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Geflüchtete Täter, vertriebene Opfer? - Für einen kritischen erinnerungspolitischen Diskurs

Aus CONTRASTE Nr. 296 (Mai 2009, Seite 4)

NETZWERK NEWS

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Geflüchtete Täter, vertriebene Opfer?

Für einen kritischen erinnerungspolitischen Diskurs

Nach einer kontrovers geführten öffentlichen Debatte in den Jahren 2002 und 2003 um die Art und Weise der öffentlichen Erinnerung an Flucht und Zwangsaussiedlung von Deutschen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, einigten sich Union und SPD im Koalitionsvertrag 2005 auf die Errichtung eines »sichtbaren Zeichens gegen Vertreibungen«. Ende 2008 beschloss der Deutsche Bundestag als Umsetzung die Gründung der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums.

Kernprojekt der Stiftung soll eine Dauerausstellung sein, deren Hauptakzent »Flucht und Vertreibung der Deutschen« sein soll. Zwar ist im Konzept die Rede von einer »Einbettung in den historischen Kontext«, aber wie diese aussehen soll, wird völlig offen gelassen. Konzeptionell und inhaltlich soll die Dauerausstellung an die im Sommer 2006 in Berlin gezeigte Ausstellung »Flucht, Vertreibung, Integration« anknüpfen. In dieser Ausstellung kam der historische Kontext der Zwangsaussiedlungen – die Minderheiten- und Volkstumspolitik des Deutschen Reichs, der Vernichtungsfeldzug und die Besatzungspolitik der Deutschen – hingegen nur am Rande, sozusagen als »Vorspiel« des eigentlichen Geschehens vor.

Die Konzeption suggeriert, die Stiftungsgründung sei das Resultat eines gelungenen Ausgleichs unterschiedlicher Interessen. Dies ist nicht der Fall: Wesentliche Positionen der Debatten seit 2002 fallen hier einfach unter den Tisch. Stattdessen hat sich der »Bund der Vertriebenen« (BdV) mit seinen Vorstellungen weitgehend durchgesetzt.

Der »Arbeitskreis Geschichtspolitische Interventionen« (AGI), eine kleine, parteipolitisch nicht gebundene unabhängige Initiative aus Berlin, setzt sich für eine kritische Diskussion um ein Vertreibungszentrum, mit der Rolle des BdV und der Geschichtspolitik der Bundesregierung auseinander.

Im Frühjahr plant die Bundesregierung ein wissenschaftliches Symposium zur Errichtung der Stiftung, indem allerdings nur wohlgesonnene ReferentInnen eingeladen werden. Zeitnah zu dieser Veranstaltung organisiert AGI eine alternative, öffentlichkeitswirksame Podiumsdiskussion mit kritischen HistorikerInnen, die durch vertiefende Workshops ergänzt werden soll. Darin soll zum einen die politische Durchsetzung der neugegründeten Stiftung kritisch reflektiert werden, wobei es AGI wichtig ist, insbesondere VertreterInnen aus Polen und ihrer Perspektive auf die Erinnerung an Flucht und Zwangsaussiedlungen in Deutschland ein Forum zu bieten. Im Gegensatz zu dem unilateralen Vorgehen der Bundesregierung will die Gruppe mit VertreterInnen kritischer Positionen aus Polen in einen Dialog treten und gemeinsam Möglichkeiten einer politischen Intervention ausloten. Aktuelle Informationen zu den Veranstaltungen finden sich unter:
http://agi.blogsport.de.

Katja Grabert

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