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Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Schwerpunktthema, Seite 1)
ELEMENTE SOLIDARISCHER ÖKONOMIEN
Freiräume in Selbstverwaltung
Sie hatten »genug von Fremdbestimmung und Hierarchie«, die GründerInnen
der Beizengenossenschaft Hirscheneck in Basel vor 30 Jahren. Die Kneipe
gibt es noch immer, das Kollektiv hat sich bis heute seinen Freiraum
bewahrt und lädt zu einem reflektierenden Selbstverwaltungs-Kongress ein. –
In dieser Ausgabe setzen wir das Thema »betriebliche Selbstverwaltung« vom
Februar fort und legen den Schwerpunkt diesmal auf die Auseinandersetzungen
um Freiräume, die erkämpft und erhalten werden wollen.
Peter Streiff, Redaktion Stuttgart # Die Kongress-Einladung aus Basel mag
sich für viele wie ein Gruß aus vergangenen Zeiten anhören: »Wir möchten
mit Euch der Frage nachgehen, ob denn in selbstverwalteten Betrieben noch
emanzipatorisches Potential steckt? Hat die ‘Selbstverwaltung’ den
politischen Anspruch eine bessere, menschlichere Welt möglich zu machen
oder gar vorwegzunehmen?«
Immerhin stellt das Hirscheneck-Kollektiv die alten Fragen wieder einmal
in einem größeren Rahmen zur Diskussion. Der interessierte taz-Leser oder
die taz-Genossin wird sie wohl am »Tuwas-Kongress« zum 30. Geburtstag Mitte
April vergebens suchen: Die Themen Solidarische Ökonomie oder
Selbstverwaltung fehlen im Programmentwurf völlig. Der Zeitgeist in Berlin
scheint sich eher um die Auswirkungen der Finanzmarktkrise, den politisch
korrekten Klimaschutz oder schwarz-grüne Ängste zu kümmern.
Im Hirscheneck gelten wie vor 30 Jahren dieselben Grundsätze, dass es
keine/n ChefIn gibt und dass alle im Kollektiv für die gleiche
Verantwortung den gleichen Lohn erhalten. Ein wichtiger Grund, dass das
»Hirschi« immer noch kein bisschen leise ist, liegt wohl auch im
strukturellen Freiraum, den sich die GründerInnen schufen. Denn der Betrieb
der Kneipe ist von der Dachgenossenschaft, die das Haus besitzt,
organisatorisch getrennt.
In Göttingen hat das »Basisdemokratische Bündnis der StudentInnen« seinen
»ersten Schritt zu einer freien Gesellschaft« vor einem Jahr hinter sich
gebracht. Mit dem erkämpften Nutzungsvertrag für das Café Autonomicum haben
sich die StudentInnen einen Freiraum »ohne Fremdbestimmung und Hierarchie«
– und damit auch ohne Konsumzwang – geschaffen. Druck von der Straße, eine
gut organisierte Besetzung und parallele Verhandlungen des Vereins für
kommunikative Freiräume waren erfolgreich: Miete muss nicht bezahlt werden,
Kaffee gibt’s gegen Spende.
»Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!« – die Geschichte der
Fabrikbesetzung in Nordhausen hatte Ende 2007 bundesweit für Aufsehen
gesorgt. Mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Aktion hatten die
FahrradwerkerInnen auf ihre gnadenlose »Platt-Sanierung« eindrucksvoll
hingewiesen und die Abwicklung nicht kampflos hingenommen. Vollkommen
selbstverwaltet und ohne Chefs produzierten sie 1.837 »Strike-Bikes«. Der
Beitrag des Berliner Fahrradladens Radspannerei beleuchtet die hektische
Entwicklungsphase des neuen Fahrrads, an der die Radspannerei aktiv
beteiligt war.
Die Beispiele zeigen, dass Freiräume nur dann selbst bestimmt gestaltet
werden können, wenn die Verfügung über Produktionsmittel oder Grundstücke
durch die eigenen, kollektiv organisierten Strukturen gewährleistet ist.
Besonders relevant ist dies für Menschen, deren Lebensgrundlagen in ihren
Ländern gefährdet sind. Auf der Finca Sonador in Costa Rica haben im
Verlauf der letzten 30 Jahre 400 Flüchtlinge nicht nur Zuflucht gefunden,
sondern auch ein neues Leben aufbauen können. Voraussetzung war und ist das
gemeinschaftliche, durch Spenden finanzierte Eigentum an mittlerweile 780
Hektar Land.
Freiräume erkämpfen steht am Anfang und ist oft notwendige Voraussetzung
für selbstverwaltetes Wirtschaften im eigenen Betrieb. Danach stellt sich
die Frage, wie der gemeinsame Alltag organisiert werden kann und welchen
konkreten Nutzen die Beteiligten aus der basisdemokratischen Gestaltung
ihrer Freiräume ziehen. Als »Werkstatt der Zusammenarbeit« hat der
Oktoberdruck seinen gelebten, 35-jährigen Widerspruch zwischen Anspruch und
Wirklichkeit im Februar-Schwerpunkt
bezeichnet und optimistisch in die Zukunft geblickt: »Sich damit
auseinander zu setzen, was menschen- und umweltverträgliche Arbeitsformen
sind, ist unserer Meinung nach für viele, auch jüngere Leute wieder
interessant und daher auch nicht überholt.« Die Auswirkungen der
Finanzmarktkrise und die globalen Energiekrisen dürften diesen Optimismus
noch verstärken. Eine bessere, andere Welt ist möglich!
Schwerpunktthema Seite 7 bis 9
Im Mai setzen wir das Thema fort mit einem Beitrag zu den
Arbeitsbedingungen bei ambulante dienste e.V. in Berlin, einem 1981 aus den
sozialen Bewegungen gegründeten Verein für das Selbstbestimmungsrecht von
Menschen mit Behinderungen
SCHWERPUNKTTHEMA
Beizengenossenschaft Hirscheneck, Basel
30 Jahre Selbstverwaltung – und kein bisschen leise Seite 7
Finca Sonador, Costa Rica
Freiraum für Flüchtlinge seit 30 Jahren Seite 7
Café Autonomicum, Göttingen
Erster Schritt zu einer freien Gesellschaft Seite 8
Radspannerei & Strike Bike, Berlin/ Nordhausen
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt Seite 9
Buchbesprechung
Solidarische Ökonomie sichtbar machen Seite 9
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Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen
breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien
berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben,
alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere
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