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Buchbesprechung: Die Welt geht vor die Hunde

Aus CONTRASTE Nr. 295 (April 2009, Seite 14)

Die Welt geht vor die Hunde

Und zwar mit Wucht und ohne Ausweg: die Szene um Journalisten und Künstler in Berlin-Mitte erlebt nichts Neues, Personen mit mehreren Identitäten jagen in Freiburg Geister, Neonazis morden und tyrannisieren Baden-Württemberg und – und das ist das größte Problem – alles ist infiltriert von Zombies und Zombiotikern. Dazu kommt, dass alle Protagonisten, von denen es in den mindestens acht verschiedenen Handlungssträngen einige gibt, absolut verstört oder viel zu normal sind. Der Vater von Valerie zum Beispiel tötet in seiner Freizeit kleine Jungs, die seine Frau, Valeries Mutter und Ex-Tote, aus der Kühltruhe im Keller an Zombies verfüttert – aus Mitleid. Zum Glück gibt es noch ein paar Superhelden, die ohne ihre übernatürlichen Fähigkeiten keine Chance hätten. Die kennen sich untereinander aus ihrem Heimatort, der dem Geburtsort Dahts ähnelt; dadurch kreuzen sich die Handlungsstränge und die Entwicklung der Charaktere wird gezeigt. Metaphorisch beschreibt Dath die beschissenen Zustände der realen Welt und zeigt den Weg aus den Subkulturen zur Weltrevolution.

Und weil Daht ein intelligenter Autor ist, strotzt der Text vor politischen Anspielungen: auf Literatur, Diplomatie, gesellschaftliche Zustände. Der Punk schließt sich den Nazis an, weil das doch spannender ist, während der Sozialarbeiter mit der Nazi-Schlägerin schläft, die beiden Journalisten führen endlose Gespräche über den Zustand der alternativen Kulturszene und Hillary Clinton weiß nicht weiter. Seitenhiebe gegen die NATO und Militarismus; Thesen zu Pädophilie, den Schulden der Dritten Welt, Videokunst, Messer, haitianische Küche, Fernsehen, moderne Krankheiten, Wladimir Putin; Zitate unter anderem von Carl Schmitt und eine moderne Fassung der Revolutionstheorie – ein politischer Rundumschlag verpackt in einen ebenso spannenden, abgedrehten wie lustigen Roman, mit dem Dath seine Leser in die Konflikte der deutschen Linken schleudert, zwischen Moderne, Poststrukturalismus, politischer Korrektheit und Pop-Politik. Dieser Rundumschlag ist aber weder flach noch überladen: den Hintergrund bilden Abhandlungen über Foucault, Kapitalismuskritik und Lenin, die filigran in die Handlung eingeflochten sind.

Dath lässt sich stilistisch nicht festlegen, vielmehr vermischt er Popliteratur, das antike Stilmittel der Kapitelüberschriften und postmoderne Erzählung mit überzogenen fantastischen und Horror-Elementen. Was teils wie ein Märchen klingt, wird schnell zu einer propagandistischen Welterklärung und endet in haufenweise wiederkehrenden
Gewaltschilderungen.

Der Autor Dietmar Dath schreibt viel, dass gilt nicht nur für die Seitenzahl (1.021) dieses Romans, sondern auch für seine weitere Produktivität: einige Romane schrieb er bereits, arbeitet als Journalist an gesellschaftlichen und kulturellen Themen, war Chefredakteur der Spex und Redakteur im Feuilleton der FAZ. Der Roman »Für immer in Honig« erschien zuerst 2005 nur in kleiner Auflage und ist jetzt beim Verbrecher-Verlag in einer Neuauflage erhältlich, deren hellgrüner Einband einen gelungenen Kontrast zum Inhalt darstellt.

Wer noch mehr Gründe braucht, das Buch unbedingt zu lesen: es enthält einfach alles, was ein gutes Buch braucht: ausreichend Liebe (auch oft genug in Form reiner Sexualität), Gewalt und Drogen und die Lösung.

ANI

Aus: terz Düsseldorfer Stattzeitung 2.09

Dietmar Dath: Für immer in Honig, Verbrecher Verlag Berlin, 2008


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