gar nicht die Zahlen, aber mir drängt sich folgende Frage
auf: Wird der Meeresspiegel nicht auch in den Küstenstädten des Westens
steigen, konkret also Amsterdam, Venedig, Antwerpen, Kopenhagen, New York
usw.? Diese Frage hat politische Bedeutung::Es ist gut, bei den Bewohnern
der Länder des Nordens für die Solidarität mit den Opfern in Bangladesh
einzutreten, aber man sollte sie darauf hinweisen, dass sie selbst von den
gleichen Gefahren bedroht sind.
II. ZUM ÖKOSOZIALISMUS: EIN BEITRAG ZUR DEBATTE
Das ökosozialistische Projekt setzt die Einführung einer demokratischen
Wirtschaftsplanung voraus, die Rücksicht auf den Schutz der Umwelt nimmt und
insbesondere eine katastrophale Störung des Klimas verhindert. Dank einer
solchen Planung könnte man eine Energierevolution durchführen, in der die
aktuellen Ressourcen (vor allem fossile Energieträger), die für den
Klimawandel und die Umweltvergiftung verantwortlich sind, durch erneuerbare
Energiequellen ersetzt werden: Wasser, Wind, Sonne.
------------ KASTEN -----------------------------------------------
Michael Löwy, Philosoph und Soziologe brasilianischer Abstammung, ist
Mitglied der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA) in Frankreich und der
IV. Internationale. Er war Koautor (gemeinsam mit Joel Kovel) des
Internationalen Ökosozialistischen Manifests und einer der Organisatoren der
ersten Internationalen Ökosozialistischen Begegnung in Paris (2007). Er ist
Autor zahlreicher Bücher. In jüngster Zeit erschienen: Sociologies et
religion -- Approches dissidentes (mit Erwan Dianteill), PUF, Paris 2006;
Messagers de la tempête -- André Breton et la révolution de janvier 1946 en
Haïti (mit Gerald Bloncourt), Le Temps des Cerises, Paris 2007; Che Guevara,
une braise qui brûle encore (mit Olivier Besancenot), Mille et une nuits,
Paris 2007; Sociologies et religion -- Approches insolites (mit Erwan
Dianteill), PUF, Paris 2009.
Voraussetzung für eine solche demokratische und ökologische Planung ist die
öffentliche Kontrolle der Produktionsmittel: Die Entscheidungen der
öffentlichen Ordnung bezüglich Investitionen und technologischem Wandel
müssen den Banken und kapitalistischen Unternehmen entzogen werden, wenn man
will, dass sie dem Gemeinwohl der Gesellschaft und der Erhaltung der Umwelt
dienen. Die Gesellschaft als Ganzes wird frei sein, über die Bevorzugung von
Produktionslinien demokratisch zu entscheiden-- nach sozialen und
ökologischen Kriterien -- und über den Umfang der Ressourcen, die in
Alternativenergien, Bildung, Gesundheit oder Kultur investiert werden
sollen. Die Preise der Güter würden dann nicht mehr länger dem Gesetz von
Angebot und Nachfrage entsprechen, sondern soweit möglich nach sozialen,
politischen und ökologischen Kriterien bestimmt werden. Diese Planung wird
auch die Garantie der Vollbeschäftigung durch Verkürzung des Arbeitstags zu
ihren Zielen rechnen. Diese Forderung ist unverzichtbar, nicht nur um auf
die Anforderungen der sozialen Gerechtigkeit zu antworten, sondern auch um
sich der Unterstützung durch die Arbeiterklasse zu versichern, ohne die der
Prozess der ökologischen Strukturreform der Produktivkräfte nicht greifen
kann.
Demokratische Planung ist alles andere als "despotisch", sie ist die
Ausübung der Entscheidungsfreiheit der ganzen Gesellschaft. Die Ausübung ist
notwendig, um sich von den "ökonomischen Gesetzen" und denentfremdenden und
verdinglichten "eisernen Fesseln"der kapitalistischen und bürokratischen
Strukturen zu befreien. Demokratische Planung in Verbindung mit einer
Verkürzung der Arbeitszeit wird der Menschheit einen beträchtlichen
Fortschritt hin zu dem bringen, was Marx "das Reich der Freiheit" nannte:
Die Ausweitung der freien Zeit ist tatsächlich eine Vorbedingung für die
Beteiligung der Arbeiter an den demokratischen Diskussion und der Leitung
der Wirtschaft wie der Gesellschaft.
