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Schwerpunktthema: Elemente solidarischer Ökonomien - Freiräume in Selbstverwaltung (Teil 1)

Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 7)

HIRSCHENECK, BASEL (CH)

30 Jahre Selbstverwaltung – und kein bisschen leise

Genug von Fremdbestimmung und Hierarchie – vor mehr als einem Vierteljahrhundert war dies für viele Menschen in der Schweiz ausreichend Motivation, einen selbstverwalteten Betrieb zu gründen. Aufgrund einfacherer Rechtslage im Vergleich zu Deutschland wählten viele SelbstverwalterInnen die Genossenschaft als geeignete Rechtsform. So auch die GründerInnen der Beizengenossenschaft Hirscheneck in Basel. Das »Hirschi« ist nach vielen Veränderungen auch heute noch als Kollektiv organisiert – und feiert sein Jubiläum mit einem Kongress zu Selbstverwaltung und danach selbstverständlich mit einem lauten Fest.

Roger Portmann, Basel # Eigentlich feiern wir unseren Geburtstag jeden ersten Mai und manchmal auch dazwischen. Alle fünf Jahre aber feiert nicht nur das genossenschaftlich geführte Kollektiv-Restaurant mit Küche, Kultur und Renommee, sondern das ganze selbstverwaltete Zentrum ein wirklich großes Straßenfest mit richtig lautem Openair.

Solche Jubiläen sind nicht nur Anlass für große Feste, sondern dienen auch dazu, unsere Struktur, unser Funktionieren, Wirken und Wollen zu reflektieren und der Welt wieder einmal von uns zu künden. Dabei entstehen nicht nur hitzige Diskussionen im Kollektiv, sondern beinahe schon gewohnheitsmäßig eine Jubiläums-Broschüre. Nicht so dieses Jahr.

Aber der Reihe nach: »Angefangen hat es vielleicht im Frühling 1978, wahrscheinlich aber schon viel früher. Und zwar bei einigen Leuten, die sich kennengelernt haben, weil alle etwas Anderes, Neues machen wollen. Weil wir alle genug haben von Arbeitsverhältnissen, in denen jeder ein anonymes Rädchen ist. Wir wollen mehr von uns und den anderen haben, als dort, wo wir der Fremdbestimmung und Hierarchie unterworfen sind. Und weil eben keiner von uns bereits vorgefunden hat, was er suchte, haben wir uns zusammengetan, mit der Absicht, eine Beiz zu gründen.«

»Wir wollen die Welt verändern«

Fünfzehn Jahre und zahlreiche Generationen später wurde völlig unbescheiden verkündet:

»Wir möchten, dass die Welt hinterfragt und nicht bloß konsumiert wird. Das Hirscheneck will [...] nicht nur das Gespräch ermöglichen, wir wollen uns ebenso daran beteiligen. Denn es liegt uns etwas daran, dass die Ideen, welche hinter unserem Projekt stehen, von außen sichtbar sind. Wir verkaufen nicht bloß Bier und Knoblauchbrot. Wir wollen mehr sein! Wir stehen ein für den Gedanken der kollektiven Selbstverwaltung und der hierarchiefreien Zwischenmenschlichkeit. Das Hirscheneck möchte versuchen, im Kleinen zu leben, was wir uns als Basisstruktur einer wünschbaren Gesellschaft im Großen vorstellen: Vernetzung unabhängiger Kollektive. (Gerade in dieser Beziehung steht noch sehr viel Arbeit an!) Es ist uns wichtig zu zeigen, dass das, was viele für unmöglich halten, eben dennoch möglich ist. [...] Wir möchten unseren Alltag und unsere
Auseinandersetzungen sichtbar machen und erhoffen uns eine kritische Diskussion über unser Projekt auf Seiten derer, die sich für das Hirscheneck interessieren. Wir wollen keine Insel sein, auch wenn es manchmal den Anschein macht: Was wir wollen, ist die Welt verändern.«

Dazwischen lagen fünfzehn Jahre gelebter Selbstverwaltung, gewagter Experimente, Auflösungen und Neuanfänge. Bewegungen und
Auseinandersetzungen in Stadt und Gesellschaft fanden ihren Widerhall im Kollektiv. Das GründerInnen-Kollektiv spaltete sich schon nach zwei Jahren an der Frage, ob das Hirscheneck Ersatz für das Autonome Jugendzentrum, oder eher Restaurant sein soll. Eine Weile bestand auch ein reines Frauenkollektiv, dann war das Hirscheneck ein vegetarisches Restaurant, mal mit, mal ohne Konzerte, mit vielen oder sehr vielen MitarbeiterInnen. Und einmal – so sagt man – hätte sich auch jemand mit der Kasse vom Acker gemacht.

Die meisten anderen kollektiven Projekte, die Teil des selbstverwalteten Zentrums waren, hatten weniger Ausdauer. Ein Dritte-Welt-Laden, ein Buchladen, mehrere Plattenläden, ein Infoladen und das Grafik-Kollektiv machten dicht und zogen weg, das Anwaltskollektiv auch, das »Anna-Göldin-Gymnasium« schloss die Tore, verschiedene Beratungsstellen kamen und gingen.

