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Aus CONTRASTE Nr. 329 (Februar 2012, Seite 1)
STUTTGART 21: EINGEBETTETE JOURNALISTiNNEN
Pure Machtdemonstrationen
In den frühen Morgenstunden des 14. Januar räumten etwa 1.900 Polizisten
die Blockade am Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Die Polizeiaktion
sollte deeskalierend wirken. Doch äußerst zweifelhaft war die Rolle der
»eingebetteten« JournalistInnen.
Von Peter Streiff, Redaktion Stuttgart # Hätten die so genannten
Ordnungshüter mit möglichst wenig Aufwand die Baustelle am Südflügel
absichern wollen, dann wäre das einige Nächte vorher einfach möglich
gewesen. Doch die Absichten waren eindeutig: Die Deutsche Bahn wollte
Fakten schaffen und die Baustelle vorantreiben. Und die Polizei wollte in
den Medien als besonnen und deeskalierend wahrgenommen werden, im Gegensatz
zum »schwarzen Donnerstag« vor gut einem Jahr.
So deutete alles auf den Freitag, den 13. Januar hin. Mehrere hunderte
BesetzerInnen waren vor Ort im »Café am Solarbahnhof«, die Musikkapelle
»Lokomotive Stuttgart« sorgte für gute Stimmung. Doch das zahlenmäßig
riesige Aufgebot von 1.900 PolizistInnen machte den BesetzerInnen schnell
klar, dass sie wohl nur verzögern konnten.
Nach der Volksabstimmung vom vergangenen November gab die grüne Partei
ihren Widerstand gegen das Milliarden-Projekt Stuttgart21 fast vollständig
auf. Die Worthülse von »konstruktiv kritisch begleiten« mutierte alsbald in
betretenes Schweigen und Inaktivität der Landesregierung. Die
Wahlversprechen, für Kostentransparenz seitens der Deutschen Bahn zu sorgen
– geschenkt, die rechtlich umstrittene Mischfinanzierung überprüfen zu
lassen – Fehlanzeige, ja: keiner der ehemals lauten grünen Politiker fand
sich bereit, dem »womöglich größten technischwissenschaftlichen Betrugsfall
der deutschen Geschichte« nachzugehen, obwohl die Fakten zur Kritik am
Stresstest der DB auf dem Tisch liegen (vgl. auch Seite 6).
Zurück zur Besetzung und deren angekündigten Räumung: Sowohl
Landesregierung als auch die örtliche Presse nahmen es hin, dass die
Polizei nur sechs Journalisten »erlauben« wollte, beim absehbaren »harten
Kampf um den Südflügel« ganz vorn dabei zu sein. Nur »embedded«, also
eingebettete und ausgesuchte JournalistInnen wollte der
Afghanistan-erfahrene Polizeichef Züfle zulassen. Reine Willkür also. Die
Gewerkschaft dju und auch die freien Reporter des Fernsehkanals Cams21
protestierten zwar umgehend, es half jedoch nichts: Die Stuttgarter
Stadtverwaltung erließ ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für den
Mittleren Schlossgarten und die Polizei selbst installierte »rund ein
Dutzend« Überwachungskameras am Hauptbahnhof.
Dennoch konnten Cams21-Reporter die Besetzung fast durchgehend
dokumentieren. »Eingebettet« nahmen hingegen die RedakteurInnen der
Stuttgarter Zeitung etwas zu wörtlich, denn sie betätigten sich als wahre
HellseherInnen. Unter großem Gelächter erfuhren die BesetzerInnen aus der
druckfrischen Zeitungsausgabe um kurz vor Mitternacht, dass die Räumung
friedlich abgelaufen sei, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht
begonnen hatte. Dank Bildern von Cams21 berichtete auch das
NDR-Satire-Magazin »Zapp« über
diese äußerst peinliche, aber für Kopfbahnhof-FreundInnen nicht
unerwartete Panne der Stuttgarter Zeitung.
Noch ein aktueller Nachtrag: Am Sonntag, den 22. Januar folgte die nächste
Machtdemonstration, obwohl die rechtliche Lage nicht endgültig geklärt ist:
Die Polizei löste eine unbewilligte Demonstration am Wagenburgtunnel auf,
die sich einer drohenden Baumfällung in den Weg stellte. Doch kurz nach
Mitternacht bei Sturm und Regen heulten in Stuttgart unter Polizeischutz
die Motorsägen! – live verfolgt auf cams21.de von teilweise mehr als 1.000
ZuschauerInnen.
- Infos
- www.parkschuetzer.de
www.cams21.de
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