|
Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009, Seite 11/12)
UNABHÄNGIGE ARBEITNEHMERiNNENVERTRETUNGEN IN DER PERSÖNLICHEN ASSISTENZ
Arbeitskämpfe in »Selbstbestimmt Leben«-Projekten
Ende November 2008 fand in Berlin ein bundesweites Treffen von
ArbeitnehmerInnen-Vertretungen in der persönlichen Assistenz statt. Es
wurde eine berufspolitische Initiative (die UAPA) gegründet und in einer
Resolution u.a. bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne gefordert.
Elisabeth Voß, Berlin # Der Berliner Verein »ambulante dienste e.V.«
entstand 1981 aus der »Selbstbestimmt Leben«-Bewegung. Er »will jungen und
alten Menschen, die infolge Behinderung das Handicap tragen bei den
gewöhnlich und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des
täglichen Lebens fremder Hilfe zu bedürfen, ein selbstbestimmtes und
selbstverantwortliches Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Zur
Durchsetzung dieser Ziele sieht der Verein die Notwendigkeit einer
praktischen Solidarität mit anderen sozial benachteiligten Gruppen.«
(Satzung).
Damals mussten Menschen mit Behinderungen oft erbittert darum kämpfen, in
einer eigenen Wohnung zu leben und nicht in einer Betreuungseinrichtung
untergebracht zu werden. Auch heute ist unsere Gesellschaft noch weit davon
entfernt, ihnen ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu ermöglichen.
Aber immerhin gibt es seit dem 1. Januar 2008 das Recht auf ein
»Persönliches Budget«. Das heißt Menschen mit Behinderungen können selbst
entscheiden, wie und durch wen sie die Unterstützung, die sie zur
Alltagsbewältigung benötigen, in Anspruch nehmen möchten. Sie können diese
Assistenz von Fachfirmen einkaufen, oder selbst AssistentInnen anstellen.
Aber die Mittel, die sie dafür von den Kostenträgern (Staat, Kranken- und
Pflegekassen) erhalten, sind oft viel zu gering.
Für CONTRASTE habe ich in Berlin mit den BetriebsrätInnen des ambulante
dienste e.V., Johanna, Carsten und Micha gesprochen.
CONTRASTE: Wie sind bei Euch die Arbeitsverhältnisse geregelt?
BetriebsrätInnen: Der Verein ambulante dienste e.V. hat einen
Zweckbetrieb, bei dem AssistentInnen sowie OrganisationsmitarbeiterInnen
angestellt sind. Die Beschäftigtengruppen arbeiten mit unterschiedlichen
Arbeitsverträgen. Bei den AssistentInnen gibt es voll
sozialversicherungspflichtige, studentische und geringfügige
Beschäftigungsverhältnisse. Problematisch ist, dass in den schriftlichen
Arbeitsverträgen der AssistentInnen keine Stundenzahl festgelegt ist und
nach Interpretation der Leitung diese Arbeitsverträge nur in Bezug auf
konkrete AssistenznehmerInnen gelten, was zur Folge hat, dass
AssistentInnen häufig betriebsbedingte Änderungskündigungen erhalten.
Neuerdings wird zudem bei Neueinstellungen nur noch mit befristeten
Arbeitsverträgen gearbeitet.
CONTRASTE: Wie viele AssistentInnen arbeiten bei Euch? Gibt es noch
irgendwelche
Formen von Selbstverwaltung?
BetriebsrätInnen: Wir haben knapp 600 Beschäftigte bei ambulante dienste
e.V., ein Großteil davon arbeitet als AssistentIn und in Teilzeit.
ambulante dienste e.V. ist kein selbstverwalteter Betrieb mehr. Spätestens
seit Anfang der 90er Jahre setzte eine zunehmende Institutionalisierung und
Bürokratisierung ein, mit der eine betriebliche Hierarchisierung
einherging, die Ausdruck sowohl in einer zunehmenden Lohndifferenzierung
als auch in einer immer stärker weisungsgebundenen Tätigkeit der
AssistentInnen fand. Strukturelle Veränderungen
waren u.a. die Einsetzung einer Geschäftsführung durch den Vorstand und
die Einführung einer mittleren Leitungsebene (Pflege, Verwaltung,
Einsatzbegleitung).
