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Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 9)
RADSPANNEREI & STRIKE BIKE
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!
Der Berliner Fahrradladen Radspannerei hat die Besetzung der Fahrradfabrik
in Nordhausen im Sommer 2007 unterstützt und das daraus hervorgegangene
Strike-Bike mit entwickelt. Im Folgenden schildern wir die Geschichte des
Strike-Bikes aus unserer Sicht, der Sicht des an der Planung beteiligten
Fahrradladen-Kollektivs.
Jan, Radspannerei, Berlin # Ersten Kontakt zur Belegschaft der
Bike-Systems hatten wir im Juli 2007. Als wir von der Besetzung des
Werksgeländes in Nordhausen durch die gekündigte Belegschaft hörten, haben
wir den streikenden FahrradfabrikarbeiterInnen sogleich eine
Solidaritätsmail geschickt. In dieser versicherten wir, Fahrräder von ihnen
weiter zu verkaufen, wenn sie die Produktion wieder aufnehmen. Als Antwort
erhielten wir ein standardisiertes Dankesschreiben mit einer Kontonummer
für Spenden. Danach hörten wir eine ganze Weile nichts mehr. Wir waren mit
dem Alltagsbetrieb bei uns im Laden aber auch so ganz gut ausgelastet: der
Fahrradboom in Berlin bescherte uns viele Reparaturen, und die Geschichte
der besetzten Fahrradfabrik hatten wir fast vergessen.
Aufstand in der spießigen Branche
Im September 2007 ging es dann plötzlich los: Kaffee-Libertad, die
Genossenschaft mit dem leckeren zapatistischen Kaffee aus Hamburg ruft bei
uns an. Ob wir innerhalb einer Woche ein Fahrrad entwerfen können, die
Nordhausener BetriebsbesetzerInnen wollen die Produktion wieder aufnehmen.
Wir sind natürlich
sofort Feuer und Flamme, das klingt nach Aufstand in der spießigen
Fahrradbranche, unglaublich!
Da die Produktion vorfinanziert werden musste (das Material in der Fabrik
war komplett abtransportiert, nur die Maschinen waren noch vorhanden) und
um den Kapitalbedarf möglichst niedrig zu halten (die Belegschaft verfügte
über keinerlei finanzielle Mittel), haben wir uns mit den Leuten aus
Nordhausen dann recht schnell auf ein schlichtes Kiez-Fahrrad geeinigt.
Allein auffällig sollte es sein – ein kämpferisches Signal aus der
besetzten Fabrik: Wir nehmen unsere Sache selbst in die Hand!
Herausgekommen ist dann das feuerrote Strike-Bike, ein klassisches
Tourenrad mit einer robusten 3-Gang Nabenschaltung (und – very special –
Schutzblechen in Rahmenfarbe).
Unser Anspruch war von Anfang an, nicht nur ein Solidaritäts-Rad, sondern
ein konkurrenzfähiges, stabiles Alltags-Fahrrad zu entwerfen. Die
Beschäftigten von Bike-Systems sollten etwas für ihre Zukunft bauen, nicht
zu teuer, aber trotzdem robust in bewusster Tradition des guten alten
3-Gang Drahtesels der 70er/80er Jahre.
Dass das Strike-Bike später in der Presse zum Teil als altbacken
verunglimpft wurde, zeugt von Unkenntnis der Qualitäten solcher Fahrräder:
Sie sind unglaublich wartungsarm und stabil. Heute müssen auch günstige
Fahrräder unbedingt Features wie Federungselemente und mindestens sieben
Gänge besitzen, Schlüsselkomponenten wie Laufräder und Bremsen sind in der
Regel von unterirdischer Qualität. (Mit derartigen Fahrrädern kannten sich
die Strike-BikerInnen aus, schließlich hatten sie die letzten Jahre
Schrott-Fahrräder für deutsche Baumärkte produzieren müssen.)
Großer Zeitdruck
Die Aufgabe für die Strike-Bike-Produktion war also stabil und billig und
das gestaltete sich schwieriger als erwartet: Zum einen war der Zeitdruck
zum Beschaffen des Materials hoch und zum anderen war es für die
BesetzerInnen von Bike-Systems nicht einfach Großhändler zu finden, die
ihnen überhaupt etwas verkauften. Die Auswahl der zur Verfügung stehenden
Komponenten musste also noch einmal eingeengt werden.
2.000 Fahrräder wollt ihr in nur einer Woche bauen? Mit einem derartigen
Tempo konfrontiert, merkten wir als Berliner Fahrradladen, dass wir
wirklich keine Vorstellung von der Fabrik-Produktion hatten. Bei uns im
Fahrradladen dauert der Aufbau eines Neurades zwischen fünf und acht
Stunden.
Zum Produktionsstart am 22. Oktober 2007 fuhr eine Delegation von uns nach
Nordhausen. Mit großen Augen sind wir in den Montagehallen herumgelaufen
und haben Maschinenpark und Medienaufgebot bestaunt. Die übernächtigten,
stolzen Strike-BikerInnen vom 22. Oktober werden wir nie vergessen:
Unfassbar, mit welcher Geschwindigkeit die Laufradmaschine bestückt wurde,
die Tretlager verschraubt und die Züge verlegt wurden, jeder Handgriff saß,
die Produktion lief wie geschmiert und die Menschen konnten parallel zur
Produktion sogar Interviews geben! Das Tempo sei jetzt im Vergleich zu
früher gemütlich, wurde uns versichert.
