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Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009, Seite 4)
VON DEN ALPEN IN DIE PROVENCE
Tausendfüßler unterwegs
Im vergangenen Herbst wanderten wir mit den Schafen vom Sommerungsgebiet
in den französischen Alpen in die Kooperative Grange Neuve in der Provence.
Die Transhumance (Wanderweidewirtschaft) ist ein Abenteuer, das auch heute
noch seine volle Berechtigung hat. Drei Stunden benötigt der Lastwagen
normalerweise für den Transport unserer Schafherde. Wir dagegen brauchten
in diesem Jahr 20 Tage, um die 200 Kilometer zwischen dem Weidegebiet neben
unserer Spinnerei in Chantemerle bei Briançon und dem Schafstall der
Kooperative Grange Neuve bei Limans zurückzulegen.
Remo, Longo maï # Es war ein bewusst getroffener Entscheid, die Strecke zu
Fuß und nicht motorisiert hinter uns zu bringen: Zeit zu investieren und
nicht zu hoffen, durch Zeiteinsparung etwas zu gewinnen. Die
Schafswanderung war eine Investition in das Wohl der Tiere, in
Unabhängigkeit und in ein gemeinsames, insbesondere von jungen Longo
maï-Mitgliedern getragenes Projekt.
Schafe im Sommer auf der Alp zu weiden und ansonsten im Hügelland der
Provence zu hüten, hat in Südfrankreich Tradition. Eine Anpassungszeit,
eine Akklimatisierung an höhere Lagen durch einen Lastwagentransport zu
verhindern, ist heutzutage leider auch üblich. Dieses Jahr wollten wir
unserer Herde wieder die Möglichkeit geben, sich langsam an die zwei
verschiedenen Vegetationen anzupassen. Täglich näherten wir uns rund 15
Kilometer unserer Kooperative – Alpen, Voralpen und schließlich die
Provence, immer der Durance entlang, allerdings nicht auf direktem Wege,
denn wir wollten die vergifteten Obstmonokulturen im Durancetal meiden.
Deshalb bevorzugten wir es, auf den Anhöhen neben dem Tal zu wandern und
zusätzliche Kilometer in Kauf zu nehmen.
Viel brachliegendes Kulturland sahen wir an solchen »unrentablen« Orten,
eigentlich in unseren Augen eine Verschwendung, während der Schafswanderung
aber sehr nützlich, da wir so zusätzliche Weideplätze für unsere Herde
hatten. Wir, das heißt sechs Begleiter, 350 Schafe, 10 Widder, zwei Esel
und ein Pferd. Unterwegs trotzten wir schlechtem Wetter; denn während zwei
Wochen kämpften wir gegen Regen und Schnee. Aber auch ungeduldige
Autofahrer machten uns das Leben schwer. Eine unerwartete Verspätung,
beispielsweise, weil eine Schafherde kurzzeitig die Straße blockiert,
findet in der heutigen Zeit kaum Verständnis. Doch weder das Wetter noch
ungeduldige Autofahrer, Müdigkeit oder andere Unannehmlichkeiten konnten
uns und unsere Schafen vom Weg abbringen oder die Freude am Wandern nehmen.
Dies auch deshalb, weil wir nicht alleine waren. Es war überwältigend, auf
welche Solidarität wir zählen konnten. Viele Leute gaben uns oft sehr
kurzfristig einen warmen und auch trockenen Platz für die Nacht. Außerdem
versorgten sie uns mit Essen. Landwirte stellten uns ihre Wiesen zur
Verfügung, ohne etwas dafür zu verlangen. Kontakte wurden geknüpft, auf
denen sich aufbauen lässt und die uns auch in Zukunft bei der Transhumance
hilfreich sein werden.
All das ist mit einem Lastwagentransport nicht möglich. Einsam wird die
Strecke abgefahren. Ein Kontakt mit Leuten und der Natur kann nicht
entstehen. Nur die Geschwindigkeit zählt. Nicht das Wohl der Tiere und der
Menschen. Das ganze Unterfangen war zudem eine Investition in unsere
Autonomie. Das Lastwagenunternehmen kann den Tiertransporter in der Garage
lassen. Wir sind nicht auf seine Dienstleistung angewiesen und können es
selbst erledigen. Auch wenn wir länger unterwegs sind, kommt es uns schon
heute finanziell nicht teurer zu stehen. Mit der zukünftigen Entwicklung
des Ölpreises kann es sogar die günstigere Variante werden. Doch nicht nur
finanziell ist die Schafwanderung interessant, sondern auch in Hinblick auf
Wissen über Wege und Organisation eines solchen Unterfangens. So war die
diesjährige Transhumance ein riesiger Lernprozess für uns, da es fast
ausschließlich eine neue Equipe war, die sich in dieses Vorhaben stürzte.
Die in früheren Jahren gesammelte Erfahrung nützte in der Vorbereitung,
nicht aber im Alltag.
Die junge Gruppe, vier der sechs Begleiter waren unter 30 Jahre, konnte
aber immer auf die Erfahrung eines »alten« Hirten zählen. Der Austausch
funktionierte
gut. Junger Elan gemischt mit alter Gelassenheit: ein Mix, der sich
bewährt hat.
Ein Fortführen der Transhumance werden wir ins Auge fassen, denn nur durch
die jährliche Durchführung dieses Unterfangens bleibt die Tradition der
Schafwanderung bestehen, bleiben Kontakte und Wissen über Wege erhalten. So
können wir zeigen, dass es ebenso anders geht. Deshalb wird auch in Zukunft
der Lastwagen in der Garage stehen bleiben.
aus: »Nachrichten aus Longo maï, Nr. 100«
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