CONTRASTE: Seit wann gibt es einen Betriebsrat bei Euch?
BetriebsrätInnen: Seit Ende 2005 gibt es einen Betriebsrat bei ambulante
dienste e.V.
CONTRASTE: Warum?
BetriebsrätInnen: Bereits davor gab es eine AssistentInnenvertretung (und
später auch eine Interessensvertretung der OrganisationsmitarbeiterInnen),
die sich für die Rechte und die Belange der Beschäftigten eingesetzt hat.
AssistentInnenvertretungen sind oftmals bei den Assistenzanbietern
entstanden, wo die ideellen Grundsätze der »Selbstbestimmt Leben«-Bewegung
noch wirkungsmächtig waren. Sie bildeten auf Beschäftigtenseite das Pendant
zur Interessensvertretung der AssistenznehmerInnen. Zum Teil waren Form und
Inhalt auch in den jeweiligen Vereinssatzungen verankert und unterlagen
insofern auch dem Vereinsrecht. Mit der Zunahme der Interessensgegensätze –
vor dem Hintergrund von Kürzungen im sozialen Bereich, der bereits
beschriebenen Institutionalisierung der Träger und der Abwertung der
AssistentInnentätigkeit – wurde dieses Konstrukt zusehends brüchiger.
In diesem Mischmasch aus formalen Anforderungen und zunehmender
Weisungsgebundenheit einerseits, informeller und moralischer Vereinnahmung
andererseits, war es eigentlich nur folgerichtig, sich dementsprechend
rechtlich und formal zu bewaffnen. Eine der ersten Reaktionen der Leitung
auf die Gründung
eines Betriebsrats war auch, zu behaupten, ambulante dienste e.V. sei
aufgrund seiner sozialen Ausrichtung ein Tendenzbetrieb, die beschäftigten
AssistentInnen
TendenzträgerInnen. Was letztlich der Versuch war, die
Mitbestimmungsrechte des Betriebrats gleich wieder beschneiden zu wollen.
CONTRASTE: Und was gibt es für Konfliktfelder?
BetriebsrätInnen: Es geht vor allem um unsere Arbeitsbedingungen, um den
Lohn und darum, dass die Geschäftsführung die Probleme des Betriebs auf die
Beschäftigten abwälzt. Wenn es weniger Geld gibt von den Kostenträgern,
versucht sie einfach bei uns zu sparen.
So erhielten im Sommer 2007 alle Beschäftigten eine betriebsbedingte
Änderungskündigung, mit dem Ziel, einen Urlaubstag zu streichen und die
Sonn- und Feiertagszuschläge abzusenken. Diese Maßnahme hätte vor allem die
AssistentInnen betroffen, da diese regelmäßig am Wochenende arbeiten.
Nachdem 60
Beschäftigte eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht eingereicht
hatten und sich nach dem ersten Gütetermin am Arbeitsgericht abzeichnete,
dass die Änderungskündigungen seitens der RichterInnen am Arbeitsgericht
als sozial nicht gerechtfertigt beurteilt würden, hat die Leitung diese
Maßnahme zurückgenommen.
Daraufhin beschloss die Geschäftsführung für Anfang 2008 eine Absenkung
der Löhne für neu eingestellte AssistentInnen um knapp 20% auf nur noch
8,60 Euro pro Stunde (StudentInnen 7,60 Euro). Gegen diese Maßnahme hat es
eine ganz Reihe von Aktivitäten der Beschäftigten gegeben, eine
Aktionsgruppe wurde initiiert, die Geschäftsstelle besetzt, seitens des
Betriebrats ein arbeitsgerichtliches Verfahren eingeleitet, da unserer
Ansicht nach diese Maßnahme eine einseitige Änderung eines bestehendes
Entgeltsystems darstellte, die mitbestimmungspflichtig gewesen wäre.
