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Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009, Seite 5)
EINE NEUE KOMMUNIKATIONSFORM
Mikroblogging
Twitter – der populärste Mikrobloggingdienst – geistert in der letzten
Zeit unerhört oft durch die Presse. Doch was hat es damit eigentlich auf
sich? Kann das Ganze sinnvoll von Sozialen Bewegungen und für
Selbstorganisationsprozesse eingesetzt werden? Wie funktioniert es
eigentlich konkret?
Timo Luthmann, Osnabrück # Mikroblogging ist eine eigenständige neue
Kommunikationsform. Sie ist keine Mode, und es ist davon auszugehen, dass
sie sich neben anderen Kommunikationsformen wie Chat, SMS oder E-Mail
etablieren wird. Dabei können Mikroblogs als eine Art persönliche oder
kollektive und meist öffentliche Kurznachrichtenticker umschrieben werden,
die aus 140 Zeichen (wie eine SMS) bestehen. Diese Kurznachrichtenticker
können von anderen Mikroblogs abonniert werden, wodurch ein Netzwerk von
AbonnentInnen entsteht.
Im Kern funktioniert Mikroblogging wie Mund-zu-Mund-Propaganda. Ihre
Kommunikation besitzt eine dialogische Qualität. Jedes Mikroblog kann
Nachrichten empfangen (von den Mikroblogs und Gruppen, die es abonniert
hat) und Nachrichten senden (an die Mikroblogs, die ein Abonnement von ihm
besitzen). Eine Stärke von Mikroblogs besteht in ihrer Flexibilität, d.h.
sie können über SMS, mobiles Internet oder ein normales Webformular, sowie
über Chatprogramme gefüttert und ausgelesen werden. Desweiteren sind sie
ein extrem schnelles Medium, welches bei Ereignisberichterstattung schon
oft Nachrichtenagenturen mit seiner Aktualität geschlagen hat. Dies liegt
zum einen an der Kürze der Nachrichten und andererseits an der hohen
Verfügbarkeit durch die mobile Anwendung und den vernetzten Charakter der
Mikroblogs. So entstehen durch Mikroblogs vernetzte Mikroöffentlichkeiten,
die durch ihre Aktualität, ihre Prominenz durch »Early Adopters« (Menschen,
die Technologien als Erste anwenden) und Multplikatoren einen digitalen
Raum darstellen, welcher in Bezug auf gesellschaftliche Trends als
Seismograf der Öffentlichkeit nicht unterschätzt werden sollte. Mit
weiterer Verbreitung wird die Suche in Mikroblogs in Zukunft das schnellste
Barometer für gesellschaftliche Konflikte und Trends darstellen.
Das flexible und schnelle Medium der Mikroblogs wurde schon vielfältig von
Sozialen Bewegungen eingesetzt.
Bürgerjournalismus
Dabei handelt es sich meist um spontane Berichterstattung vor Ort, wie
z.B. bei den Anschlägen von Mumbai oder bei den Aufständen in Griechenland.
Dabei taucht natürlich auch das Problem der Glaubwürdigkeit der Quellen
auf, wenn z.B. Menschen behaupten vor Ort zu sein und dies doch nicht sind.
Insgesamt bereichern Mikroblogs in einem Medienmix jedoch das Bild von
gesellschaftlichen Ereignissen und sind in ihrer Schnelligkeit
unschlagbar.
Viele Gegenöffentlichkeitsprojekte wie Freie Radios (z.B. Radio Corax),
Indymedia Centers, unabhängige Medienprojekte wie DemocracyNow und
Zeitungen wie die taz oder der Freitag nutzen Mikroblogs um ihre Inhalte
weiter zu streuen und als Feedbackkanal.
Ein weiterer Bereich, in dem Mikroblogs im Bürgerjournalismus eingesetzt
wurden, ist das Wahlmonitoring. Im Dezember 2008 wurden in Bangladesh
Mikroblogs zur Wahlbeobachtung benutzt. In den USA überwachten BürgerInnen
die letzte Präsidentenwahl mit Hilfe von Mikroblogs und dem Projekt Twitter
Vote Report. Der CCC (Chaos Computer Club) nutzte ein Mikroblog für die
Wahlcomputerbeobachtung in Brandenburg zur Kommunalwahl im Jahr 2008. Von
den Protesten gegen den G20-Gipfel und den Nato-Gipfel in Strasbourg
berichteten JournalistInnen wie AktivistInnen live mit Hilfe von
Mikroblogs.
Mobilisierung
Beim Generalstreik in Ägypten im April 2008 spielten Mikroblogs für die
Mobilisierung eine wichtige Rolle. Die Gruppe Labourstart benutzt
Mikroblogs zur Unterstützung von Solidaritätskampagnen für gefährdete
GewerkschaftsaktivistInnen und Streiks. Die Initiative »geh denken« nutzte
Mikroblogs für die Mobilisierung zu den Gegenaktivitäten von Europas
größtem Naziaufmarsch am 13./14.02.2009 in Dresden. Außerdem benutzt die
Kampagne »Atomausstieg selber machen« der deutschen Umweltverbände
ebenfalls ein Mikroblog.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Beim Klima-/Antiracamp in Hamburg wurde der
Open-Source-Mikroblogging-Dienst »identi.ca« im kleinen Rahmen benutzt, um
Presseinformationen zu veröffentlichen. DGB und IGM nutzen Mikroblogs auch
seit kurzem für Öffentlichkeitsarbeit.
