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Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 9)
BUCHBESPRECHUNG
Solidarische Ökonomie sichtbar machen
Die Projektgruppe Solidarische Ökonomie an der Uni Kassel hat eine
systematische Kartierung der solidarischen Wirtschaftsunternehmen in
Nordhessen vorgenommen. Dabei sind die StudentInnen auf bewährte Formen
kooperativen Wirtschaftens gestoßen, wie beispielsweise die über hundert
Jahre alten Forstgemeinschaften. Die solidarischen Erfahrungen ihrer
Mitglieder tauchen auch in aktuellen Auseinandersetzungen wieder auf.
Peter Streiff, Redaktion Stuttgart # Ziel der Projektgruppe war,
verschiedene Wirtschaftsformen solidarischer Ökonomie in Kassel und seinen
fünf umliegenden Landkreisen »sichtbar zu machen sowie ihre Probleme und
Potenziale aufzuzeigen.« Die Unternehmen, selbstverwalteten Betriebe,
Produktionsgruppen, Tauschringe usw. sollten die folgenden Charakteristika
aufweisen:
- Selbstverwaltung:
ein Mensch = eine Stimme, gemeinsame Entscheidungsprozesse, gemeinsames
Eigentum an Kapital.
- Ökologisches Bewusstsein:
Sensibilität bei der Nutzung von Material, Energie, Wasser und Fläche
sowie Einbindung in regionale Kreisläufe.
- Kooperation:
gemeinsames Nutzen von Eigentum und Gütern, Partizipation an solidarischen
Netzwerken.
- Wirtschaftsunternehmen:
mindestens eine Person ist in ihm angestellt bzw. Alle Mitglieder haben
einen wirtschaftlichen Zuverdienst durch ihre gemeinsame Tätigkeit.
- Gemeinwesenorientierung:
Einsatz für die allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen der
Gemeinschaft; solidarisches Verhältnis der Kulturen und Geschlechter
untereinander; Unterstützung strukturschwacher Regionen.
Diese fünf grundlegenden Charakteristika kamen selbstredend nicht immer in
idealtypischer Form vor. Voraussetzung für die Aufnahme in den Atlas war,
dass es sich immer um ein selbstverwaltetes Wirtschaftsunternehmen handelt,
zudem musste mindestens ein soziales Kriterium gewährleistet sein. Die
ökologische Orientierung konnte, musste aber nicht vorhanden sein.
Im Ergebnis zählte die Projektgruppe im Jahr 2007 142 solidarisch
wirtschaftende Unternehmen in Nordhessen mit 19.000 Mitgliedern. Davon
arbeiten 1.092 Mitglieder in einem dieser Unternehmen. Den größten Anteil
(67) der untersuchten SWU sind so genannte Gemeinschaftswälder, eine alt
bewährte Form, gemeinsam den Wald zu bewirtschaften – die meisten dieser
Forstgemeinschaften bestehen seit ca. 1850.
Die Studie erschöpfte sich nicht nur in einfacher Katalogisierung, sondern
untersuchte auch das Umfeld der verschiedenen Betriebe und Unternehmen.
Dabei scheinen mir zwei Aspekte besonders interessant: Zum einen zeigten
sich erkennbare Parallelen bei den untersuchten Betrieben hinsichtlich
ihrer Geschichte, denn »das Heranreifen solidarischen Handelns setzt
informierte Akteure und kommunikative Beziehungsmuster voraus.« Die heute
existierenden selbstverwalteten Betriebe hätten in der Regel nicht
überleben können, »wenn sie sich nicht auch nach außen in Kooperationen mit
Produktions- oder Dienstleistungsgemeinschaften (Konsortien) bzw. -ketten
begeben.« Als Beispiel wird dafür die Kommune Niederkaufungen mit ihrem
Umfeld erwähnt.
Kooperation ist in der Studie ein zweiter interessanter Aspekt, denn die
Studie konnte nachweisen, dass in den Gegenden mit vielen
Forstgemeinschaften auch die Bewegung für gentechnikfreie Regionen
besonders stark ist. Mit anderen Worten: Die solidarischen Erfahrungen der
Mitglieder in den Gemeinschaftswäldern hatten wesentlichen Anteil an der
Organisation von regionalen Widerstandsbündnissen. Im Verlauf der Studie
ist beim Regionalen Nachhaltigkeitsforum Nordhessen eine Gründungsberatung
für Gemeinschaftsbetriebe eingerichtet worden.
Universität Kassel, Projektgruppe Solidarische Ökonomie (Hrsg.): Atlas der
Solidarischen Ökonomie in Nordhessen – Strategie für eine nachhaltige
Zukunft; kassel university press, 2008, 127 Seiten, ISBN:
978-3-89958-443-1, 19 EUR.
Freier Download (10,8 MB) unter
www.upress.uni-kassel.de
(Kurzwahl: http://tinyurl.com/csdrdd)
Google-Map der untersuchten Betriebe und Beratungsmöglichkeiten
unter www.rnf-nordhessen.de
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