Bezüglich unserer Forderung nach Verhandlungen mit den Kostenträgern, um
die Einnahmeseite zu verbessern, wurden wir mit den kommenden
Vergütungsverhandlungen 2010 vertröstet.
Eine geringfügige Verbesserung der Entlohnung für Neuangestellte hat das
laufende arbeitsgerichtliche Verfahren zum Jahresende 2008 gebracht. Die
Leitung
sah sich aufgrund der Bewertung des Arbeitsgerichts gezwungen, die
abgesenkten Entgelte bei Neueinstellungen zu vereinheitlichen und
geringfügig anzuheben.
Wir befürchten, dass die Absenkung der AssistentInnenlöhne »nur« der
monetäre Ausdruck einer allgemeinen inhaltlichen Abwertung unserer
Tätigkeit ist. Begründet wird sie u.a. damit, dass Assistenz eine
ungelernte Tätigkeit sei. Die Erarbeitung eines qualifizierten Berufsbildes
wird abgelehnt.
CONTRASTE: Warum hat die Geschäftsführung kein Interesse daran, den
Assistenzberuf aufzuwerten?
BetriebsrätInnen: Dahinter stehen zum Teil ideologische Vorbehalte. Es
gibt aus den Selbstbestimmungs-Diskussionen der 80er Jahre die Befürchtung,
dass qualifiziertes Personal die AssistenznehmerInnen eher medizinisch
und/oder sozialpädagogisch bevormunden könnte. Die Angst, professionelle
AssistentInnen könnten eher übergriffig werden und sich über die Wünsche
der AssistenznehmerInnen und deren in der Satzung verankerte
Anleitungskompetenz hinweg setzen. Darum wird die Idee der LaienhelferInnen
hoch gehalten.
Gleichzeitig gibt es auch die Tendenz bei den Anbietern von persönlicher
Assistenz, vor dem Hintergrund bestimmter Leistungs- und
Qualitätsanforderungen deutlicher kenntlich machen zu wollen, dass die
AssistentInnen auf Anleitung und Weisung der Pflegefachkräfte und
SozialarbeiterInnen arbeiten. Warum in diesem Zusammenhang die berufliche
Aufwertung der AssistentInnentätigkeit aber ein Hindernis sein soll,
erschließt sich uns nicht so ganz.
CONTRASTE: Aber ist denn nicht gerade Distanz ein Kennzeichen von
Professionalität?
BetriebsrätInnen: Eigentlich schon. Es gibt aber allgemein eine geringe
Wertschätzung unserer Arbeit. Es gibt ja keine formalen Anforderungen an
den Assistenzberuf. Und von verschiedenen Seiten kommen immer wieder
abwertende Äußerungen, wir würden ja nur den Haushalt machen und den Arsch
abwischen. Es wird nicht gesehen, dass wir gleichzeitig psychologische
Betreuung und Sozialarbeit leisten, manchmal auch Familienhilfe oder
Sterbebegleitung.
Diese Abwertung unserer Tätigkeit findet auch in den durchgeführten
Änderungen in der Stellenbeschreibung der AssistentInnentätigkeit Ausdruck.
Wo es zum Beispiel früher um selbstbestimmte Zusammenarbeit im Team mit den
AssistenznehmerInnen, den zuständigen Pflegefachkräften,
SozialarbeiterInnen und Angehörigen ging, sollen wir heute vornehmlich auf
Anweisung arbeiten.
Unsere Arbeit wird abgewertet, und wir können kaum davon leben. Es gibt
beispielsweise keine Nachtzuschläge, die Arbeit ist anstrengend, vor allem
für die älteren KollegInnen, und in Vollzeit kaum durchzuhalten.
CONTRASTE: Habt Ihr nicht die Möglichkeit, über den Verein Einfluss zu
nehmen auf die Unternehmensgestaltung?
BetriebsrätInnen: Ein aktives Vereinsleben existiert eigentlich nicht
mehr, ein Austausch und eine offene Diskussion der verschiedenen
Interessensgruppen findet im Rahmen des Vereins nicht mehr statt.