Das von den Ökosozialisten angestrebte System der demokratischen Planung
betrifft die wichtigsten ökonomischen Entscheidungen -- insbesondere dort,
wo es um die globale Erwärmung geht -- aber nicht die Verwaltung von kleinen
Restaurants, Kaufläden, Bäckereien, kleinen Kaufhäusern, Handwerksbetrieben
oder Dienstleistern. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass Planung
kein Widerspruch zur Selbstverwaltung der Arbeiter in ihren
Produktionseinheiten ist. Während die Entscheidung zur Umstellung,
beispielsweise einer Autofabrik zu einer Produktionsstätte für Generatoren
von Windkraftanlagen, der Gesellschaft als Ganzer zufällt, würden
Organisation und internes Funktionieren demokratisch von den Arbeitern
selbst gesteuert.
Es ist lange über den Charakter dieser Planung debattiert worden, ob
"zentral" oder "dezentral", aber es bleibt wichtig, dass es auf allen Ebenen
demokratische Kontrolle gibt: lokal, regional, national, kontinental und,
wie wir hoffen, global, denn die Fragen der Ökologie und des Klimawandels
sind global und können nur auf dieser Ebene behandelt werde. Diesen
Vorschlag könnte man "globale demokratische Planung" nennen. Sie hat nichts
zu tun mit dem, was im Allgemeinen "Zentralplanwirtschaft" genannt wird,
denn die ökonomischen und sozialen Entscheidungen werden nicht von
irgendeinem "Zentrum" getroffen, sondern demokratisch von den betroffenen
Menschen.
Ökosozialistische Planung muss sich auf pluralistische und demokratische
Debatte auf allen Entscheidungsebenen stützen. Organisiert als Parteien,
Plattformen oder irgendwelche anderen politischen Bewegungen werden die
Delegierten der Planungskommissionen gewählt und die verschiedenen
Vorschläge allen vorgestellt, die es betrifft. Anders gesagt muss die
repräsentative Demokratie bereichert -- und verbessert -- werden durch die
direkte Demokratie, die es den Menschen erlaubt, direkt zwischen
verschiedenen Vorschlägen zu entscheiden -- auf lokaler, nationaler und
zuletzt internationaler Ebene. Die Gesamtheit der Bevölkerung würde dann
selbst entscheiden über Fragen wie kostenlosen öffentlichen Verkehr, eine
Sondersteuer für Autobesitzer zur Subventionierung des öffentlichen
Verkehrs, die Subventionierung der Sonnenenergie, die Verringerung der
Wochenarbeitszeit auf 30, 25 Stunden, selbst wenn dies einen
Produktionsrückgang bedeuten würde. Der demokratische Charakter der Planung
schließt nicht aus, dass Experten beteiligt werden, doch ist ihre Rolle
nicht zu entscheiden, sondern sie sollen im Zuge des demokratischen
Entscheidungsprozesses ihre -- häufig abweichenden oder sogar ablehnenden --
Argumente vortragen .
Dabei stellt sich eine Frage: Welche Garantie gibt es, dass die Leute die
richtigen Entscheidungen treffen, jene, die die Umwelt schützen, selbst wenn
der Preis dafür ist, dass sie einen Teil ihrer Konsumgewohnheiten ändern
müssen? Eine solche "Garantie" gibt es nicht, nur die vernünftige
Perspektive, dass die Rationalität der demokratischen Entscheidungen einmal
über den Fetischismus der Konsumgüter siegen wird. Es ist sicher, dass die
Menschen Fehler machen und die falschen Entscheidungen treffen werden, aber
haben die Experten nicht selbst schon Fehler gemacht? Es ist unmöglich, sich
den Aufbau einer neuen Gesellschaft vorzustellen, ohne dass die Mehrheit der
Menschen durch Kämpfe, durch Selbststudium und soziale Erfahrungen ein hohes
Niveau an sozialistischem und ökologischem Bewusstsein erworben hätte.