Gleiche Verantwortung – gleicher Lohn

Vor fünf Jahren wurde dann noch einmal betont, dass es im Hirscheneck »weder Chef noch Fräulein!« gibt. »25 Jahre Kollektiv und Selbstverwaltung heißt, dass wir seit 25 Jahren den Betrieb gemeinsam führen – für alle die es noch nicht wissen sollten, also alle VertreterInnen von
Gastro-Maschinen, VerkäuferInnen von Klopapier und sonstigem Büromaterial, LieferantInnen aller Art, GesetzeshüterInnen auch aller Art und unsere lieben Gäste: im Hirscheneck gibt es keine Chefin und keinen Chef! [...]

Dafür gibt es das Kollektiv, das mit gleicher Verantwortung und gleichem Lohn den Betrieb organisiert. Alle zwei Wochen sitzen wir zusammen, um zu diskutieren, zu planen, zu träumen uns manchmal auch zu streiten und uns zu verlieben.

[...] Im Kollektiv zu arbeiten heißt ja nun nicht, dass alles, was sonst eine ChefIn denkt und macht, nun einfach in der Gesamtsitzung besprochen, durchdacht und beschlossen wird. Natürlich sind die Sitzungen der Ort, wo wichtige Entscheide getroffen werden, wo vergangenes diskutiert und über zukünftiges gestritten wird. Das allermeiste besprechen und entscheiden wir aber in Arbeitsgruppen. [...] Was nun nicht heißt, dass alle machen können, wie es ihnen grad passt. Die Verantwortung zu tragen heißt auch, bei den anderen mitzudenken, nachzufragen und Kritik zu üben. Der Konsens, wie wir zusammen arbeiten wollen, muss immer wieder von neuem erarbeitet werden.«

Das alles gilt auch noch heute – deshalb eben keine weitere Broschüre. Keine Frage an der Gesamtsitzung, wer denn einen Text schreiben könnte, kein betretenes Schweigen, kein »also gut, denn mach’s halt ich«. Keine zusätzliche Überforderung neben den hunderttausend kleinen Dingen, die immer noch erledigt werden sollten, neben der Diskussion über Reservationen und Frühstücksteller, neben Kommunikationspannen, Missverständnissen und Versäumnissen.

Selbstverwaltung mit politischem Anspruch

Dafür aber organisieren wir einen Selbstverwaltungs-Kongress. Am 4. und 5. April an der Uni Basel. Organisiert von uns, zusammen mit anderen Kollektiven und GenossInnen aus dem In- und Ausland. Wir wollen uns mit SelbstverwalterInnen, solchen, die es werden wollen und einfach Interessierten austauschen – über Sinn und Unsinn von Selbstverwaltung, über die politischen Aspekte, unsere Visionen und unseren Alltag. Aus der Einladung: »Dieses Jubiläum wollen wir zum Anlass nehmen, um unsere Betriebsstruktur und den politischen Aspekt mal wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Am Kongress möchten wir mit euch der Frage nachgehen, ob denn in selbstverwalteten Betrieben noch emanzipatorisches Potential steckt?

Hat die ‘Selbstverwaltung’ den politischen Anspruch eine bessere, menschlichere Welt möglich zu machen oder gar vorwegzunehmen? Und was können wir bei unserer Arbeit im Kollektiv lernen, für den
zwischenmenschlichen Umgang, der auf Gleichwertigkeit und Respekt beruht.«

www.selbstverwaltung.hirscheneck.ch
Restaurant Hirscheneck
Lindenberg 23, CH-4058 Basel
kongress(at)hirscheneck.ch

Kasten

DAS HIRSCHENECK UND SEIN DACH

Nicht ganz einfach ist die Struktur des Hirschenecks als Genossenschaft in der Genossenschaft. Für die meisten BesucherInnen oder Gäste ist »das Hirschi« einfach eine selbstverwaltete Kneipe und Konzertkeller. Zur Zeit führen 22 Personen den Betrieb als Kollektiv – organisatorisch: die Beizengenossenschaft. Bis auf wenige Ausnahmen arbeiten alle gleich viel (Teilzeit) bei gleichem Lohn. Es gibt zwei große Arbeitsbereiche: Service und Küche – viele arbeiten in beiden. Daneben gibt es noch die Kultur-Gruppe, die Buchhaltung und zahlreiche andere Bereiche, die mehr oder weniger oft rotieren, so dass alle einmal (fast) alles gemacht haben. Die Kneipe ist aber nur ein Teil. Im Haus ist noch ein Ladenlokal (Secondhand Kleider), zwei Ateliers (Modedesign und Kunst), Büros (Neues Kino, Homosexuelle Arbeitsgruppe Basel und das Institut für Antike Heeresgeschichte) und vier Wohnungen, welche zusammen die
Dachgenossenschaft (Hausbesitzerin) bilden. Die
MieterInnen-GenossenschafterInnen kümmern sich selbst um die Verwaltung und den Unterhalt der Liegenschaft.

Roger Portmann, Hirscheneck


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28.02.10    Roger Portmann <contraste@online.de>
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