Die Ideale der 80er Jahre sind heute mehr oder weniger zu einer Ideologie
geworden, die kaum noch durch eine politische Praxis unterfüttert ist. Der
Begriff der Selbstbestimmung ist zusehends zu einem individuellen Thema
geworden. Den AssistenznehmerInnen geht es vornehmlich darum, individuell
tun und lassen zu können was sie möchten, was ja durchaus legitim ist. Das
eröffnet aber keine politische Perspektive mehr.
Der betriebliche Alltag hat sich weitgehend darauf reduziert, persönliche
Dienstleistungen zu vermitteln und zu verwalten. Viele Beschäftigte machen
halt ihren Job. Während viele AssistentInnen immer noch denken, die Arbeit
bei ambulante dienste e.V. sei nur ein Durchgangsstadium, irgendwann komme
der bessere Job außerhalb, haben viele Verwaltungsangestellte sich in ihrem
Job eingerichtet. Das Interesse und die Bereitschaft, einzugreifen und auf
betrieblicher Ebene etwas zu ändern, ist leider nicht allzu verbreitet.
CONTRASTE: Welche Rolle spielen die AssistenznehmerInnen in den
Auseinandersetzungen um die Arbeitsbedingungen der AssistentInnen?
BetriebsrätInnen: Die AssistenznehmerInnen sind oftmals ausreichend mit
ihrer eigenen Situation beschäftigt, so dass sie nur sehr eingeschränkt
Interesse haben, sich auch noch mit unserer Situation zu befassen. Sie sind
nur bedingt organisiert, existentiell auf die Assistenz angewiesen und
haben Angst, dass ihnen da etwas gekürzt wird. Da sind unsere betrieblichen
Auseinandersetzungen für sie nachrangig.
CONTRASTE: Und was müsste Eurer Meinung nach konkret in Eurem Betrieb
passieren?
BetriebsrätInnen: Zuallererst müsste mal dafür gesorgt werden, dass die
Einnahmeseite verbessert wird, die seit Jahren unveränderten
Vergütungssätze angehoben und neue Einnahmequellen erschlossen werden. Auf
dieser Grundlage bestünde dann wieder die Chance, zum einen überfällige
Lohnerhöhungen durchzuführen, um zumindest endlich einmal die immensen
Reallohnverluste der letzten Jahre auszugleichen, zum anderen mit den dann
vorhandenen finanziellen Spielräumen überfällige strukturelle Veränderungen
anzugehen. Ein Beispiel hierfür wäre die Änderung der
Arbeitsvertragsmodelle der AssistentInnen, die Einführung von festen
Stundenkontingenten, Arbeitszeitkontenmodellen etc.
Das Berufsbild Assistenz muss aufgewertet werden. Wir brauchen Schulungen
(so wie zum Beispiel in Schweden), und eine angemessene Bezahlung. Es gibt
Tätigkeitsfelder die entwickelt werden könnten, zum Beispiel Assistenz für
junge Menschen, Angebote in Wohngruppen oder die weitere Öffnung des
innerbetrieblichen Ausbildungsprogramms nach außen.
CONTRASTE: Und wie geht es jetzt weiter mit Eurer bundesweiten
Interessenvertretung? Seid ihr im Gespräch mit Gewerkschaften?
BetriebsrätInnen: Ende November 2009 wird es eine Folgekonferenz des
bundesweiten Zusammenschlusses der Interessensvertretungen (UAPA) in
Frankfurt/Main geben. Die genauere inhaltliche Ausrichtung und die
Bestimmung von Schwerpunkten ist in Vorbereitung. Derweil sind wir u.a.
damit beschäftigt, neue Vertretungen und Beschäftigte dazu zu gewinnen und
würden es beispielsweise
sehr begrüßen, wenn AssistentInnen, die unter dem Modell des »persönlichen
Budgets« arbeiten, dazukommen würden. Eine eigene Webseite ist in
Vorbereitung, die aktuelle »Scheiss-Streik«-Kampagne wird von unserem
Zusammenhang aktiv unterstützt.