Koordinierung und Selbstorganisation von Protesten und direkten Aktionen
Bei politischen Großveranstaltungen wie z.B. den Protesten gegen die
»Republican National Convention« (RNC) im September 2008 in Minneapolis/USA
wurden Mikroblogs intensiv genutzt. Es wurden gezielt Mikroblogs zu Themen
wie Vorbereitungsaktivitäten, Informationen über die Polizei,
DemosanitäterInnen oder Legal Team (AnwältInnen) angelegt. Darüber wurden
schnell und gezielt die Leute informiert, die diese Infokanäle abonniert
hatten. Beim größten Klimacamp in England wurde Twitter als schneller
Infoticker benutzt.
In Deutschland wurden Mikroblogs das erste Mal als ergänzender Infoticker
von Radio FSK bei den Gegenaktivitäten zum 1. Mai-Naziaufmarsch in Hamburg
2008 verwendet. Der erste Einsatz von Mikroblogging im größeren Stil für
politische Aktionen in Deutschland war der Castortransport im November
2008. Das besondere war, dass verschiedene Mikroblogs nicht nur als
Infoticker fungierten, sondern das mindestens sechs MikrobloggerInnen
direkt vor Ort waren und ihre dezentral gewonnen Erkenntnisse gepostet
haben. Diese Informationen wurden zusammen mit Informationen aus dem
SMS-Ticker der Bürgerinitiative und dem Radio Freies Wendland zu einem
schnellen Infoticker zusammengeschmolzen, der an Aktualität und
Schnelligkeit alle anderen übertraf. Hier zeigte sich das wirkliche
Potential von Mikroblogs, das Crowdsourcing von Informationen. Mikroblogs
sind mehr als nur Empfänger von Kurznachrichten. Sie sind auch Sender!
Bei den Protesten gegen den G20 Gipfel in London spielte Twitter für die
Koordinierung von Protestaktionen insbesondere für den Aufbau eines
temporären 24-Klimacamps in der Mitte der Stadt eine wichtige Rolle.
Monitoring von AktivistInnen
(Mikro-)Öffentlichkeiten können auch für verschiedenste AktivistInnen ein
Schutz sein. Ein gutes Beispiel hierfür ist der bekannt gewordene Fall des
ägyptischen Aktivisten Alaa, welcher auf seinem Mikroblog seine
AbonnentInnen die ganze Zeit während Demonstrationen, Aktionen usw.
informiert, ob er okay ist oder Repressionsmaßnahmen ausgesetzt. Es sind
weitere Fälle bekannt geworden, wo JournalistInnen und AktivistInnen
erfolgreich die Mikroöffentlichkeiten ihrer Mikroblogs als Schutz genutzt
haben, um im Ernstfall öffentliche Unterstützungsaktionen einzuleiten.
Diese Art des positiven Monitoring von AktivistInnen könnte auch in
Deutschland z.B. von Abschiebung bedrohten FlüchtlingsaktivistInnen sehr
nützlich sein.
Schaffung von Aufmerksamkeit
Unter Mithilfe von Mikroblogs schafften Protestierende gegen die
kommunistische Regierung in Moldawien weltweite Öffentlichkeit zu erlangen,
indem sie von den Aufständen in Chisinau berichteten und unter den Hashtag
(s.u.) #pman (Abkürzung für den größten Platz in Chisinau) die
Exilcommunity in die Diskussion mit einbezogen.
Wie sieht Mikroblogging konkret aus?
- Account erstellen
Hierbei kommen im wesentlichen zwei Dienste zur Auswahl. Twitter.com ist
der populärste kommerzielle Mikroblogging-Dienst mit mindestens 6 Millionen
NutzerInnen, welcher derzeit noch umsonst ist und ohne Werbung
funktioniert. Der zweite Dienst besteht aus einem dezentralen Netzwerk von
Mikroblogging-Servern, die mit der Open-Source-Software laconi.ca betrieben
werden, bei denen jeweils funktional an Twitter angelehnte Mikroblogs
eingerichtet werden können. Der größte Laconica-Mikroblogging-Server ist
http://identi.ca und ein auf Soziale Bewegungen spezialisierter
Mikroblogging-Server ist http://mikro.mensch.coop. Für beide Dienste,
Twitter wie Laconica-Mikroblogs, gibt es Vor- und Nachteile und ich halte
es für sinnvoll, sich bei beiden einen Account (am besten mit dem selben
Namen!) zu machen, da Twitter sehr komfortabel in ein Laconica-Mikroblog
integriert, und das ganze dann parallel betrieben werden kann.