Einige Ökologen meinen, dass die einzige Alternative zum Produktivismus der
Stopp des gesamten Wachstums oder sogar seine Ersetzung durch ein negatives
Wachstum wäre -- was in Frankreich "Wachstumsrücknahme (/décroissance/)"
genannt wird. Dafür müsste man das überhöhte Verbrauchsniveau der
Bevölkerung drastisch senken, zum Beispiel durch Verzicht auf
Einfamilienhäuser, Zentralheizung und Waschmaschinen, um den
Energieverbrauch zu halbieren.
Die "Wachstumsrücknehmer" haben das Verdienst, eine radikale Kritik an
Produktivismus und Konsumtionismus formuliert zu haben. Aber das Konzept der
"Wachstumsrücknahme" unterliegt einer rein quantitativen Vorstellung von
"Wachstum" und Produktivkraftentwicklung. Man muss vor allem über eine
qualitative Veränderung der Entwicklung nachdenken. Es handelt sich um zwei
verschiedene, aber sich ergänzende Herangehensweisen.
- Nicht nur die Verringerung, sondern die Abschaffung ganzer
Wirtschaftszweige, um der gewaltigen Ressourcenverschwendung zu begegnen,
die der Kapitalismus hervorruft -- ein System, das sich auf die Produktion
unnützer und/oder gefährlicher Produkte in großem Maßstab stützt. Die
Waffenindustrie ist ein gutes Beispiel, da doch ihre im kapitalistischen
System gefertigten "Produkte" keinen anderen Nutzen haben, als Gewinne für
die Großunternehmen zu erzeugen. Die Frage ist nicht der "übermäßige Konsum"
ganz allgemein, sondern vor allem die Art des vorherrschenden Konsums, der
geprägt ist von zur Schau gestelltem Besitz, massiver Verschwendung,
wahnsinniger Anhäufung von Gütern und dem von der "Mode" diktierten Erwerb
irgendwelcher Pseudo-Neuheiten. Eine neue Gesellschaft würde die Produktion
auf die Befriedigung authentischer Bedürfnisse orientieren, angefangen mit
denen, die man als "biblisch" bezeichnen könnte -- Wasser, Nahrung,
Bekleidung und Unterkunft --, aber auch einschließlich wichtiger
Dienstleistungen: Gesundheit, Bildung, Kultur und Verkehr. Man könnte also
von einer "selektiven Wachstumsrücknahme" sprechen.
- Andererseits muss das "selektive Wachstum" einiger vom Kapitalismus
vernachlässigter Produktionszweige oder Dienstleistungen sichergestellt
werden: Sonnenenergie, biologische Landwirtschaft (Familienbetriebe oder
Kooperativen), öffentlicher Verkehr usw.
Es ist offensichtlich, dass die Länder, in denen die Grundbedürfnisse weit
von ihrer Befriedigung entfernt sind, also die Länder der südlichen
Hemisphäre, sich deutlich stärker "entwickeln" müssen -- Eisenbahnen,
Krankenhäuser, Abwasserkanäle und andere Infrastruktur errichten -- als die
Industrieländer, aber dies muss mit einem Produktionssystem kompatibel sein,
das auf erneuerbare Energien gestützt ist und daher die Umwelt nicht
verschmutzt. Diese Länder werden große Mengen Lebensmittel zur Ernährung
ihrer Bevölkerungen erzeugen müssen, die immer noch unter Hungersnöten
leiden. Aber die Bauernbewegung, die sich international im Netzwerk Via
Campesina organisiert, behauptet seit Jahren, dass dieses Ziel leichter auf
dem Weg einer bäuerlichen biologischen Landwirtschaft von Familienbetrieben,
Kooperativen oder Kollektiven zu erreichen ist, als mit den destruktiven und
antisozialen Methoden des Agrobusiness, zu dessen Prinzipien der intensive
Einsatz von Pestiziden, chemischen Substanzen undgentechnisch veränderten
Organismen gehört. Das derzeitige abscheuliche System der Verschuldung und
der imperialistischen Ausbeutung der Ressourcen des Südens durch die
kapitalistischen und industrialisierten Länder würde einer Anstrengung zur
technischen und ökonomischen Unterstützung des Südens durch den Norden
weichen.
