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44. Solothurner Filmtage: »Pausenlos«

Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009)

44. SOLOTHURNER FILMTAGE

»Pausenlos«

Unter den zahlreichen Dokumentarfilmen, die auf dem Programm der 44. Solothurner Filmtage (vom 19. bis zum 25. Januar 2009) standen, sorgte neben »No more smoke signals« von Fanny Bräuning (1), »Pausenlos« für große Aufmerksamkeit.

René Hamm aus Bischoffsheim (Elsass) # Mit »Transit Uri« induzierte Dieter Gränicher 1993, auf der Grundlage der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale unter dem Gotthard und dem Lötschberg, eine treffende Überlegung über Mobilität und die verheerenden Konsequenzen des Straßenverkehrs. Sein neuestes Werk greift eine spannende Thematik auf, welche a priori nicht leicht auf die Leinwand zu bringen scheint: die absolute Notwendigkeit echte Pausen einzulegen, um den erschöpfenden Rhythmus der beruflichen Verpflichtungen zu brechen.

Der Züricher hat elf Personen dazu animiert, ihre spezifische Wahrnehmung des Zeitlaufs zu schildern. Er hat sie entweder »in Aktion« oder während einer längeren (manchmal unfreiwilligen) Ruhepause interviewt, so zum Beispiel die technische Sachbearbeiterin Marta Lema aus Sennhof (bei Winterthur), die nach einem »Burn-out« an chronischen Schlafstörungen leidet.

Arg gebeutelte Seele

Die fröhliche Gabriela Bohler fühlt sich häufig so »ausgepowert«, dass sie sogar das Autofahren nach Hause als eine gewisse Entspannung empfindet. Erst in ihrer gemütlichen Wohnung in Meggen (acht Kilometer von Luzern entfernt) oder während der Ferien (wir sehen sie in den Armen ihres Gatten Werner auf Rügen) verwandelt sich die Informatikerin in eine »andere Frau«. Weil sie irgendwann neben sich stand, begab sich die Maulburger (2) Krankenschwester und Geigerin Gabriele Meyer zum Retraitenhaus Sonnenhof in Gelterkinden (Kanton Baselland) um Energie zu tanken und aus allen ihren üblichen Funktionen herauszuschlüpfen. In diesem protestantischen Kloster genoss sie »die Qualität der Stille«. Balsam für ihre durch den täglichen Strudel arg gebeutelte Seele.

Die klugen Statements von Alban Gmür aus Sihlwald (in der Nähe von Zürich) relativieren manches, was uns mit der Zeit verbindet. Ein Regentropfen der irgendwo in den Bergen fällt, braucht sieben Jahre (das Alter seines Kindes) bis er den Brunnen, den der Förster sauber hält, erreicht. Er findet es faszinierend, dass den Bäumen im Wald die herumhetzenden Jogger und Biker total gleichgültig sind. Die edlen Riesen stehen einfach da... Der Regisseur hat ein paar schöne Überleitungen eingebaut, um sein Subjekt greifbar nahezubringen: eine in der Sonne bummelnde Katze, das Symbol überhaupt für Unabhängigkeit, ein Salamander, der durch sein Kriechen Rillen in Sägespäne zeichnet, ein unbeweglicher Reiher auf einem Balken am Ufer des Vierwaldstättersees.

Das Dösen unter Artenschutz?

Die zentrale Figur des Filmes, der für seine Weltpremiere im Januar in der »schönsten Barockstadt der Schweiz« viel Lob erntete, ist Karlheinz Geissler. Mit einer pointierten Gelassenheit und einer Prise Ironie formuliert der emeritierte Professor für Wirtschaftspädagogik (an der Universität der Bundeswehr (ja !) in München) Wahrheiten, die nicht gerade dem herrrschenden Dogma entsprechen. »Es gibt keine Stelle der Abwesenheit mehr in dieser Gesellschaft... Distanz ist kaum noch möglich...«. Das Dösen solle unter Artenschutz stehen. Das Glück sieht der Zeitforscher eher im Verzicht, als in »noch mehr Konsum und Arbeit«. Denn sonst häufen sich Depressionen, schwere Krankheiten, verursacht durch die Überproduktion und das unendliche Streben, unter dem auch von den Medien propagierten Druck, nach Aufstieg, Erfolg, Karriere.

Noch viel radikaler und subversiver drückten es der Franzose Paul Lafargue 1880 mit seinem »Recht auf Faulheit« oder der Brite Bertrand Russell 1932 in »In Praise of Idleness« (Lob des Müßiggangs) aus. Auch heute gibt es Leute, die keine Entfaltung und Verwirklichung durch den Beruf erwarten. In der letzten Folge der vierteiligen Reihe »Hauptsache Arbeit« (3), stellt Konstantin Faigle zwei »glückliche Nichtstuer« vor: der 39jährige Jochen Picht, »bekennender Hartz IV-Empfänger« aus Köln und der Tübinger Axel Braig (fünfundfünfzig), der 2001 seinen Job als Arzt an den Nagel hing.

Der Betreiber einer »philosophischen Praxis« und der Internet-Plattform www.arbeitswahn.de bringt den Zusammenhang mancher Tatsachen relevant auf den Punkt: »Die Welt geht garantiert nicht an der Faulheit zugrunde, sondern es ist viel bedrohlicher, dass wir mit wachsendem
Produktivitätsfortschritt immer mehr Ressourcen vervespern und den Planeten immer schneller ruinieren«.

  1. CONTRASTE vom April 2009
  2. Im Wiesental (Baden-Württemberg)
  3. Am 31. Oktober 2007 im Westdeutschen Rundfunk und am 16. und 17. März 2009 in 3Sat

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