Die Umstellung von der Fließband-Massenfertigung auf
Kleinserien-Produktion mit hoher Montage-Qualität, was Voraussetzung für
einen erfolgreichen Direktvertrieb ist, funktionierte innerhalb dieser
Woche aber nicht. So war die Vormontage der im Karton direkt verkauften
Fahrräder eher auf Baumarktniveau und der Montage-Aufwand für eine
dauerhafte Nutzung hat viele KäuferInnen überfordert.
Dass inzwischen massenhaft Tretlagerachsen gebrochen sind, liegt aber
nicht an mangelhafter Montage, sondern an der katastrophalen Qualität des
verwendeten Materials. Die wenigen kooperations-bereiten Großhändler, die
an Strike-Bike Material lieferten, haben, so vermuten wir, die Gelegenheit
genutzt, um Ausschussware loszuwerden. Zu viele Teile von geringer
Haltbarkeit haben dem Ruf des Strike-Bikes bei allem Idealismus der
KäuferInnen geschadet. Vermeiden ließen sich derartige Fehler vermutlich
nicht, dafür gibt es zu wenig Solidarität innerhalb der Fahrradbranche und
der Produktionszeitraum von einer Woche war zu kurz.
Kraftvolle Geschichte
Insgesamt war es für uns von der Radspannerei eine erste direkte
Konfrontation mit den Arbeitsbedingungen in der Fahrradindustrie. Neu war
für uns der enorme Zeitdruck bei der Fahrradproduktion: Der lackierte
Rahmen und die Komponenten wurden bei Bike-Systems innerhalb von zwei
Minuten am Fließband von 8 Personen zu einem Fahrrad montiert! Ein Display
am Ende des Fließbandes zeigte permanent den Soll- und Haben-Stand für den
jeweiligen Tag an.
Auf diese Weise stellte Bike-Systems früher bis zu 200.000 Fahrräder im
Jahr her. Ähnliche Fahrräder, vollgefederte Mountainbikes für 199 EUR,
finden sich bis heute in jedem Baumarkt. Der tatsächliche Gebrauchswert
dieser Fahrräder tendiert aber nach einem halben Jahr gen Null. Reparieren
zwecklos: Schmeiß weg, kauf Neu! Auf diese Weise kommt Deutschland auf 4,7
Millionen verkaufte Fahrräder pro Jahr. Und das Elend der Beschäftigten bei
MIFA, der ehemaligen Konkurrenz im Nachbarstädtchen Sangerhausen, die unter
ähnlichen Bedingungen schuften und ähnlich miese Fahrräder herstellen
müssen, wie ehedem die Belegschaft von Bike-Systems, dauert bis heute an.
Die Geschichte der Strike-Bike GmbH ist unglaublich kraftvoll. Wir hoffen,
dass sich nicht nur in Sangerhausen, sondern überall wo der Mensch ein
geknechtetes,
ein verachtetes Wesen ist, die Erkenntnis durchsetzt, dass wir unser Glück
gemeinsam in die Hand nehmen müssen. Zu einer Bedürfnis-orientierten,
selbst bestimmten Produktion ist es aber nicht nur im Fahrradsektor noch
ein weiter Weg.
- Kasten
-
VON DER WERKSBESETZUNG ZUM SELBSTVERWALTETEN BETRIEB
Die Geschichte der Strike-Bike GmbH als selbstverwalteter Betrieb beginnt
im Juli 2007: Alle Beschäftigten der Fahrradfabrik in Nordhausen halten von
einem Tag auf den anderen eine fristlose Kündigung in den Händen. Das Werk
war vom Besitzer vor die Wand gefahren worden, zugunsten der im
benachbarten Sangerhausen ansässigen MIFA Fahrradfabrik, einer
Investmentgesellschaft. Die Beschäftigten stehen nach mehreren Monaten
Arbeit unter verschärften Bedingungen, wie Zehn-Stunden-Schichten und
Akkord-Arbeit auf der Straße. Insgesamt jedoch keine ungewöhnliche
Erfahrung in der Warenkonkurrenz der Marktwirtschaft.
Ungewöhnlich war dann aber der Umgang der Beschäftigten mit der Situation:
Sie besetzten das Werksgelände im Rahmen einer legalen, unbefristeten
Betriebsversammlung und begannen fast vier Monate nach Beginn der Besetzung
die Produktion eines selbst entworfenen Fahrradmodells. Vor allem die
Produktion dieses Strike Bikes hat eine große mediale Resonanz gehabt und
auch international Beachtung gefunden. Die Strike-Bike GmbH ist aus diesem
Arbeitskampf hervorgegangen. Sie ist z.Z. die einzige deutsche
Fahrradfabrik in Selbstverwaltung.
- Weblinks
-
www.strike-bike.de
www.rad-spannerei.de
Fahrradladen Radspannerei, Admiralstr. 15 & 23,
10999 Berlin
Tel.: (0 30) 615 29 39, Fax -07 217
www.rad-spannerei.de
mail(at)rad-spannerei.de
mailto:mail@rad-spannerei.de
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