Es gibt keine Notwendigkeit -- wie es einige asketische und puritanische
Ökologen zu glauben scheinen -- den Lebensstandard der europäischen oder
nordamerikanischen Bevölkerung, in absoluten Zahlen, zu reduzieren. Es würde
schon reichen, wenn diese Bevölkerungen unnütze Produkte aufgeben würden,
die kein reales Bedürfnis befriedigen und deren obsessiver Konsum vom
kapitalistischen System unterstützt wird. Durch Verringerung ihres
Verbrauchs definieren sie den Begriff des Lebensstandards neu und schaffen
Platz für einen neuen Lebensstil, der in Wirklichkeit viel reicher ist.
Wie soll man die authentischen Bedürfnisse von künstlichen, falschen oder
fingierten Bedürfnissen unterscheiden? Die Werbewirtschaft-- die ihren
Einfluss auf die Bedürfnisse durch geistige Manipulation ausübt -- hat alle
Sphären des menschlichen Lebens der modernen kapitalistischen Gesellschaften
durchdrungen. Alles ist nach ihren Regeln gestaltet, nicht nur Ernährung und
Bekleidung, sondern auch diverse andere Gebiete wie Sport, Kultur, Religion
und Politik. Die Werbung hat unsere Straßen, unsere Briefkästen, unsere
Fernsehschirme, unsere Zeitungen und unsere Landschaften auf hinterhältige,
dauerhafte und aggressive Weise überschwemmt. Dieser Sektor trägt direkt zu
angeberischen und zwanghaften Konsumgewohnheiten bei. Mehr noch facht er die
gigantische Verschwendung von Erdöl, Elektrizität, Arbeitszeit, Papier und
Chemikalien wie auch anderen Grundstoffen an -- alles bezahlt von den
Verbrauchern. Es handelt sich um einen Zweig der "Produktion", der nicht nur
völlig unnütz vom Standpunkt der Menschen aus ist, sondern direkt im
Widerspruch zu den realen sozialen Bedürfnissen steht. Während die Werbung
eine unverzichtbare Rolle in der kapitalistischen Marktwirtschaft spielt,
wird sie in einer Übergangsgesellschaft zum Sozialismus keinen Platz haben.
Sie wird durch von Verbraucherorganisationen bereitgestellte Informationen
über Produkte und Dienstleistungen ersetzt werden Das Kriterium zur
Unterscheidung authentischer von künstlichen Bedürfnissen wird sein, ob es
sie nach Abschaffung der Werbung noch gibt. Es ist klar, dass die alten
Konsumgewohnheiten noch eine Zeit lang bestehen bleiben werden, da niemand
das Recht hat, anderen Menschen zu sagen, was ihre Bedürfnisse sind. Der
Wechsel der Konsumtionsmodelle ist ein langfristiger Prozess und eine
erzieherische Aufgabe.
Bestimmte Produkte wie individuelle Automobile werfen komplexere Probleme
auf. Individuelle Autos sind ein öffentliches Ärgernis. Weltweit töten und
verstümmeln sie jedes Jahr Hunderttausende Menschen. Sie verpesten die Luft
der Großstädte -- mit verhängnisvollen Konsequenzen für die Gesundheit von
Kindern und älteren Menschen -- und tragen beträchtlich zum Klimawandel bei.
Andererseits befriedigt das Fahrzeug reale Bedürfnisse unter den aktuellen
Bedingungen des Kapitalismus. Im Übergangsprozess zum Ökosozialismus wird
der öffentliche Verkehr ausgeweitet und kostenlos sein -- auf oder unter der
Erde --, während die Straßen den Fußgängern und Radfahrern vorbehalten sind.
