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Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 8)
CAFÉ AUTONOMICUM, GÖTTINGEN
»Dann besorge ich halt ein neues Glas Kaffeeweißer«
Kaffee gegen Spende und ohne Konsumverpflichtung – das selbstverwaltete
StudentInnencafé Autonomicum in Göttingen arbeitet ohne feste Theken-Crew
und ohne Preisliste. Mit vielfältigen Aktionen konnte der repressionsfreie
Raum im Unigelände zur Nutzung erstritten werden.
Kai Böhne, Redaktion Göttingen # Wer »zwischen Seminar und Vorlesung im
alltäglichen Uni-Stress mal einen Ruhepunkt braucht«, der findet im Café
Autonomicum einen »selbstorganisierten Ort«, verkündet eine Göttinger
StudentInnenzeitung. Im Erdgeschoss des 13-stöckigen Mehrzweckgebäudes auf
dem Campus der Universität Göttingen, das wegen seiner blau schimmernden
Fenster unter StudentInnen nur »Blauer Turm« genannt wird, gibt es seit
Juni 2008 wieder ein selbstverwaltetes Freiraum-StudentInnencafé.
Doch dieses Angebot fiel nicht vom Himmel. Ein Jahr wurde um ein
Freiraum-Café in zentraler Lage auf dem Campus gestritten. Nach
vielfältigen, öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten gelang es im Frühjahr
2008 einer Vorbereitungsgruppe, mit dem Gebäudemanagement der Universität
einen Nutzungsvertrag abzuschließen. Zuvor hatte die Gruppe den »Verein für
kommunikative Freiräume« gegründet. Der Verein trat als Vertragspartner
auf. (vgl. »Chronologie«) Das Autonomicum verfügt weder über ein
MitarbeiterInnen- Kollektiv noch über eine feste Thekencrew. Auf zweiwöchig
stattfindenden NutzerInnenplena werden organisatorische Dinge besprochen.
Sogenannte »Care-Groups«, vielfach studentische Basisgruppen, sind jeweils
für eine Woche für den Betrieb, den Einkauf, die Geschirrreinigung per
Geschirrspülmaschine, das Aufräumen und die Raumreinigung zuständig.
Internet und Sofaecke
Nach dem Durchschreiten der stets offenen Eingangstür zeigt sich ein etwa
50 Quadratmeter großer und zirka fünf Meter hoher Raum mit vielen
Fensterflächen. Er enthält sieben Gruppentische, zwei Computerarbeitsplätze
mit Internetzugang und im hinteren Teil eine Sofaecke mit flachem
Couchtisch und Polstermöbeln. Für StudentInnen mit Kleinkindern hat die
Gleichstellungsbeauftragte der Universität einen flauschigen Teppich,
Holzbauklötze und Spielzeug zum Greifen und Tasten für eine Spielecke
spendiert.
Rechter Hand vom Eingang befindet sich eine etwa vier Meter lange
Küchenzeile mit Spüle und Ablagefläche. Darunter sind ein Kühlschrank und
ein Geschirrspüler
eingebaut. Seitlich versetzt befinden sich Hängeschränke.
In der Ecke, auf der rechten Außenseite der Ablagefläche, steht eine große
Kaffeemaschine. Darüber ist der Ausriss einer Kaffeepackung namens »la
cortadora
«, ein fair gehandelter Biokaffee, mit Klebeband an die Wand geheftet.
»Die aktuell ausgeschenkte Marke soll jeweils ausgehängt werden, so ist es
auf dem Plenum verabredet worden«, erklärt Christoph, der damit beschäftigt
ist, einen neuen Filter mit Kaffeepulver zu füllen.
Spendenbüchse an die Wand gedübelt
Über der Spüle ist eine Geldkassette mit einem Einwurfschlitz an die Wand
gedübelt. Diese Maßnahme soll verhindern, dass die Spendendose abhanden
kommt. Von den Spendeneinnahmen wird Kaffee, Tee, Milch und Zucker
eingekauft. Die jeweils zuständige Basisgruppe verfügt über den Schlüssel
zur Geldkassette und über einen weiteren Schlüssel zu einem Vorratsschrank,
in dem die Bestände an Kaffee, Tee und Zucker gelagert werden. »Unsere
Gruppe bemüht sich, Bioprodukte einzukaufen, soweit dies die Spendenlage
zulässt«, erläutert Christoph. Feste Vorgaben für Einkäufe gibt es nicht.
