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Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009, Seite 6)
ARTIKELSERIE IN SACHEN HAUSRETTUNG, SECHSTE FOLGE
Wir haben ein Recht auf Geschichte
Die Wohnerfahrungen und -wünsche von CONTRASTE-LeserInnen sind vermutlich
etwas anders als die der NormalbürgerInnen: flexibler, gemeinschaftlicher,
aber auch beharrlich. Das Interesse an alten Häusern und der Kampf gegen
die kapitalistische Abrisswut bleiben für Gruppen, die alternative
Wohnformen realisieren möchten, auf der Tagesordnung. CONTRASTE will mit
dieser Artikelserie von Konrad Kantstein Überlegungen und Tipps eines
»alten Hasen« in Sachen Hausrettung vermitteln. In dieser Folge geht es um
Grundsätzliches bei der Denkmalpflege.
Von Konrad Kantstein # Es gehört zu den unvermeidlichen Gegebenheiten des
Lebens, dass die Welt schon da ist, wenn wir in sie hinein geboren werden.
Und dass sie vermutlich noch eine Weile weiter bestehen wird, wenn wir sie
einmal verlassen müssen. Jeder Mensch ist wie eine Sternschnuppe am
unendlichen Firmament der Zeit. Wir wachsen auf in Räumen, die andere vor
uns gebaut haben. Wir werden groß in Städten, die schon mehrfach älter
sind, als die Eltern oder Lehrer, die uns in sie hineinführen. Wenn wir
Glück haben, dürfen wir in einer alten Stadt aufwachsen, vielleicht sogar
in einer Stadt wie Lübeck, Erfurt oder Regensburg, die wie ein
aufgeschlagenes Geschichtsbuch von ihrer Vergangenheit erzählt. Wenn wir
Glück haben.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob jemand in einem Neubauviertel lebt
oder in einer Stadt mit jahrhundertealten Häusern, Straßen und Plätzen. Ob
man in Bochum studieren muss oder in Tübingen studieren darf. Durch die
Anwesenheit der Geschichte im Alltag der Stadtbewohner bekommt das Leben
eine Tiefendimension, die es sonst nicht hätte. Wir spüren, dass wir Erben
sind. Sensiblere Menschen suchen solche Orte, Gebildete genießen sie.
Viele, denen solches Glück an ihrem Wohnort nicht zuteil wurde, fahren
extra hin. Auch ohne es sagen zu können, spüren manche eine unbewusste
Dankbarkeit, wenn sie alte Städte besuchen und sich von ihrer Ausstrahlung
faszinieren lassen. Und so etwas wie Verpflichtung, solche Schönheit zu
erhalten und sie auch künftigen Generationen zu gönnen.
»Alte Häuser muss man schützen,« so heißt es. Warum eigentlich? Weil sie
das Gesicht unserer Städte und Dörfer prägen und damit die Identität des
Ortes gewährleisten. Damit es überhaupt etwas gibt, das bleibt, in dieser
sich so rasend schnell verändernden Welt. Damit wir, wenn wir nach Jahren
zurückkehren, noch dieselbe Stadt vorfinden. Und schließlich wegen ihrer
Schönheit, ihres Alterswertes und ihrer historischen Bedeutung. Weil sie
Authentizität bewahren in einer Welt voller Reklameschilder und täuschender
Verkleidungen. Weil sie uns das menschliche Maß jener Zeit wach halten, in
der sie einmal erbaut worden sind. Eben deshalb gibt es Denkmalschutz und
Denkmalpflege.
Eine öffentliche Debatte darüber, dass es wohl notwendig sei, historische
Gebäude vor Verfall, Ausschlachtung und Abräumung zu schützen, begann in
Deutschland nach den napoleonischen Kriegen. Besonders Karl Friedrich
Schinkel, der bedeutendste Architekt seiner Zeit, setzte sich hartnäckig
für den Schutz der »Alterthümer,« wieman die Baudenkmale damals nannte,
ein. Er beschwerte sich darüber, dass es Leute gäbe, die »nur durch einen
eingebildeten augenblicklichen Vorteil auf den Untergang so manches
herrlichen Werkes hinarbeiten« mit der Folge, dass das Land »von seinem
schönsten Schmuck so unendlich viel verlor,« – »und wenn jetzt nicht ganz
allgemeine und durchgreifende Maßregeln angewendet werden, diesen Gang der
Dinge zu hemmen, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl
wie eine neue Colonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen. « So
Schinkel 1815 in seinem »Memorandum zur Denkmalpflege«, das gleichsam das
Gründungsmanifest der staatlichen Denkmalpflege in Preußen ist.