Im Ergebnis wird das individuelle Auto eine weit geringere Rolle als in der
bürgerlichen Gesellschaft spielen, wo es zu einem von einer bohrenden und
aggressiven Werbung geförderten Fetischprodukt geworden ist.. In diesem
Übergang zu einer neuen Gesellschaft wird es einfacher sein, den
Straßentransport von Waren -- verantwortlich für tragische Unfälle und eine
viel zu hohe Verschmutzung-- drastisch zu reduzieren und durch Schienenoder
kombinierten Straßen/Schienenverkehr zu ersetzen: Allein die absurde
Logik des kapitalistischen "Wettbewerbs" erklärt die Entwicklung des
Lastwagenverkehrs.
Auf diese Vorschläge würden die Pessimisten antworten: Ja, aber die
Individuen werden von unendlichen Wünschen und Begierden gesteuert, die
kontrolliert, analysiert, zurückgedrängt und notfalls unterdrückt werden
müssen. Die Demokratie könnte also gewissen Restriktionen unterworfen
werden. Der Ökosozialismus stützt sich aber auf die vernünftige Hypothese,
die schon von Marx unterstützt wurde: Der Vorrang des "Seins" vor dem
"Haben" in einer Gesellschaft ohne soziale Klassen und ohne kapitalistische
Entfremdung; anders gesagt der Vorrang der freien Zeit vor dem Wunsch,
zahllose Objekte zu besitzen: die persönliche Verwirklichung durch wirkliche
Aktivitäten auf den Gebieten Kultur, Sport, Spiel, Wissenschaft, Erotik,
Kunst und Politik. Der Warenfetischismus feuert den zwanghaften Kauf durch
Ideologie und die dem kapitalistischen System eigene Werbung an. Nichts
belegt, dass dies etwas mit der "ewigen Natur des Menschen" zu tun hätte.
Dies bedeutet, vor allem in der Übergangsperiode, nicht, dass die Konflikte
verschwinden würden: zwischen dem Bedürfnis nach Schutz der Umwelt und
gesellschaftlichen Bedürfnissen, zwischen ökologischen Verpflichtungen und
der Notwendigkeit zum Ausbau der grundlegenden Infrastruktur, vor allem in
den armen Ländern, und zwischen den Verbrauchsgewohnheiten der Bevölkerung
und dem Mangel an Ressourcen. Eine Gesellschaft ohne soziale Klassen ist
keine Gesellschaft ohne Widersprüche oder Konflikte. Letztere sind
unvermeidlich: Aufgabe der demokratischen Planung in einer von den Zwängen
von Kapital und Profit befreiten ökosozialistischen Perspektive wird sein,
diese aufzulösen, indem die Gesellschaft selbst in offenen und
pluralistischen Diskussionen die Entscheidungen trifft. Eine solche
gemeinschaftliche und partizipative Demokratie ist das einzige Mittel, nicht
zu vermeiden, Fehler zu machen, aber sie von der sozialen Gemeinschaft
selbst korrigieren zu lassen.
Übers.: Björn Mertens
Aus: Inprekorr Nr. 456/457 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum
E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein halbes Jahr für 10 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
Weitere Artikel zum Thema:
Daniel Tanuro: Bericht über den Klimawandel an das IK der Vierten
Internationale, Teil II, Inprekorr Nr. 454/455 (September/Oktober 2009)
Daniel Tanuro: Bericht über den Klimawandel an das IK der Vierten
Internationale, Teil I, Inprekorr Nr. 452/453 (Juli/August 2009)
Daniel Tanuro: Bali schon vergessen?, Inprekorr Nr. 448/449 (März/April
2009)
II. Internationales Manifest: Die ökosozialistische Erklärung von Belém,
Inprekorr Nr. 448/449 (März/April 2009)
Beatrice Whitaker: Internationale ökosozialistische Koordination, Inprekorr
Nr. 448/449 (März/April 2009)
Michael Löwy: Es gibt nur einen Weg: Widerstand, Inprekorr Nr. 444/445
(November/Dezember 2008)
Foad Rad: Wir brauchen eine Klimarevolution, Inprekorr Nr. 444/445
(November/Dezember 2008)
Daniel Tanuro: Von Bali nach Kopenhagen -- zwei entscheidende Jahre für das
Klima, Inprekorr Nr. 440/441 (Juli/August 2008)
Resolution des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zum
Klimawandel, Inprekorr Nr. 438/439 (Mai/Juni 2008)
Internationales Ökosozialistisches Netzwerk gegründet, Inprekorr Nr. 434/435
(Januar/Februar 2008)
Michael Löwy: Internationales ökosozialistisches Manifest, Inprekorr Nr.