Bei der Accounterstellung sollte auf jeden Fall ein sogenannter Avatar,
ein Platzhalterbildchen, hochgeladen werden. Ob abstrakt oder persönlich
obliegt dem
Zweck des Mikroblogs und den persönlichen Datenschutzvorstellungen.
Wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass es sich um öffentliche
Kommunikation handelt. Genauso sollte mit den Zusatzangaben im Mikroblog
umgegangen werden. Generell gilt, wenn es für politische Zwecke eingesetzt
wird, sich so datensparsam wie möglich zu fassen und wenn es zum Zweck
persönlicher Repräsentation genutzt wird, so datensparsam wie nötig.
2. Handy und Zusatzwerkzeuge einrichten
Generell müssen Mikroblogs nicht mobil genutzt werden, sondern die
Mobilnutzung stellt einfach nur eine interessante Zusatznutzung dar, die
z.B. für JournalistInnen und politische AktivistInnen eine Bereicherung
darstellt. Mikroblogs können über SMS gefüttert und ausgelesen werden,
jedoch stellt diese Variante in Deutschland nur in Ausnahmefällen wie z.B.
zu gezielten Events eine sinnvolle Nutzung dar, weil die SMS bei Twitter
hierfür 40 Cent und bei mikro. mensch.coop ca. 20 Cent kostet und im Falle
von mikro.mensch derzeit nur mit Vertragshandys funktioniert. Die
eleganteste Nutzung ist die über mobiles Internet des Handys. Mikroblogging
verursacht, wenn es nicht exzessiv genutzt wird, relativ wenig Datenvolumen
und die Preise für mobiles Internet sind derzeit stark am fallen. Dabei
sollten die für die mobile Nutzung optimierten Internetadressen
http://m.twitter.com oder http://m.mikro.mensch.coop genutzt werden, welche
weniger Datenvolumen produzieren und auf Handys übersichtlicher sind.
Wer Mikroblogging auf Dauer leistungsfähiger und komfortabler gestalten
möchte installiert sich auf seinem Computer eine sogenannte
Desktopapplikation, von welcher bequem ein oder mehrere Accounts verwaltet,
Nachrichten gepostet und empfangen werden können, ohne dass die
Internetseite konsultiert werden muss. Hier ist z.B. das Programm Twhirl
empfohlen, welches unter jedem Betriebssystem läuft und sowohl mit
Laconica-Mikroblogs als auch mit Twitter funktioniert. Darüber hinaus gibt
es eine Vielzahl von weiteren Handy-, Web- und Desktopapplikationen.
3. Interessante Mikroblogs finden und abonnieren
So können die internen Suchmaschinen sowie plattformübergreifende
Mikroblogsuchmaschinen wie z.B. Twingly genutzt werden, um nach
Schlagwörtern und Personen zu suchen und interessante Mikroblogs zu finden.
Weiter können die AbonnentInnen-Listen der interessanten Mikroblogs nach
weiteren »durchforstet « werden. Eine Besonderheit ist, wenn z.B. Ein
Laconica-Mikroblog auf mikro.mensch.coop auf einem anderen
Laconica-Mikroblogging-Server wie z.B. identi.ca ein Mikroblog abonnieren
möchte. Dabei muss man in seinem Account eingeloggt sein, dann auf den zu
abonnierenden Mikroblog gehen und schließlich seine eigene Profil-URL wie
z.B. mikro.mensch.coop/accountname angeben.
4. Kurznachrichten veröffentlichen
Die Nachrichten können nicht mehr als 140 Zeichen haben und es sollte
daran gedacht werden, dass die Nachrichten aufgezeichnet werden und
öffentlich sind. Wichtig ist bei den Kurznachrichten, dass sie mit
sogenannten Hashtags (Hash = Raute # + Tag = Schlagwort) versehen werden,
wodurch die Nachrichten besser auffindbar werden wie z.B. als
Kurznachrichten mit dem Hashtag #castor zeigen markieren alle Nachrichten
zum Castortransport.
Ausblick
Das Wichtigste bei einer neuen Kommunikationsform ist es, sie einfach mal
auszuprobieren. Erst hierbei stellt sich ein wirkliches Verständnis und
Gefühl für Mikroblogging ein. Dabei sollte mensch nicht nur die
Mainstream-Plattform Twitter konsultieren, sondern auch dezentralen
politischen Alternativen wie z.B. Mikro.mensch.coop eine Chance geben, die
offene Standards verwenden wie das OMB-Format, stabiler laufen und mit
Open-Source-Software betrieben werden.
Links zum Artikel:
Twitter: http://twitter.com
Laconica-Mikroblogging-Dienst für soziale Bewegungen:
http://mikro.mensch.coop
größter Laconica-MB-Server: http://identi.ca
Mikroblogssuchmasche Twingly:
www.twingly.com/microblogsearch
Applikationen für laconica:
http://laconi.ca/trac/wiki/Apps
Desktop-Applikation Twhirl:
http://twhirl.org/
Web-Applikation Ping.fm: http://ping.fm
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