An diese Worte fühlt man sich erinnert, wenn man heute in manche
städtischen Agglomerationen kommt, wo sich die Einkaufszentren, Parkplätze
und Gewerbegebiete in die Landschaft fressen. Neuerdings schlägt der Trend
des ökonomisch motivierten Bodenverbrauchs in die Innenstädte zurück. Da
werden historische Stadtquartiere oder Parkanlagen vernichtet, um
Einkaufszentren zu errichten, so genannte »shopping malls«, in denen vom
Supermarkt über das Eiscafé bis zum Zahnarzt oder Frisör alles unter einem
Dach versammelt wird, was vorher in verschiedenen Altstadthäusern heimisch
war, die nun dafür leer stehen oder abgerissen werden. Das ist der
städtebauliche Kannibalismus in seiner aktuellen Ausprägung. Seine
Vorläufer reichen in Westdeutschland bis in die »Wirtschaftswunderzeit«
zurück.
Wo Karstadt oder Kaufhof, die Deutsche Bank oder die Commerzbank unbedingt
an der prominentesten Ecke der Stadt »ein Zeichen setzen« wollten, da
musste eben ein altes Patrizierhaus dem protzigen Betonklotz weichen. Das
ist das Recht – oder die Rücksichtslosigkeit – des Stärkeren. Eine
kritische Dokumentation über die städtebaulichen Schandtaten der Konzerne
und Banken ist seit fünfzig Jahren überfällig.
Und weil die Städte auf diese Weise – durch das Überhandnehmen trister
»Bauherrenarchitektur« – immer gesichtsloser wurden, verstärkt sich nun der
Wunsch zur Wiederaufrichtung längst verschwundener oder im Krieg zerstörter
Bauten. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder rechtfertigte den Plan
zum Neuaufbau des 1950 abgeräumten Berliner Stadtschlosses mit den Worten
»Das Volk braucht etwas für die Seele.«
Damit wenigstens irgendwo wenigstens etwas von der historischen
Architektur ländlicher Regionen wenigstens halbwegs echt erhalten bleibt,
werden stellenweise die schönsten und ältesten Häuser in den Dörfern
fachgerecht abgebrochen, abtransportiert und in Freilichtmuseen wieder
aufgebaut. Diese künstlichen Dörfer mit echten Tieren, kleinen Dorfläden
und gemütlichen Wirtshäusern erfreuen sich eines regen touristischen
Zuspruchs. Da kann sich die
Seele von den Zumutungen der Gegenwarts-Architektur erholen. Doch für die
authentische historische Substanz gibt es keinen Ersatz, weder durch
Translozierung (= Versetzung an einen anderen Ort), noch durch
Musealisierung oder durch Neubau nach alten Fotos. Die wirkliche Erfahrung
der wirklichen Geschichte, ihrer realen Spuren und Hinterlassenschaften ist
durch nichts zu ersetzen. Es gibt ein Bürgerrecht auf Geschichte und den
Anspruch auf historische Wahrheit, in der politischen wie in der baulichen
Überlieferung, auch wenn es von den Bürgern zu selten eingefordert wird.
Wir könnten es viel weniger zaghaft reklamieren und viel selbstbewusster
darauf bestehen.
Die Frage ist, wer über das Dorf und die Stadt und ihre einzigartigen
Bauten entscheiden darf. Die jeweiligen Eigentümer? Der Stadtrat? Die
Denkmalbehörden? Man könnte die Eigentumsfrage relativ gelassen behandeln,
wenn alle Beteiligten sich der gemeinsamen Werte bewusst wären und
verantwortlich damit umgehen würden. Dann wäre es nur noch eine Frage der
Kultur. Davon gibt es aber in Deutschland leider viel weniger als in
Italien oder Frankreich. Deshalb brauchen wir eine staatliche
Denkmalpflege.
Denkmalpflege ist der sachkundige, schonende, aufmerksame und achtsame
Umgang mit dem historischen Bauwerk, der seine weitere Lebensfähigkeit
sichert. Denkmalpflege ist ein Teil der Umweltkultur, der städtischen und
ländlichen Kulturlandschaft, die ein Ergebnis der gesamten bisherigen
Geschichte ist. Es geht ihr um die Erhaltung und Pflege der gewachsenen und
gebauten Kultur, um das räumliche Erbe aller früheren Generationen, also
auch um Gärten, Parkanlagen und Alleen, Wasserläufe und Uferzonen, gewiss
auch um historische Straßen und Brücken, Festungen und Industrieanlagen.
Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, nicht nur für die
Behörden, die damit beauftragt sind. Um diese Aufgabe sinnvoll erfüllen zu
können, müssen wenigstens drei Grunderfordernisse gegeben sein:
- Dass das Baudenkmal überhaupt erhalten wird, mit Haut und Haar, mit
Fleisch und Knochen, innen wie außen, mit seiner gesamten historischen
Substanz. Und zwar »in situ«, d.h. an seinem ursprünglichen Standort. Ein
abgerissenes Gebäude existiert nicht mehr. Auch wenn es im alten Stil und
aus alten Teilen hier oder dort wieder aufgebaut werden sollte, ist es
nicht mehr dasselbe. Entkernung, Ausschabung oder »Totalsanierung«
zerstören die authentische Bausubstanz. Eine historische Hülle als Kleid
eines Neubaus ist eine verlogene Maskerade. Es ist auf jeden Fall besser,
ein altes Gebäude zu sichern und langsam verfallen zu lassen, als es
abzureißen. Mit Notdach und Stützen kann es, wenn auch gebrechlich, so
lange weiter leben, bis sich jemand findet, der es heilt und behutsam
repariert. Auch eine Ruine (oder was von Gegnern der Erhaltung dazu erklärt
wurde) kann unter Umständen wieder hergestellt und instand gesetzt werden.
Was weg ist, ist weg.
- Dass es an seinem Standort nicht bedroht, bedrängt und beeinträchtigt
wird. Auch wenn ein Gebäude erhalten und gepflegt wird, kann es durch
Eingriffe in seine unmittelbare Umgebung dermaßen beleidigt und entwertet
werden, dass es sich selber fremd wird. Wo der Kontext zerstört wird,
verwandelt sich das schönste und älteste Haus am Platze in einen
Fremdkörper. Es kann seine Aussage nicht mehr machen, weil es von seinen
Nachbarn niedergeschrieen wird. Der Respekt vor einem wertvollen alten
Gebäude verlangt Abstand, d.h. den mindesten Raum, den es braucht, um seine
Wirkung entfalten zu können.
- Dass es in Würde altern darf. Einem alten Gebäude muss man sein Alter
auch ansehen dürfen. Es darf nicht durch eine vollständige Auswechselung
seiner Außenhaut in ein neues verwandelt werden. Risse und Runzeln,
Ausbleichungen und Patina sind keine Schande, sondern Merkmale des Alters.
An den Spuren der Geschichte wird Zeit sichtbar. Der Ehrgeiz, ein altes
Gebäude in »neuem Glanz« erstrahlen zu lassen, mit dem manch ein
Bürgermeister sein historisches Rathaus vergewaltigt, ist kein Zeichen von
Stolz und Reichtum, sondern eins von Kulturlosigkeit. Anstatt die Spuren
der Geschichte – bis hin zu den Einschusslöchern des letzten Krieges –
rücksichtslos zuzugipsen, sollte man sie als Erinnerung und Mahnung
erhalten. Ebenso wenig darf man die innere körperliche Substanz eines
Hauses zerstören und durch einen neuen Baukörper ersetzen, der dann in die
historische Außenhaut hineingestellt wird. Solche Missgeburten kann man
z.B. Am Frankfurter »Römer« gegenüber vom Rathaus besichtigen: Betonbauten
mit vorgehängten Fachwerkfassaden.
Das sind drei sehr allgemeine Erfordernisse, eigentlich
Selbstverständlichkeiten, über die ein grundsätzliches Einverständnis
herrschen sollte. In der Bundesrepublik Deutschland wird aber sehr häufig
gegen sie verstoßen. Es kommt jetzt darauf an, das Recht auf die
geschichtliche Wahrheit – und das heißt nicht zuletzt: auf die Erhaltung
der authentischen historischen Bauwerke – als ein allgemeines Bürgerrecht
zu verteidigen.
Konrad Kantstein ist Kulturhistoriker und ehrenamtlicher Hausretter und
Denkmalschützer.
Literaturhinweis
Georg Mörsch: Aufgeklärter Widerstand. Das Denkmal als Frage und Aufgabe.
Basel: Birkhäuser 1989.
Schinkel und Ruskin in: Norbert Huse: Denkmalpflege.
Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München: C. H. Beck 1996, S.70,
91.
- Kasten
-
»Bewacht ein altes Bauwerk mit ängstlicher Sorgfalt; bewahrt es so gut wie
angängig und um jedem Preis vor dem Zerfall. Zählt sein Stein wie die
Edelsteine einer Krone; stellt Wachen ringsherum auf, wie an den Toren
einer belagerten Stadt; bindet es mit Eisenklammern zusammen, wo es sich
löst; stützt es mit Balken, wo es sich neigt; kümmert euch nicht um die
Unansehnlichkeit solcher Stützen; besser eine Krücke als ein verlorenes
Glied. Tut alles dies zärtlich und ehrfurchtsvoll und unermüdlich, und so
manches Geschlecht wird in seinem Schatten erstehen, leben und wieder
vergehen.«
John Ruskin (1819-1900)
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