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Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 8)
CHRONOLOGIE ZUR VORGESCHICHTE DES CAFÉ AUTONOMICUM
»Erster Schritt zu einer freien Gesellschaft« Bevor sich das Café
Autonomicum im Oktober 2008 mit Eröffnungsreden und Sekt der Öffentlichkeit
präsentieren konnte, musste es erstritten werden. Eine unangemeldete Party,
eine gut organisierte Besetzung, Druck von der Straße und parallele
Verhandlungen führten zum Ziel: einem selbst organisierten Freiraum in
zentraler Lage und ohne Mietkosten.
Kai Böhne, Redaktion Göttingen # Seit Mitte der 90er Jahre hatte es etwa
ein Jahrzehnt in Göttingen bereits ein ähnliches Freiraumcafé gegeben. Es
nannte sich »Kollabs« und befand sich zuletzt im Keller des Oeconomicums,
dem Gebäude der Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen. Im Juli 2006
zerstörte ein Großbrand im Gebäude, dessen Ursachen sich nicht aufklären
ließen, auch das »Kollabs«. Es wurde später nicht neu hergerichtet. Die
Uni-Verwaltung nutzte den Raum anderweitig.
Nachdem zuvor mehrere studentische Versuche, das »Kollabs« in einem neuen
Raum wiederzueröffnen, am Widerstand der Universitätsleitung gescheitert
waren, kam im Sommer 2007 eine Gruppe von etwa zehn Studierenden zusammen.
»Wir hatten uns vorgenommen, unter dem Namen ‘delete control – enter space’
eine neue Kampagne für ein Freiraum-Café zu starten«, erläutert Felix,
einer der Beteiligten. T-Shirts, Flyer und Aufkleber wurden gedruckt, eine
Pressemitteilung verschickt und mit dem Gebäudemanagement der Uni Gespräche
aufgenommen. Doch der angebotene Raum – ein fensterloses, 27 Quadratmeter
großes stillgelegtes Trafohäuschen – erschien den StudentInnen unannehmbar.
Im Dezember 2007 zeichnete sich ab, dass »die Verhandlungen keine
Ergebnisse bringen«, sagt Felix. Die Kampagnen-Gruppe entschloss sich zum
Handeln.
An einem Dezemberabend, kurz vor 22 Uhr, startete im Vorraum des
Theologicums, einem Campusgebäude, eine unangemeldete Party. Für Musik und
Getränke hatte eine Vorbereitungsgruppe gesorgt. 50 bis 100 StudentInnen
feierten mit. Der überraschte Hausmeister informierte das
Gebäudemanagement, dieses rief die Polizei, die auch anrückte. Doch die
Partygesellschaft wollte keine Konfrontation, löste die Veranstaltung auf
und zog ab. Diese Überraschungsparty hatte bei den Beteiligten Lust und Mut
für weitere Aktionen geweckt.
Sofas per Kleintransporter
Die Kampagnengruppe bereitete eine erneute Raumbesetzung vor. Ein
Café-geeigneter Raum sollte folgende Kriterien erfüllen: Zentrale Lage,
viel tägliches Publikum, ausreichendes Tageslicht und Toiletten in
unmittelbarer Nähe. Der Seminarraum MZG 1140 erfüllte diese Kriterien.
Damit stand er als Objekt der Besetzung fest. An einem Vormittag Mitte
Januar 2008, zu einer Zeit als dort kein Seminar stattfand, wurde er in
Beschlag genommen. Mit einem Kleintransporter wurden Sofas und Kleinmöbel
angeliefert und in den Raum getragen. Auch Kaffee und Kuchen waren
vorhanden, so dass der Café-Betrieb unmittelbar beginnen konnte. Für die im
Raum 1140 vorgesehenen Seminare wurden Alternativräume angeboten. Zwei
Wochen wurde der Raum besetzt gehalten und tagsüber als Café genutzt.
Parallel verhandelte die Gruppe in der Raumfrage weiter. Jedoch ohne
Einigung. Ende Januar stellte die Universität Strafanzeige wegen
Hausfriedensbruch. Daraufhin räumte am frühen Morgen des 29. Januars ein
Polizeiaufgebot den nicht verschlossenen Raum und nahm die dort anwesenden
Personen fest. Vor Ort wurden deren Personalien aufgenommen. Nachdem auf
der Wache Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen waren, wurden die
BesetzerInnen wieder freigelassen. Tagsüber blieb die Bereitschaftspolizei
auf dem Campus.
Spontandemo zum Campus
Am Abend des gleichen Tages versammelten sich laut indymedia 300 Menschen
auf dem Göttinger Marktplatz, um gegen die Räumung des besetzten Raumes zu
protestieren. Die Hochschulgruppe »Basisdemokratisches Bündnis« berichtete
später, einem unangemeldeten Demonstrationszug, begleitet von starken
Polizeikräften, die versuchten, ihn zu stoppen, sei es gelungen, bis zum
Campus zu gelangen. Dort angekommen betraten die DemonstrantInnen das
Mehrzweckgebäude,
um zu zeigen: Wir können jederzeit einen neuen Raum besetzen. »Dieses
entschlossene Vorgehen hinterließ bei der Uni-Leitung offenbar bleibenden
Eindruck«, mutmaßt das Basisdemokratische Bündnis auf seiner Homepage.
In der Folge kam Bewegung in die stockenden Verhandlungen um ein
Freiraum-Café. Die Uni-Leitung zog ihre Hausfriedensbruch-Anzeige zurück
und stellte einen angemessenen Raum in Aussicht, verlangte aber einen
verbindlichen Verhandlungspartner. Von Freiraum-EnthusiastInnen wurde der
»Verein für kommunikative Freiräume« gegründet, dieser schloss einen
Nutzungsvertrag über den Raum im Erdgeschoss des »Blauen Turms« ab. Ende
Juni 2008 erfolgte die Schlüsselübergabe.
Rückblickend bilanziert das »Basisdemokratische Bündnis«: Der Kampf um das
Autonomicum habe gezeigt, dass durch bedachtes und entschlossenes Vorgehen
emanzipatorische Veränderungen durchzusetzen seien. Dies sei »ein erster
kleiner Schritt zu einer freien Gesellschaft ohne Fremdbestimmung und
Herrschaft.«
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