»Vorrangiges Ziel ist es nicht, die StudentInnen und NutzerInnen des Cafés
kulinarisch zu versorgen«, erklärt Felix. »Das Café soll vor allem einen
repressionsfreien Kommunikationsraum bieten, ohne Konsumverpflichtung.«
Felix arbeitet seit Bestehen im Café mit und hat sich auch in den Monaten
davor an Verhandlungen mit dem Gebäudemanagement der Universität zur
Durchsetzung eines selbstverwalteten Freiraums beteiligt. »Eine Erweiterung
des Angebots in Form von Mineralwasser, Säften, belegten Brötchen oder
Kuchen ist nicht geplant, auch wenn einige BesucherInnen das sicher gern
annehmen würden«. Der Transport von Getränkekisten würde Probleme bereiten,
da die meisten StudentInnen über kein Fahrzeug verfügen, meint Felix. Zudem
musste sich der Trägerverein im Nutzungsvertrag mit der
Universitätsverwaltung verpflichten, nicht in Konkurrenz zu Angeboten des
Studentenwerks in Mensa und Cafeteria zu treten.
Gleichwohl ist es Arbeitsgruppen möglich, gemeinsam im Autonomicum zu
frühstücken. Hiervon wird durchaus Gebrauch gemacht. Die benötigten
Frühstückszutaten werden von den Beteiligten mitgebracht. Nicht verbrauchte
Lebensmittel können im Kühlschrank für das nächste Frühstück gelagert
werden.
Anlaufstelle im Uni-Alltag
Das Autonomicum bietet Freiraum für vielfältige Aktivitäten. Hier treffen
sich neben studentischen Arbeitsgruppen, die ein Referat vorbereiten, auch
Hochschul-
Listen, die mit politischen Zielen Einfluss auf den Uni-Betrieb nehmen
möchten. Gelegentlich kommen auch VertreterInnen von sozialen Initiativen
aus der Stadt vorbei, um Plakate aufzuhängen oder Informationsmaterial
auszulegen. Felix ist es wichtig, dass das Café »im Uni-Alltag als linke
Alternative sichtbar ist, wo
man AnsprechpartnerInnen und Informationen findet. Darüber hinaus dient
das Autonomicum der Linken an der Uni als Organisationsbasis und
Veranstaltungsraum «. Bücherwurm Thorsten verweist stolz auf die von ihm
initiierte erste und einzige Bookcrossing-Zone in Göttingen. Auf einem
Regal neben der Sofaecke hat er sie eingerichtet. Hier werden ausgelesene
Bücher, die zuvor mit einer Identifikationsnummer versehen wurden,
»freigelassen«. Jede/r kann sie zum Lesen mitnehmen. Auf der Webseite der
Bookcrosser kann später der Weg der Bücher samt Kommentierung verfolgt
werden.
Ein halbes Jahr hat sich das Konzept der InitiatorInnen, ohne festes
Café-Kollektiv und ohne Preisliste zu wirtschaften, getragen. »Das
Autonomicum wird von den StudentInnen sehr gut angenommen«, resümiert
Felix: »Die Spenden reichen aus, um den verbrauchten Kaffee und Tee
nachzukaufen.« Neue Regale und andere Ausstattungsgegenstände werden
gespendet oder über die Fachschaften finanziert.
»Ich trinke meinen Kaffee lieber mit Kaffeeweißer, als mit Milch«, erklärt
Jürgen. »Wenn ich sehe, es ist keiner mehr da, dann besorge ich halt auf
dem Weg
zur Uni ein neues Glas.« Die Selbstorganisation scheint hier zu
funktionieren.
www.bb-goettingen.de
www.bookcrossers.de/bcd/home/kurz
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