434/435 (Januar/Februar 2008)
Daniel Tanuro: Klimaschutz und Antikapitalismus, Inprekorr Nr. 428/429
(Juli/August 2007)
Daniel Tanuro: Nach Kyoto: Droht die neoliberale Klimaoffensive?, Inprekorr
Nr. 428/429 (Juli/August 2007)
[1] /Inprekorr/ Nr. 452/453[http://inprekorr.de/ipk452.htm] und
454/455[http://inprekorr.de/ipk454.htm] (Juli/August und September/Oktober
2009).
[2] Siehe die Absätze im Text; "Dem IPCC zufolge würde das Beibehalten der
jetzigen Emissionstrends von heute bis zum Jahr 2100 zu einem Anstieg der
durchschnittlichen Oberflächentemperatur zwischen 1.1 und 6.4°C gegenüber
1990 führen. Die Streubreite der Schätzungen erklärt sich aus der doppelten
Unsicherheit die einerseits aus den Klimamodellen und andererseits aus den
Szenarien der menschlichen Entwicklung herrührt." (a.a.O., S. 26) "Die
Stabilisierung des Klimas auf einem mit dem Vorsorgeprinzip vereinbaren
Niveau macht es nötig, dass die globalen Emissionen spätestens ab 2015
sinken und bis 2050 um 50 % bis 85 % reduziert werden, und um noch mehr bis
zum Ende des Jahrhunderts." (a.a.O., S. 39)
[3] "Angesichts der Dringlichkeit und aus sozialen Gründen kann das
Abscheiden von CO2 und seine Lagerung eine akzeptable Maßnahme für einen
Übergang sein, im Rahmen einer Strategie einer raschen Aufgabe des Einsatzes
von fossilen Brennstoffen: Sie könnte es insbesondere ermöglichen, die
Umsetzung von Bergleuten zu planen. Doch im Augenblick wird nicht so
verfahren. Im Gegenteil, handelt es sich um einen neuen kapitalistischen
Versuch, physischen Grenzen zu verschieben, ohne dass man sich um die
Konsequenzen scherte. Die Regierungen sprechen von "sauberer Kohle", doch
dies stellt einen Mythos dar, wenn wir die großen Schwierigkeiten der
Förderung, die Verschmutzung, die Gesundheitsschäden und die ökologischen
Folgen des Kohleabbaus betrachten." (a.a.O., S. 33)
[4] "Das Ziel dieser Bewegung ist es nicht, ausgefeilte Plattformen zu
erarbeiten, sondern die Regierungen zum Handeln zu zwingen, und zwar
wenigstens in Übereinstimmung mit den vorsichtigsten Schlussfolgerungen, wie
sie sich aus den IPCC-Berichten ergeben, sodann die Anerkennung des Prinzips
der "gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung" sowie der sozialen und
demokratischen Rechte und des Rechts aller Erdenbürger auf eine menschliche
Existenz, die diesen Namen verdient. Wir verteidigen dieses Ziel gegen
Strömungen, die die Ziele der Emissionsminderung im Namen eines Realismus
heruntersetzen möchten, aber auch gegen jene, die sie als ungenügend
hinstellen (letztere versuchen wir zu überzeugen, dass das "Minimum" die
Anerkennung der "vorsichtigsten Schlussfolgerungen" des IPCC sein muss)."
(a.a.O., S. 34-35)
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