Einzelne von uns, einzelne Vertretungen sind im Kontakt mit
Gewerkschaften. Der Betriebsrat von ambulante dienste e.V. geht z.B.
regelmäßig auf die Treffen der »Initiativgruppe Betriebsräte« bei der GEW
Berlin. Grundsätzlich sind aber weder das Engagement der Gewerkschaften
noch der gewerkschaftliche Organisierungsgrad in unserem Bereich besonders
hoch. Das liegt sicherlich auch daran, dass unsere Tätigkeit kein
Ausbildungsberuf ist, womit sich Gewerkschaften ja grundsätzlich schwer
tun, da nicht so einfach in eine Tarifsystematik einzuordnen. Dazu kommen
die klassischen Berührungsängste gegenüber Betrieben, die aus der
Geschichte der Alternativszene kommen und eine für Gewerkschaften eher
untypische Beschäftigtenstruktur aufweisen.
Kasten 1:
»Persönliche Assistenz ist jede Art von Hilfe, die behinderte oder
zeitweilig eingeschränkte Menschen in die Lage versetzt, ein unabhängiges
und selbstbestimmtes Leben zu führen. Persönliche Assistenz gibt
behinderten Menschen die Möglichkeit, ihr Leben nach ihren eigenen
Bedürfnissen zu gestalten
und umfasst alle Bereiche des täglichen Lebens, in denen Menschen auf
Grund ihrer Behinderung Hilfe und Unterstützung benötigen. Erbracht wird
diese Dienstleistung von Assistenten und Assistentinnen vorrangig in den
Bereichen Grundpflege und Arbeitsassistenz, Haushalts- und Mobilitätshilfe.
Dazu gehören auch Begleitung, psychosoziale Unterstützung und andere
Anforderungen des unvorhersehbaren Lebens.«
Aus der Resolution des ersten bundesweiten Treffens von
Arbeitnehmervertretungen in der Persönlichen Assistenz.
Kasten 2:
UAPA
Unabhängige Arbeitnehmervertretungen in der persönlichen Assistenz (UAPA):
bestehend u.a. aus den Betriebsräten des ambulante dienste e.V Berlin, der
Assistenzgenossenschaften Bremen und Hamburg, des CeBeeF Frankfurt/M, der
Offenen Liste des Betriebsrats Lebenswege gGmbH Berlin und der
HelferInnenvertretung fib e.V. Marburg
Berliner Kontakt:
Betriebsrat ambulante dienste e.V., Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
eMail: betriebsrat.ambulante_dienste(at)web.de
Tel: (0 30) 69 59 75 18
Bundesweiter Kontakt:
UAPA, c/o BR CeBeeF, Elbinger Str. 2, 60487 Frankfurt/M.
eMail: betriebsratev(at)cebeef.com
Tel.: (0 69) 97 05 22 56 oder -91
Kasten 3:
HELFER, DIE HILFE BRAUCHEN
Auf den Artikel »Helfer, die Hilfe brauchen« von Peter Nowak in der taz
vom 02.12.08, reagierten zwei Verantwortliche von ambulante dienste e.V.,
Vorstand Matthias Vernaldi und Martin Seidler, Referent für
Öffentlichkeitsarbeit, mit Leserbriefen (Auszüge):
»Ich kann mich nicht bewegen und bin rundum auf die Hilfe meiner
Assistenten angewiesen. Sogar wenn mir die Nase juckt oder wenn ich husten
muss, kann ich mir nicht selbstständig helfen. Ich habe meine Assistenten
im Rahmen des Persönlichen Budget angestellt, bin also ihr Arbeitgeber.
Außerdem sitze ich bei ambulante dienste eV. Im Vorstand, bin also für die
beklagten Zustände mitverantwortlich.
Es macht mir im hohem Maße zu schaffen, dass ich nicht in der Lage bin,
den Menschen von denen ich seit Jahren körperlich abhängig bin, einen
Inflationsausgleich zu zahlen und gezwungen war, zu Beginn diesen Jahres
die Einstiegslöhne abzusenken.«
Matthias Vernaldi
»Als behinderter Mensch, der seit langem in der emanzipatorischen
Behindertenbewegung engagiert ist, bin ich sehr empört, wie in dem o. g.
Artikel
von Peter Nowak Tatsachen auf den Kopf gestellt werden.... Es ist keine
Frage, dass Assistenz leistungsgerecht – und besser als derzeit – entlohnt
werden soll. Da der Sozialhilfeträger in Berlin nur einen begrenzten und
seit mehreren Jahren unveränderten Stundensatz für die Vergütung von
Assistenz zur Verfügung stellt, sind Lohnerhöhungen nicht so einfach
möglich. Leidtragende hiervon sind aber in erster Linie die auf Assistenz
angewiesenen Menschen, die enorme Schwierigkeiten haben, geeignete Personen
zu finden, die zu diesen vorgegebenen Löhnen arbeiten. Im Unterschied dazu
steht den nichtbehinderten AssistentInnen jederzeit die Möglichkeit offen,
sich – soweit vorhanden – einen besser bezahlten Job zu suchen.«
Martin Seidler
Kasten 4
ERSTER BUNDESWEITER »SCHEISS-STREIK«
Warum wir das Medium »Scheiße« für unseren Protest benutzen
Mit einer kleinen Unterbrechung unseres Arbeitsalltags im Pflege- und
Assistenzbereich, mit der »Weigerung« den täglich anfallenden Scheiß
einfach stillschweigend zu entsorgen, wollen wir den Scheißefluss
unmittelbar zu den Akteuren umleiten, die für die immer beschisseneren
Arbeitsbedingungen in diesem Sektor mitverantwortlich sind. Gleichzeitig
sind dies Akteure, die sich aus ökonomischen Gründen einer
institutionalisierten Konfliktregelung weitestgehend entziehen. Wo keine
Interessensvertretungen, da keine Kosten.
Soll sich doch der Typus des ignoranten und unsolidarischen Bürgers, der
gerne von Klatschreportern und den Kameras billiger Meinungsmache gesucht
wird, weiterhin über den ein oder anderen »Scheiß Streik« im Nahverkehr,
bei der Müllabfuhr oder wo auch immer aufregen. Erst jetzt wird er neben
anderen erfahren, was ein tatsächlicher Scheiß-Streik eigentlich ist – oder
sein könnte: die erzwungene Umleitung verschiedener Ausscheidungen und
Ausgeschiedener zurück in den gesellschaftspolitischen Kreislauf. Wenn ihr
uns weiter überseht, werdet ihr was zu riechen bekommen.
www.jenseits-des-helfersyndroms.de
Kasten 5:
INFO
# ambulante dienste e.V., Berlin:
www.adberlin.com
# Unabhängige Arbeitnehmervertretungen in der persönlichen Assistenz
(UAPA), Resolution:
www.labournet.de/branchen/dienstleistung/gw/resolution_uapa.pdf
# Berichte und Links zu den Auseinandersetzungen der
Assistenzbeschäftigten:
www.labournet.de/branchen/dienstleistung/gw/pflege.html
# Informationen zum persönlichen Budget:
www.bmas.de/coremedia/generator/9266/persoenliches__budget.html
CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für
Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches
Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen
breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien
berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben,
alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere
selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge.
Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nützliche Infos
über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel
dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und
Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen
sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.
Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und kostet im
Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal kennenlernen will, kann gegen
Voreinsendung von 5 EUR in Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges
Schnupperabo bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung automatisch
aus.
Bestellungen an:
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg,
E-Mail: CONTRASTE(at)online.de
Internet: http://www.contraste.org
Zusätzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und weitere
Informationen unter:
http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list
Wenn Sie Ihr Abonnement für diese Gruppe kündigen möchten, senden Sie
eine
E-Mail an:
contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de
|